Pinneberg
Wedel

Betrug? Wie eine Frau um ihren Ruf kämpft

Foto: Alexander Sulanke / HA

Jahrzehntelang sollen Sabine Philippi und ihr Mann geschnorrt haben. Sie sagt, sie habe damit nichts zu tun. Staatsanwalt ermittelt.

Wedel.  „Ich heiße Philippi“, sagt sie, und ihre großen, braunen Augen funkeln wütend, als sie zum Fototermin vor dem Hauptquartier der Stadtwerke Wedel erschienen ist. „Sabine Maria Philippi.“ Das soll jetzt jeder wissen. Die 50-Jährige fühlt sich betrogen von ihrem Ex-Mann – betrogen mit einem Stromzähler, einem Gaszähler und einem Wasserzähler. Wie berichtet, soll das einstige Ehepaar mehr als ein Jahrzehnt Energie für sein Anwesen von den Stadtwerken geschnorrt haben. Sabine Maria Philippi aber sagt: „Ich habe mit alldem nichts zu tun, ich habe davon nichts gewusst.“

Es ist eine Episode in einer Scheidungsauseinandersetzung, es ist aber vor allem ein Fall von womöglich strafrechtlicher Relevanz, für den sich die Staatsanwaltschaft Itzehoe interessiert. Sie ermittelt (Az.: 302 JS 1028/15) gegen Philippis Ex wegen Betrugs und Betrugs in einem Familienrechtsstreit, wie der Sprecher der Anklagebehörde, Peter Müller-Rakow, dem Abendblatt bestätigt hat.

Die Angelegenheit ist zudem das Protokoll eines Vorgangs, der nun auch in der Chefetage des kommunalen Energieversorgers an der Feldstraße Konsequenzen nach sich ziehen dürfte. Stadtwerke-Geschäftsführer Adam Krüppel jedenfalls macht sich Gedanken, wie eine weitere Causa Philippi künftig kategorisch ausgeschlossen werden kann. Er sagt: „Seit uns dieser Fall bekannt ist, ist ein Team von Mitarbeitern dabei, sämtliche Systeme aus dem Netz- und Abrechnungsbereich zu prüfen und abzugleichen.“

Wie berichtet, hatte ein Mitarbeiter der Stadtwerke im Jahr 2002 in dem damals neu gebauten 400-Quadratmeter-Anwesen der Familie Philippi in einer Villenstraße in unmittelbarer Nähe der Hamburger Stadtgrenze Strom-, Gas- und Wasserzähler montiert. Danach ließ der Energieversorger nie wieder etwas von sich hören. In einer Stellungnahme der Stadtwerke hieß es dazu anno 2016 auf Abendblatt-Anfrage: „Bedauerlicherweise wurden die relevanten Zähler nicht im Abrechnungssystem erfasst. Dies hatte zur Folge, dass weder abgelesen noch abgerechnet werden konnte.“

Während in der Stadtwerke-Zentrale die Meinung vorherrscht, das Ehepaar Philippi hätte irgendwann feststellen müssen, dass über einen sehr langen Zeitraum keine Abschlagzahlungen fällig wurden und keine Rechnung ins Haus flatterte, stellt Sabine Maria Philippi eine andere Sichtweise der Dinge dar, nämlich die ihre. Sie zieht einen „Haushaltsplan“ aus der Tasche, den ihr damaliger Mann aufgestellt hat, eine mit dem Computerprogramm Excel gefertigte Tabelle mit dem Datum 29. Januar 2005 (liegt der Redaktion in Kopie vor). Daraus geht vieles hervor, zum Beispiel das Brutto-Jahresgehalt des Mannes, wie teuer die Kfz-Steuer für die damaligen Autos der Familie (ein BMW und ein amerikanischer Ford-Familienvan) gewesen ist. Dass Frau Philippi ein kleines Gehalt auf Basis geringfügiger Beschäftigung bekam, wie viel Haushaltsgeld ihr ferner zugebilligt wurde. Dass der ADAC im Juni 97 Euro abbuchte und der Wohltätigkeitsverein Round Table im März 160 Euro Jahresbeitrag.

Aber das sind Nebenaspekte. Wichtig ist, dass der Mann, mit dem Frau Philippi verheiratet war, auch die Energiekosten vermerkte: 410 Euro alle zwei Monate für Strom und Gas, 56 Euro alle drei Monate für Wasser. „Das hat er mir unter die Nase gehalten, um zu zeigen, wie teuer unser Haus ist“, sagt sie. Und ihr Sohn Victor ergänzt: „Wenn wir in Urlaub gefahren sind, hat mein Vater immer gesagt, dass wir alle Geräte ausschalten sollen, weil der Strom so teuer sei.“

Kurioser Aspekt am Rande: Mit Schreiben vom 21. Dezember 2009 erstatten die Stadtwerke dem Ehemann auch noch Geld...

Der Haushaltsplan mag für die Staatsanwaltschaft deshalb von Interesse sein, weil Gegenstand der strafrechtlichen Ermittlungen auch Prozessbetrug in einem Familienrechtsstreit ist: Sabine Maria Philippi sagt, die Energiekosten seien auch Gegenstand des Scheidungsverfahrens gewesen. Von ihr verlangen die Stadtwerke nun gut 27.500 Euro Nachzahlung für die Jahre 2011 bis 2014, sie weigert sich zu zahlen.

Die Jahre vor 2011 gelten als verjährt. Aber: „Für den Fall, dass die Staatsanwaltschaft Anklage erhebt, werden wir das strafrechtliche Urteil des Gerichts abwarten. Sollte es zu einer Verurteilung kommen, werden wir alles tun, um unsere Gesamtforderung geltend zu machen“, kündigt Stadtwerke-Geschäftsführer Krüppel an.