Pinneberg
Serie „steinalt“

Dieses Haus entging nur knapp einer Tragödie

Eigentümerin Johanna von Kietzell vor dem älteste Gebäude von Neuendeich. Das Haus wurde 1646 erbaut

Eigentümerin Johanna von Kietzell vor dem älteste Gebäude von Neuendeich. Das Haus wurde 1646 erbaut

Foto: Sarah Stolten

In der Abendblatt-Serie „Steinalt“ stellen wir die ältesten Gebäude der Kommunen des Kreises Pinneberg vor. Heute: Neuendeich.

Neuendeich.  „Anno 1645 den 5. Februar ist hier ein Haus von den schwedischen Soldaten verbrannt worden in Kriegsunruhen.“ Das steht links über dem runden Torbogen des ältesten Hauses von Neuendeich geschrieben. „Anno 1646 den 25 Juni ist das Haus durch Gottes Gnaden von Johan Wite und seiner Frau Alke Witen wieder erbaut“, heißt es auf der anderen Seite der Eingangsbereiches.

Die in Holz eingravierten Worte sind Zeugnisse dafür, wie lange das alte Bauernhaus bereits in der Straße Oberrecht 71 steht und dass es an der Stelle ebenjenes ältere Haus gab, das den Flammen zum Opfer viel.

Der heutigen Eigentümerin Johanna von Kietzell und ihrer Familie wäre mit dem Haus beinahe das gleiche Schicksal widerfahren – fast wäre auch ihr 370 Jahre altes Haus vom Feuer zerstört worden.

Die Physiotherapeutin, die 2004 mit ihrem Mann, ihren zwei Kindern und der Schwiegermutter von Hamburg in das Dorf in der Marsch gezogen ist, kann sich noch gut an die Nacht erinnern, als die freiwillige Feuerwehr vor elf Jahren ihr elf Meter hohes Bauernhaus vor der Zerstörung gerettet hat.

Es war kurz vor Weihnachten, an einem kalten Abend gegen 23 Uhr. Plötzlich fing das Licht an der Decke an zu flackern, das Wohnzimmer wurde hell erleuchtet und dann war auf einmal alles dunkel. „Es war als hätte jemand den Dimmer an und ausgeschalten, nur noch viel, viel krasser“, sagt Johanna von Kietzell. Dann war der Strom weg. „Mein Mann reagierte rasch, alarmierte die Feuerwehr und setze mich und unsere Kinder ins Auto.“

Der 44-Jährigen war die Gefahr am Anfang gar nicht bewusst. „Ich dachte erst nur: oh wie peinlich, jetzt machen wir hier richtig Alarm und am Ende ist nichts.“ Doch im Gegenteil: Ein Kabelschacht, der als alter Balken getarnt war, hatte zwischenzeitlich Feuer gefangen.

„Wir konnten das Feuer bis zur Decke unterbinden“, sagt der Neuendeichs Bürgermeister Reinhard Pliquet, der auch und Leiter der Freiwilligen Feuerwehr vor Ort ist. Der Familienvater habe richtig gehandelt, wahrscheinlich das Leben seiner Familie und sein Zuhause gerettet. „Die Isolierung war schon verbrannt“, erinnert sich Pliquet. „Das Material floss bereits in den Keller.“ Auch das Reet war von innen dunkel angelaufen, so die Besitzerin Johanna von Kietzell. Die Familie entging mit ihrem Haus nur knapp einer Feuer-Tragödie.

Überspannung war Auslöser für Kabelbrand

„Man denkt immer, dass Strom sicher ist, aber es passiert dann doch was“, sagt von Kietzell. „Die Ursache für den Kabelbrand war eine Überspannung, die das ganze Dorf zu spüren bekam.“ Heute geht die 44-Jährige gelassen mit den Geschehnissen von damals um. „Nach einer Zeit verdrängt man es“, sagt die Eigentümerin. „Ich bin locker und lebe nicht in Angst.“

Dank des Einsatzes der Freiwilligen Feuerwehr steht die alte Kate heute noch in Neuendeich wie vor 370 Jahren. Das Haus hat wie damals ein Reetdach, im Boden gibt es noch immer das sogenannte Kellerloch, in dem die Bauern früher ihre Lebensmittel kühl gelagert haben.

Ein Brunnen aus dem 17. Jahrhundert ziert den Garten. „Die Vorbesitzerin hat sogar noch ihr Wasser daraus geholt“, erzählt von Kietzell. Auch das Ständerwerk befindet sich noch im originalen Zustand. „Die Besitzer vor uns haben das alte Bauernhaus entkernt, eine riesige Küche und ein großes Esszimmer eingebaut.“ Sowieso biete die historische Kate viel Platz für die sechsköpfige Familie.

Die alte Tenne wird heute als Lagerraum genutzt. Zu einer weiteren Wohnung für Untermieter oder einem Café könne sie nicht ausgebaut werden, so von Klietzel, dafür sei das Grundstück zu klein. „Du kannst mit der Tenne nichts weiter anfangen, weil es hier kein Land mehr zu kaufen gibt“, sagt die Besitzerin. „Man denkt zunächst, ,wow was für ein großes Gebäude’“, sagt die 44-Jährige. „Aber dann ist man am Ende doch eingeschränkt, weil hier kein Parkplatz oder Ähnliches gebaut werden kann.“

Und wie kommt es, dass die Familie aus der Großstadt wegzieht und sich ein neues Leben in einem alten Bauernhaus aufbaut? Johanna von Klietzel verrät, dass der Umzug eher ein Zufall war. Eine Erbengemeinschaft hatte sich um die alte Kate in Neuendeich gestritten, die Vorbesitzerin entschied darauf, das Haus zu verkaufen.

Es gab mehrere Interessenten für das älteste Gebäude des Dorfes, doch der alten Dame war die Familie von Klietzell sympathisch. „Ein Mann, der das Haus ebenfalls haben wollte, soll während der Telefonate den Hörer beiseite gelegt haben“, sagt Johanna von Kietzell. „Das gefiel der alten Dame gar nicht, und deshalb bekamen wir das Haus, obwohl der Mann mehr Geld geboten hat.“