Pinneberg
Quickborn

Explosion: Kirchenglocken läuten zum Gedenken

Fast ausschließlich Frauen seien vor 100 Jahren unter den Opfern gewesen, so Irene Lühdorff von der Geschichtswerkstatt

Fast ausschließlich Frauen seien vor 100 Jahren unter den Opfern gewesen, so Irene Lühdorff von der Geschichtswerkstatt

Foto: Burkhard Fuchs

Vor 100 Jahren flogen morgens um 6.58 Uhr zwei von drei Munitionsfabriken in Quickborn-Heide in die Luft. 400 Menschen starben.

Quickborn.  Es war damals eine der größten Katastrophen im Kreis Pinneberg. Jetzt jährt sie sich zum 100. Mal. Am 10. Februar 1917, Ende des Ersten Weltkrieges, flogen um 6.58 Uhr die Sprengstoffwerke Thorn und Glückauf in Quickborn-Heide komplett in die Luft. Die gewaltige Explosion, die in dem Industriegebiet zwischen Ulzburger Landstraße, Friedrichsgaber Straße und Feldweg weithin zu hören war, hat bis zu 400 Menschen das Leben gekostet.

Jetzt will die Stadt Quickborn dieser Opfer mehrfach gedenken. So sollen am Unglückstag, Freitag, 10. Februar, genau um 6.58 Uhr alle Kirchenglocken der Stadt fünf Minuten lang läuten. Die Kirchengemeinde Quickborn-Heide plant zudem am 10. Februar um 18 Uhr einen Gedenk-Gottesdienst abzuhalten, kündigt Pastorin Solveig Nebl an.

Bürgervorsteher Henning Meyn wird an diesem Tag auf dem Nordfriedhof, wo bereits ein Mahnmal an das Unglück erinnert und 107 Tote des Unglücks bestattet wurden, um 14 Uhr einen Kranz niederlegen. Zudem wird eine neue Straße an das Ereignis erinnern, wenn das Gelände in Quickborn-Heide im nächsten Jahr mit Wohnungen neu bebaut wird, entschied jetzt der zuständige Fachausschuss auf Antrag der CDU. Der Name muss noch gefunden werden. Die CDU schlug dafür bereits als mögliche Bezeichnungen „An den Sprengstoffwerken“, „Altes Werksgelände“ oder Glückauf-Straße vor.

Zeitgleich zeigt die lokale Geschichtswerkstatt im Rathaus-Foyer sowie in der Martin-Luther-Kirche an der Lornsenstraße eine Ausstellung über das Unglück. Unter den Opfern seien fast ausschließlich Frauen gewesen, so Irene Lühdorff von der Geschichtswerkstatt. Während die Männer an der Front waren, sorgten Frauen an der Heimatfront für den Munitions-Nachschub.

Die meisten Arbeiterinnen seien aus Hamburg mit der AKN-Bahn in das damals kaum besiedelte Quickborn gekommen. Sie arbeiteten auf dem weitläufigen Gelände der Munitionsfabriken, die unter den Bezeichnungen Norddeutsche Sprengstoffwerke, Explosionsstoffwerke Thorn und Hamburger Explosivstoffwerke Glückauf firmierten und einem Eigentümer aus Hamburg gehörten, wie die inzwischen verstorbene Hella Neddermeyer für die Geschichtswerkstatt recherchiert hatte.

Sie schreibt, dass damals zwei Fabriken explodiert seien, die zusammen 2000 Menschen sechs Tage lang rund um die Uhr beschäftigt haben sollen. Es war gerade Schichtwechsel, was die hohe Zahl der Opfer erklärte. Drei Lazarettzüge voll mit Verletzten sollen in die nächste Klinik nach Hamburg gefahren sein. Die Ursache des Unglücks konnte ebenso wenig geklärt werden wie die genaue Zahl der Opfer, die zwischen 215 und 400 gelegen haben soll.

Gebaut wurde die erste Quickborner Munitionsfabrik bereits in den 80er-Jahren des 19. Jahrhunderts, was ein Beleg für das frühe Wettrüsten im deutschen Kaiserreich sein könnte. Um 1910 gab es dann drei Fabriken, die dicht nebeneinander standen. Dabei soll mit der scharfen Munition leichtfertig umgegangen worden sein, erinnerten sich Zeitzeugen. Vor dem Abtransport hätten die Kisten noch tagelang im Gelände herumgestanden. Der leitende Werksoffizier, ein Major, „ließ sich jedes Mal, wenn ein Gewitter drohte, ganz schnell in der Kutsche nach Hamburg fahren. Er hatte Angst, dass alles in die Luft fliegt, wenn hier der Blitz einschlägt“, zitierte Neddermeyer einen Zeitzeugen.

Die Explosion zerstörte die meisten Gebäude. Doch manche blieben stehen. Das Verwaltungsgebäude einer Munitionsfabrik nutzt der Awo-Kindergarten „Zauberbaum“ heute noch. In der Martin-Luther-Kirche mahnt an diese traurige Geschichte das Altarkreuz, das aus dem Eisen eines Tores der explodierten Fabriken gefertigt worden ist.