Pinneberg
Horst

Mit glücklichen Kühen aus der Milch-Krise

Foto: Anne Dewitz / HA

In Horst hat für die Tiere nun die Freiluftsaison begonnen. Ökobauern setzen auf Regionalität – und gewinnen damit viele neue Kunden.

Horst.  Die Kühe sprangen vor Freude, schlugen übermütig aus, galoppierten ausgelassen über die Wiese, als die Landwirte Ralf Bahlmann und Christian Ratjen die Stalltüren öffneten. Für 180 Milchkühe hat die Freiluftsaison begonnen. In der Milchviehhaltung, die extremen Preiskämpfen unterworfen ist, keine Selbstverständlichkeit mehr. „Dabei sind artgerecht gehaltene Kühe gesünder und robuster“, sagt Christian Ratjen. Seine Familie betreibt zusammen mit der Familie Bahlmann den Hof Hackelshörn.

Seit 2010 verfügt der über eine hochmoderne Melkanlage. „Bei acht bis zehn Litern Milch geht die Kuh allein zum Abmelken“, sagt Bahlmann. So kommen täglich 3500 Liter Milch zusammen, die an die Meierei Horst geliefert werden.

Die stand im April 2014 noch kurz vor dem Aus, weil immer mehr Lieferanten absprangen. Ende 2005 waren es 60 Bauern, 2012 nur noch 39. Dann übernahmen Ökobauern aus den Kreisen Pinneberg und Segeberg die Genossenschaft und öffneten sie für Verbraucher, um sich finanziell stabiler aufzustellen. Derzeit hat die Genossenschaft 200 Mitglieder. Erklärtes Ziel sind 1000 Mitglieder in drei bis fünf Jahren. Die Meierei bezieht ihre Milch von elf Milchbauern, die seit Januar allesamt auf genfrei umgestellt haben.

„Artgerechte Tierhaltung und nachhaltiges Wirtschaften sind verpflichtend für alle Milchbauern, mit denen wir zusammenarbeiten“, sagt Hans Möller, Vorstandsmitglied der Meierei Horst. Im Gegensatz zu den meisten Verbänden schreibt die Genossenschaft ihren Produzenten keine feste Anzahl von Tagen für den Weidegang vor. Die meisten Tiere stünden je nach Wetterlage deutlich länger als 120 Tage im Jahr auf der Weide und überträfen damit die in der Branche verbreitete Kennzahl für die Bezeichnung „Weidemilch“.

Die Produktpalette ist gewachsen. „Wir haben jetzt auch Joghurt, Quark, Crème fraîche und Meersalzbutter“, sagt Möller. Die Vermarktung allerdings fordert einiges ab. Während der Einzelhandel längst bereit sei, höhere Preise für Qualität zu zahlen, geht es im Großhandel oft nur um den Preis. Der liegt für eine Tüte Milch aus der Meierei Horst bei 1,19 Euro und damit im oberen Drittel. Dabei gibt es für die Verbraucher gute Gründe, zu Milch von „Freigängerkühen“ zu greifen, so Müller. „Grasbasierte Milch hat eine andere Fettstruktur als Milch aus Stallhaltung. Sie enthält mehr gesunde Omega-3-Fettsäuren.“

Nun gilt es, die Produkte am regionalen Markt zu platzieren. Ein neues Design der Verpackungen soll dabei helfen. „Mit dem neuen Design wollen wir die hohe Wertigkeit unserer Produkte herausstellen und auf die Umstellung auf genfrei hinweisen“, so Müller. Auf den Tüten sind Fotos der Milchbauern zu sehen. Das neue Design hat auch wieder die Hamburger Agentur „Mutter“ erdacht.

„Um langfristig wirtschaftlich bestehen zu können, müssen wir 14 Millionen Liter im Jahr verarbeiten“, sagt Möller. Das ist die Milch von etwa 2500 Kühen. Derzeit sind es fünf Millionen Liter, die von den Höfen in der Region einsammelt werden. Mit diesem Festpreis von derzeit 30 Cent pro Liter wollen sich die Genossen frei von den marktüblichen Preisschwankungen auf dem globalen Markt machen. In den vergangenen zwei Jahren lag der Marktpreis mit 21 Cent weit darunter.

Regionales liegt im Trend. Allerdings müssen die Bauern bei den Großhändlern Überzeugungsarbeit leisten. Mit zunehmendem Erfolg: „Wir befüllen neuerdings auch die Famila-Eigenmarke“, sagt Tatjana Tegel, kommissarische Geschäftsführerin der Meierei Horst. Zudem finden die Produkte zunehmend Anklang in der Schulverpflegung und werden von Mahlzeit 4 Kids in Elmshorn und von der „Porschke Menümanufaktur“ in Rellingen eingesetzt. Zudem beliefert die Meierei seit einigen Monaten die Uni Kiel und jetzt auch Flensburg und Lübeck. Tegel: „Und im direkten Umfeld in und um Horst verwenden verschiedene Kindergärten unsere Milch.“