Pinneberg
Wedel

Aktivisten halten den Ostermarsch hoch

Die Plakate sind fertig. Marianne  (v. l.) und Günther Wilke und Irmgard Jasker sind bereit für den Ostermarsch durch Wedel

Die Plakate sind fertig. Marianne (v. l.) und Günther Wilke und Irmgard Jasker sind bereit für den Ostermarsch durch Wedel

Foto: Alexander Sulanke / HA

Zeitweise war die Friedensbewegung nur noch in Wedel aktiv. Inzwischen gibt es auch in anderen Städten wieder Demonstrationen.

Wedel.  Gegen was sie nicht schon demonstriert haben in all den vielen Jahren und Jahrzehnten. Gegen Wiederbewaffnung zum Beispiel, gegen Nachrüstung oder den NATO-Doppelbeschluss. Jede Zeit hat ihre Themen. Und dann ist da diese Klammer, die den ganzen Protest in etwas Positives verkehrt: „Frieden“, sagt Irmgard Jasker. Punkt.

Die Wedelerin hat viel zu tun dieser Tage. In ihrem Wohnzimmer im Hochparterre eines Mehrfamilienhauses im Wedeler Norden wirft unübersehbar ein großes Ereignis seine Schatten voraus: der Ostermarsch. Die Plakate sind gerade eingetroffen, einige lehnen nun am Bücherregal. Die Nachbarn von oben sind zu Besuch gekommen, Günther Wilke und seine Frau Marianne. Sie wollen angucken, was die Druckerei geschaffen hat. Der Ostermarsch hat etwas Verbindendes in diesem Haus. Die Jaskers und die Wilkes, sie sind die treibenden Kräfte der Friedensbewegung in der Region. Beziehungsweise dessen, was davon übrig geblieben ist.

Anfang der 80er-Jahre, da hatten sie ihre Hochphase. Es war die Zeit, da die atomare Aufrüstung die politische Debatte im Land bestimmte. Es war die Zeit, als es viele Ostermärsche gab mit sehr vielen Teilnehmern. „Es war eine Zeit, in der wir die Meinungshoheit hatten“, sagt Irmgard Jasker. Es war die Zeit, da Liedermacher Hans Hartz mit seiner rauen Stimme im Radio sang: „Die weißen Tauben sind müde“.

Die weißen Tauben aus dem Wedeler Norden sind noch nicht müde. Nur ein bisschen älter. Irmgard Jasker, die pensionierte Schulleiterin, ist mit 71 die Jüngste in der Runde. Günther Wilke, im Kreis Pinneberg eine Sportjournalisten-Legende, und seine Frau Marianne, Kindergärtnerin im Ruhestand, sind Mitte 80. „Früher“, erzählt Günther Wilke, „da sind wir Ostersonnabend von Hamburg bis zum Truppenübungsplatz Bergen-Hohne in der Lüneburger Heide gelaufen.“ Heute führt die Route vom Wedeler Rathausplatz zum 400 Meter entfernten Theaterschiff „Batavia“.

Eine kurze Strecke, von der dennoch Strahlkraft ausgeht. In den zurückliegenden Jahren war der kleine Wedeler Ostermarsch oft der größte im Norden – weil es keinen anderen mehr gab. Und so schaffte es ein Foto aus dem Kreis Pinneberg 2014 sogar in die Tagesschau und andere Nachrichtensendungen. Inzwischen marschieren Aktivisten auch wieder in Kiel, Flensburg und Lübeck. Irmgard Jasker und den Wilkes gefällt das.

Sie wissen, dass die Welt kein bisschen friedlicher geworden ist seit den Anfängen ihres Engagements. „Es ist so schlimm, dass es so viele Kriege gibt“, sagt Irmgard Jasker und seufzt. Sich für Frieden einzusetzen scheint ihr heute mindestens so geboten zu sein wie einst. Jasker sieht es zurzeit als eine zentrale Aufgabe der Friedensbewegung an, sich der Flüchtlinge anzunehmen. „Diese Menschen sind ja nicht freiwillig und zum Spaß hier“, sagt sie. Ihnen zu helfen sei das eine, ergänzt Günther Wilke. „Wir setzen uns aber auch dafür ein, dass die Fluchtursachen bekämpft werden.“ Für ihn die folgerichtige Forderung: Waffenexporte stoppen.

Vielleicht werden sie 120 sein am Ostersonnabend, so genau wissen sie es nicht. „Wir stoßen in der Bevölkerung auf sehr viel Sympathie“, sagt Günther Wilke. „Aber den nächsten logischen Schritt, selbst auf die Straße zu gehen, den tun nur ganz wenige.“ Der alte Medienmann ist sich sicher: „Die sitzen lieber zu Hause und toben sich in irgendwelchen Blogs im Internet aus.“

Womöglich hängt der Grad des Engagements für Frieden auch davon ab, wie viel Krieg ein Mensch selbst miterlebt hat. Die Wilkes gehören noch zu den Zeitzeugen des Zweiten Weltkriegs, beide als Kinder und Teenager. Sie in Hamburg-Eimsbüttel, er in St. Georg. Die Elternhäuser wurden ausgebombt. „Nach 1945 war unsere Losung: Nie wieder Krieg“, sagt Marianne Wilke. „Wir haben immer und immer wieder nach den Ursachen gefragt“, ergänzt ihr Mann, „der Krieg ist ja nicht einfach so ausgebrochen.“ Das Drama „Draußen vor der Tür“ von Wolfgang Borchert hat die jungen Wilkes geprägt. „Und als Deutschland sich anstrengte, selbst wieder in den Besitz von Waffen zu kommen, haben wir uns positioniert.“

Irmgard Jasker hat dagegen geprägt, Flüchtling zu sein in Schleswig-Holstein – nicht willkommen und ausgegrenzt. Die Familie hatte Danzig verlassen, die Schwester war von Russen erschossen worden. Jasker hat für sich die Erfahrung gemacht, dass ein Flüchtling fleißiger und pünktlicher sein und härter arbeiten müsse, wenn er etwas erreichen will. Das hat sie später auch ihren Schülern vermittelt.

„Flüchtenden helfen – Kriege beenden“ ist auf den druckfrischen Plakaten im Jaskerschen Wohnzimmer zu lesen. Am Marsch werden in diesem Jahr voraussichtlich auch Flüchtlinge aus Syrien und anderen Ländern teilnehmen. Jede Zeit hat ihr Thema.