Pinneberg
Abschied

Quickbornerin zahlte schon Geld an Ostbürger

Foto: Burkhard Fuchs

Dienstälteste Mitarbeiterin der Quickborner Verwaltung geht in Ruhestand: Birgit Raphael stiftete 2500 Ehen, begrüßte 700 DDR-Reisende.

Quickborn.  Sie ist die dienstälteste Mitarbeiterin der Quickborner Verwaltung. Jetzt geht Birgit Raphael, 64, nach fast 50 Jahren Verwaltungstätigkeit, davon 38 Jahre im Quickborner Rathaus, in den Ruhestand. Mit Gert Willner, Günter Thonfeld und Thomas Köppl hat sie für drei Bürgermeister gearbeitet. Ihr Wahlspruch sei immer gewesen: „Ist mir doch egal, wer unter mir Bürgermeister ist.“

Dabei seien die Verwaltungschefs sehr unterschiedlich gewesen. Willner habe seinen Mitarbeitern immer den Rücken gestärkt und ihnen Selbstbewusstsein gegeben, erinnert sich Raphael. „Meine Leute können das, das sind die Besten“, sei seine Devise gewesen. Thonfeld habe auf Kooperationen mit anderen Verwaltungen gesetzt und betont: „Das lösen wir gemeinsam.“ Köppls Stil sei „ein Mittelding von beiden“, sagt Raphael. „Ich bin immer wieder überrascht, wie breit seine Verwaltungskenntnisse sind.“

Als sie 1978 von der Kreisverwaltung nach Quickborn kam, dachte sie, sie sei 20 Jahre zurückversetzt. In Pinneberg hatte sie moderne Verhältnisse erlebt, in Quickborn musste sie sich mit einer Abteilung um das Büromaterial streiten. Die Hängeordner waren mit Büroklammern befestigt, sodass sie sich jedes mal die Finger verletzte, wenn sie etwas einheften musste. Willner spendierte ihr dann Handschuhe.

Gut 2500 Ehen hat sie in 24 Jahren als Standesbeamtin gestiftet. Einmal waren es neun Trauungen hintereinander. Sie sei eine der Ersten gewesen, die Brautpaare außerhalb des Rathauses traute. Einen Silvestertag in den 1990ern vergisst sie nicht mehr. „Da hat eine Brautpaarsgesellschaft mein Standesamt blockiert“, erzählt Raphael. Eine Frau wollte ihren Ex-Schwiegervater heiraten, der Opa ihres Kindes würde dadurch dessen Stiefvater werden.

Dafür benötigte man damals noch eine Unbedenklichkeitsbescheinigung vom Amtsgericht. Da die fehlte, konnte sie das Paar nicht trauen. Doch das weigerte sich, den Raum wieder zu verlassen. Raphael erreichte den Amtsrichter in Pinneberg, der die Bescheinigung auszustellen bereit war, wenn er zuvor das Paar gesprochen hätte. So kriegte sie die Kuh vom Eis. Das Paar eilte nach Pinneberg, und am Silvesternachmittag konnte sie die Trauung vornehmen.

Raphael organisierte 50.000 Mark Begrüßungsgeld

Unvergesslich ist Birgit Raphael auch die Zeit der deutschen Wende. Am ersten Wochenende nach der Maueröffnung stand die Polizei plötzlich an ihrer Haustür. Vor dem Rathaus und der Post bildeten sich lange Schlangen, die DDR-Bürger verlangten ihr Begrüßungsgeld. Die Direktive von der Landesregierung, die die Verwaltungen am Freitag dazu aufgefordert hatte, sich auf diesen möglichen Andrang vorzubereiten, war in der Kreisverwaltung liegen geblieben.

So kassierte die toughe Raphael kurzerhand die Scheckkarten ihrer Familie und funktionierte die Polizeiwache zum Begrüßungsgeldkontor um. In kurzen Pausen habe sie sich bei Banken und Geschäften zusätzliches Geld geliehen. An die Stadtkasse kam sie nicht ran. Auch Bürgermeister Willner war nicht zu erreichen. Etwa 50.000 Mark habe sie an diesem Wochenende quasi im Alleingang ausgezahlt an DDR-Bürger, deren erster Ausflug in den Westen nach Quickborn führte. „Ich habe einfach gehandelt“, sagt Raphael, die heilfroh war, als sie von dem Erlass aus Kiel gehört hatte, der ihr Tun im Nachhinein abgesegnet hat.

Als Sozialamtsleiterin hatte sie in den 90er-Jahren so viele Asylbewerber unterzubringen wie heute. 1996 musste sie in Quickborn-Heide gegen Mitternacht die Briefwähler nachzählen lassen – damit das Wahlergebnis endlich feststand.