Pinneberg
Klein Nordende

Ein uriges Bauernhaus als Kulturzentrum

Das Inhaberehepaar Gisela und Helmut Hamke auf einem Oldtimertrecker vorm Töverhuus

Das Inhaberehepaar Gisela und Helmut Hamke auf einem Oldtimertrecker vorm Töverhuus

Foto: Elvira Nickmann / HA

Im Töverhuus in der Gemeinde Klein Nordende geben sich plattdeutsche Künstler aus ganz Norddeutschland die Klinke in die Hand.

Klein Nordende.  Er galt als Inbegriff des plattdeutschen TV-Moderators und seine Band Speelwark als Hauskapelle des NDR: Das markante Gesicht Helmut Hamkes ist vielen ein Begriff. Seine Beziehungen zu Show- und Schlagerstars, Schauspielern und Fernsehgrößen legten den Grundstein für eine Kulturstätte, deren Einzugsgebiet weit über die Grenzen des Kreises Pinneberg hinausreicht.

Gemeint ist das Töverhuus in Klein Nordende, ein charmant-uriges Bauerngehöft, das als Veranstaltungsort für Lesungen, Musik, Ausstellungen, Märkte, für Volkshochschulkurse, Events wie den „Weltfischbrötchentag“ und als Drehort in diesem Jahr sein 20-jähriges Bestehen feiert. Seit sechs Jahren können sich Hochzeitspaare in dem historischen Gebäude sogar standesamtlich trauen lassen.

Dabei hätte es auch ganz anders kommen können. Anfang der 90er-Jahre gab Hamkes Vater den Hof ab. Musiker Hamke, im Hauptberuf Sozialpädagoge, und seine Frau Gisela überlegten, den Hof zum Mietshaus umzubauen. Doch dann entschlossen sie sich nach Gesprächen mit der Gemeinde, das Bauernhaus als Heimstatt und Netzwerk der plattdeutschen Sprache und der ländlichen Kultur auszubauen. Ein Wagnis, das sich gelohnt hat. Gäbe es dieses Kulturzentrum nicht – es müsste erfunden werden. So ideal, wie die Kombination zwischen historischem Kontext und kulturellem Anspruch ist, so fruchtbar gestaltet sich auch die Kooperation zwischen Gemeinde und den Töverhuus-Besitzern. Ein gutes Verhältnis pflegen Hamkes auch zur toleranten Nachbarschaft, die lieber mal selbst vorbeischaut, als sich zu beschweren, wenn es mal lauter wird.

Wer hat sich hier nicht schon alles die Klinke in die Hand gegeben: Tagesschau-Sprecher Wilhelm Wieben mit seinen Lesungen op Platt, fast das gesamte Ensemble des Ohnsorg-Theaters, Heino, Gerd Spiekermann, Peter Petrell, das Duo Klaus & Klaus, die Gruppe Godewind – alles, was Rang und Namen in der norddeutschen Szene hat, gab sich in den letzten zwei Jahrzehnten ein Stelldichein. Und erst die Sendungen, die der NDR hier gedreht hat: Schon zur Einweihung sendete der Hörfunk eine zweiteilige Folge von „Unser Land“. Im Fernsehen folgten „Lüders Krug“, „Willkommen im Norden“ und „Talk op Platt“. Einmal pro Jahr kommt auch heute die Radiosendung „Vun Binnenland un Waterkant“ direkt vom alten Bauernhof in Klein Nordende.

Ein bisschen wehmütig wird es Helmut Hamke schon ums Herz, wenn er zurückblickt auf eine Zeit, in der plattdeutsch singende Bands und Liedermacher einen ungeahnten Boom erlebten, die Sprache eine Renaissance. Das muffige Image von Platt war plötzlich wie weggeblasen. Es war wieder angesagt, seine Wurzeln zu entdecken, sich zu ihnen zu bekennen, die lokale Sprache zu pflegen und wiederzubeleben. Auch Helmut Hamke entdeckte das Platt seiner Großeltern für sich neu. Da war er schon über 30, die Gruppe Speelwark gründete sich in den 80er-Jahren.

Als Kind hatte er Oma und Opa noch auf Hochdeutsch geantwortet, wenn sie ihn niederdeutsch angesprochen hatten. „Platt war als Sprache verpönt“, erzählt der heute 64-Jährige. „Doch als Moderator konnte ich es plötzlich wieder abrufen, obwohl ich es nur gehört, aber selbst nicht gesprochen hatte.“ Seine Frau Gisela, die als Fünfjährige ins beschauliche Klein Nordende kam, hat ebenfalls eine enge Beziehung zum Plattdeutschen. Sie war es auch, die die Texte der Gruppe Speelwark korrigierte und vereinheitlichte. Selbst nicht auf der Bühne aktiv, sorgte sie stets im Hintergrund dafür, das alles lief, und das tut sie auch noch heute. Termine, Verträge, das Organisatorische und das Catering fallen in ihre Zuständigkeit, früher mussten auch drei Kinder versorgt werden.

Die vielfältigen Herausforderungen konnten die Hamkes nur meistern, weil sie von anfang an ein gutes Team waren, wie Helmut Hamke sagt. Kennengelernt haben sich beide 1969 auf dem örtlichen Schützenfest. Hamke ist auf dem Hof groß geworden, sein Zimmer lag direkt neben dem Kälberstall, durch den Spalt unter der Tür kroch alles durch, was sechs bis acht Beine hatte. Ein Grund dafür, dass er sich heute nicht mit Allergien herumplagen muss, vermutet der Hausherr. In der Diele, wo noch die Haken, an denen die Kuhhälften nach dem Schlachten hingen, an der Decke zu sehen sind, stand der Heuwagen. Im Kuhstall waren 19 Kühe untergebracht, das Plumpsklo nahm Platz Nummer 20 ein. Die große dunkle Öffnung machte dem kleinen Helmut Angst, er wollte auf keinen Fall hineinfallen. Empfand er diese Dinge früher als Belastung, ist ihm heute vor allem vor Augen, welch wunderbar freie Kindheit er erleben durfte.

Heute steht das Töverhuus ganz im Zeichen der Kultur. Zwar gibt es Speelwark seit vier Jahren nicht mehr, aber die Arbeit geht für Hamkes weiter. Den Namen Töverhuus übersetzt Gisela Hamke mit Zauberhaus, es sei „ein Haus der leisen Töne“, sagt sie. Privat sei sie toleranter, was Musik angehe. Sie würde gerne mal nach Wacken, verrät sie. Gatte Helmut muss noch überzeugt werden.

An diesem Sonntag ist im Töverhuus ab 11 Uhr ein Barbecue mit Musik vom Blue Note Quartett geplant. Wer dabei sein will, zahlt 25 Euro inklusive Verköstigung.