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Elmshorn

Täglicher Schulsport macht die Schüler schlauer

Wer wirft am weitesten? Kinder an der Leibnizschule können sich spielerisch messen

Wer wirft am weitesten? Kinder an der Leibnizschule können sich spielerisch messen

Foto: Marco Grundt / HA

An Elmshorner Leibniz Privatschule werden fünf Stunden Sport in der Woche unterrichtet. Modellversuch bestätigt positiven Auswirkungen.

Elmshorn.  Immer mehr deutsche Kinder sind zu dick und unsportlich. Die meisten essen zu süß, zu fett und zu viel. Sie bewegen sich zu wenig, verbringen ihre Freizeit am Computer oder vor dem Fernseher, statt draußen Fußball zu spielen oder reiten zu gehen. Auch aufgrund der Ganztagesbetreuung bleibt kaum Zeit, Sport im Verein zu machen oder draußen zu toben. Die zwei Stunden Sport, die in den meisten Schulen auf dem Stundenplan stehen, reichen nicht aus, um den Bewegungsmangel auszugleichen.

Die Deutsche Gesellschaft für Sportmedizin und Prävention (DGSP) fordert täglich 60 bis 90 Minuten moderate bis intensive körperliche Bewegung beziehungsweise 12.000 Schritte im Alltag zu machen.

In Elmshorn sind die Schüler der Leibniz Privatschule auf einem guten Weg dorthin. Hier steht die tägliche Sportstunde auf dem Lehrplan – und das schon seit der Gründung der Schule im Jahr 2005. Ein Lauftag ist seit 2013 in allen Klassen und Jahrgängen obligatorisch. „Wir haben damit ein Alleinstellungsmerkmal“, sagt Egon Boesten, Schulleiter an der Leibniz Privatschule in Bad Bramstedt. Er unterrichtet auch Sport und Geschichte. Seine Frau Barbara Manke-Boesten leitet die Leibniz Privatschule in Elmshorn, auf die etwa 1000 Jungen und Mädchen gehen. Die verteilen sich auf vier Kindergartengruppen, die dreizügige Grundschule, die ein- beziehungsweise zweizügige staatlich anerkannte Regionalschule und das dreizügige Gymnasium mit einer drei- bis vierzügigen Oberstufe.

„Regelmäßige Bewegung erleichtert nachweislich das Lernen und wirkt sich positiv auf die gesamte geistige Entwicklung der Schüler aus. Zusätzlich fördern wir Bewegungsangebote am Nachmittag und in den Pausen“, sagt Egon Boesten. In den verschiedenen Sport-AGs stünden Spiel und Spaß im Vordergrund, weniger der Wettkampf. „Wir verstehen uns nicht als Kaderschmiede des deutschen Sports.“

Wissenschaftler haben vier Jahre lang geforscht

Was die tägliche Sportstunde bei Grundschulkindern tatsächlich bewirkt, haben Klaus Bös vom Institut für Sportwissenschaften der Universität Karlsruhe und seine Mitarbeiter untersucht. Sie haben in einer vier Jahre dauernden Studie geschaut, wie sich eine tägliche Sportstunde auf Leistungsfähigkeit und Persönlichkeitsentwicklung von Grundschüler auswirkt. Die Ergebnisse erläuterte Klaus Bös kürzlich in einem öffentlichen Vortrag an der Leibniz Privatschule Elmshorn.

Zum Vergleich zog er eine zweite, von Größe und Struktur ähnliche Grundschule heran. In beiden Schulen wurde halbjährlich ein sportmotorischer Test durchgeführt. Dabei zeigte sich bereits nach einem Jahr, dass die Schüler der Versuchsschule in den meisten Übungen besser abschnitten und sich stärker verbessert hatten als die Schüler der Vergleichsschule. Von der täglichen Sportstunde profitierten die bewegungsschwächsten Kinder zudem am stärksten. „Angesichts des vermehrten Sportunterrichtes ist das Ergebnis allerdings nicht besonders verwunderlich“, sagt Egon Boesten.

Bemerkenswerter seien die positiven Auswirkungen auf das soziale Verhalten und die Lernfähigkeit der Schüler. So beobachtete Klaus Bös einen deutlich spürbaren Abbau von Aggression und Gewaltbereitschaft sowie eine Zunahme von Toleranz und Rücksichtnahme. Außerdem standen die Schüler dem restlichen Unterricht aufgeschlossener gegenüber. Eine Beobachtung, die auch Egon Boesten macht: „Spiele und Sport fördern nicht nur Gesundheit und Wohlbefinden, sondern beeinflussen die emotionale und soziale Entwicklung positiv.“

Bessere Durchblutung und Sauerstoffversorgung führen zu besserer Lernfähigkeit und -bereitschaft, da sind sich Experten einig. Die These vom gesunden Geist, der in einem gesunden Körper wohnt, ist aktuell wie eh und je. Das frühe Schulkindalter gilt zudem als besonders günstige Phase der motorischen Lernfähigkeit. Die Wahrscheinlichkeit, dass Kinder, die schon im Grundschulalter Sport treiben, dies ein Leben lang tun, ist groß. „Schüler, die täglich Sport treiben, sind nicht nur fitter und leistungsfähiger als Mädchen und Jungen, die nur zwei Stunden Schulsport pro Woche haben“, sagt Boesten. „Sie sind auch seltener übergewichtig und damit besser vor Herz-Kreislauf-Erkrankungen geschützt.“

Das zeigte sich auch in Klaus Bös’ Versuch. Die Modellklasse wies in allen vier getesteten Bereichen Motorik, Intelligenz, Konzentration und Schulleistung zum Ende der Grundschulzeit bessere Testergebnisse auf als die Kontrollklasse, wenn auch die Unterschiede nicht signifikant waren.

Die positiven Ergebnisse wurden auch durch subjektive Eindrücke bei Befragungen von Eltern und Lehrern bestätigt. Sie glaubten, positive Verhaltens- und Leistungsfortschritte bei den Kindern zu erkennen, die sie auf die tägliche Sportstunde zurückführten. Sie befanden, dass Aggressionen deutlich zurückgingen und die Kinder sich besser konzentrieren konnten. „Auch uns sagen Besucher immer wieder, dass ihnen die positive Atmosphäre und der freundliche Umgang untereinander an unseren Schulen auffielen“, sagt Egon Boesten. „Unsere Kinder können sich auch mal ruhig selbst beschäftigen.“

Offenbar wirkt sich die Bewegung auch positiv auf die Lust auf Schule aus. Die Schüler selbst sollten sagen, ob der Gedanke an die Schule sie morgens oft missmutig mache. 24 Prozent der Kinder an der Modellschule antworteten mit Ja, 76 Prozent mit Nein. An der Kontrollschule waren 70 Prozent morgens schon schlecht gelaunt, wenn sie an die Schule dachten.

Bös’ Fazit: Die tägliche Sportstunde lohnt sich, da sie positive Auswirkungen mit sich bringt. Davon ist auch Egon Boesten überzeugt.

„Seit dem letzten Schuljahr führen wir in den Klassen der Grundschule in Bad Bramstedt einen Test durch, um den motorischen Leistungsstand unserer Schüler zu erfassen und Entwicklungsverläufe festzuhalten“, sagt Egon Boesten. „Unser Ziel ist es, unsere Schüler in ihrer motorischen Entwicklung zu fördern.“ Der Test, der unter anderem aus 20-Meter-Sprint, seitlichem Hin- und Herspringen, Liegestütz und rückwärts balancieren besteht, soll nun auch an der Elmshorner Privatschule eingeführt werden.