Pinneberg
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Einsatz für Menschenrecht gerät aus der Mode

Arno Kipp (v. l.), Jürgen Ohlert, Ortrud Gillert, Tobias Kiwitt und Elke Leipold wollen weiterkämpfen, doch die Pinneberger Ortsgruppe von Amnesty International benötigt dringend frisches Blut

Arno Kipp (v. l.), Jürgen Ohlert, Ortrud Gillert, Tobias Kiwitt und Elke Leipold wollen weiterkämpfen, doch die Pinneberger Ortsgruppe von Amnesty International benötigt dringend frisches Blut

Foto: Andreas Daebeler / HA

Ortsgruppen von Amnesty International in Elmshorn und Pinneberg kämpfen um ihre Zukunft. Vor allem junge Menschen bleiben weg.

Kreis Pinneberg.  Ein ganz normaler Abend: Ein kleines Grüppchen Menschen trifft sich im Gemeindehaus der Pinneberger Lutherkirche. Folter und Verfolgung sind ihnen ein Dorn im Auge. Unermüdlich werden Petitionen vorbereitet, regelmäßig Kundgebungen organisiert. Doch es sind sehr alte Kämpfer, die sich hier versammeln. Jenseits der 70 sind sie alle, die aktiven Mitglieder der Pinneberger Ortsgruppe von Amnesty International. Konnte sich die weltweit agierende Organisation noch in den 1970er-Jahren des Mitgliederansturms kaum erwehren, kämpft Amnesty in der Region heute um eine Zukunft. Das Menschenrecht ist aus der Mode geraten. Gründungsmitglied Jürgen Ohlert bestätigt diese These: „Ja. Das muss man so sagen“, so der 78-jährige, das Pinneberger Amnesty-Urgestein.

Wer sich im Internet über die Aktivitäten der Menschenrechtler in der Kreisstadt informieren will, der stößt schnell an Grenzen. Die Webseite der Gruppe bietet nur spärliche Informationen, Ein Hingucker ist sie nicht. „Wir haben eben niemanden, der sich mit den neuen Medien auskennt“, erklärt die 72 Jahre alte Vorsitzende Elke Leipold. „Früher gab es zudem mehr Lehrer, die unsere Ideen in die Schulen getragen haben“, erinnert sich Ohlert, der erst kürzlich eine Erfolgsmeldung verbreiten durfte. Wiederholt hatten sich die Pinneberger Menschenrechtler mit Briefen für die Freilassung eines willkürlich verhafteten und der Folter ausgesetzten Mexikaners eingesetzt – der Mann ist mittlerweile frei.

Zehn Menschen hatten im Januar 1972 die Pinneberger Gruppe innerhalb der deutschen Sektion von Amnesty International gegründet. Unter den Gründungsmitgliedern waren Pastoren, Lehrer, Hausfrauen und Studenten gewesen. Die Gruppe war schnell gewachsen. In den politisch bewegten 1970ern hatte Menschenrecht eben Hochkonjunktur. Jürgen Ohlerts Augen leuchten, wenn er aus diesen Tagen erzählt. Von den legendären Bring- und Kaufpartys, die zur Finanzierung der Arbeit beitrugen – und zugleich Gelegenheit zum Austausch boten. Von Diskussion und Erfolgen. Elf Jahre etwa dauerte der Kampf für den Juristen Orton Chirwa aus Malawi. Aus politischen Gründen 1981 verhaftet, war er 1992 im Gefängnis verstorben. Seine zusammen mit ihm inhaftierte Frau Vera Chirwa kam 1993 frei. Ohlert hatte anschließend Gelegenheit, sie zu treffen. Das hat ihn sehr bewegt. Der 40. Geburtstag der seinerzeit ersten Amnesty-Gruppe im Kreis Pinneberg wurde 2012 groß gefeiert und in den Medien gewürdigt – den erhofften Schub an Nachwuchs hat das allerdings nicht beschert.

Auch in Elmshorn gibt es ein kleines Häufchen aufrechter Kämpfer. Edgar Schachtrupp leitet die dortige Amnesty-Gruppe. Man kümmert sich um den Iran, in dem Regimegegnern noch heute die Todesstrafe droht. Finanziell sei man gut aufgestellt – Jahr für Jahr spielt eine Benefizkonzert in Rellingen Geld in die Kasse. Personell jedoch drohen die Lichter auch an der Krückau bald auszugehen. „Auch wir sind überaltert“, räumt Schachtrupp ein.

Immerhin gibt es in Elmshorn ein Fünkchen Hoffnung. Ein neues, 18 Jahre altes Mitglied sei kürzlich aufgenommen worden, so Schachtrupp. Es sei dennoch unerlässlich, die Präsenz in den neuen Medien auszubauen: „Wir müssen Dienste wie Twitter und Facebook nutzen, viele junge Menschen wissen gar nicht mehr, was Amnesty überhaupt macht.“ Ein großes Problem stelle das Ausbluten und Veröden der Innenstädte dar. „Die klassische Fußgängerzone mit ihren Menschenmasse, in der wir früher mit unseren Ständen werben konnten, gibt es kaum noch“, sagt Schachtrupp, der seit 34 Jahren mitkämpft. „Es darf nicht sein, dass Amnesty in der Region stirbt.“

Das sieht Ohlert nicht anders. Aufgaben gebe es genug. Es werde schließlich in vielen Ländern weiter gefoltert. Auch die Pinneberger können darauf hoffen, dass frisches Blut den „Kader“ künftig verjüngt. Mit Tobias Kiwitt hat ein junger Mann, der kürzlich aus Nordrhein-Westfalen an die Pinnau kam, angeklopft. Schon seit 2004 Mitglied von Amnesty, berichtet er von seinem Engagement im Westen. Dort habe er in einer größeren Gruppe mitgewirkt, sich vor allem um die Nachwuchsarbeit gekümmert und Literaturwettbewerbe organisiert. Jürgen Ohlert lauscht den Worten aufmerksam. „Da sitzt sie, unsere Zukunft“, sagt er. Und strahlt.