Pinneberg
Kreis Pinneberg

Lehrer wollen Joints aus Schulen verbannen

Mit dem Interventionskonzept soll Lehrern bei der Prävention von Cannabis-Konsum helfen

Mit dem Interventionskonzept soll Lehrern bei der Prävention von Cannabis-Konsum helfen

Foto: Daniel Karmann / dpa

Silvia Stolze, Suchtexpertin des Kreises, hat ein Interventionskonzept erarbeitet, das jetzt landesweit an 450 Schulen verteilt wird.

Kreis Pinneberg.  Es ist die mit Abstand am meisten konsumierte illegale Droge in Deutschland. Jeder zehnte Jugendliche zwischen zwölf und 17 Jahren hierzulande habe schon einmal einen Joint geraucht, also Cannabis konsumiert, zitiert Silvia Stolze neueste Untersuchungen. Diese Entwicklung mache vor den Schulen nicht halt. Immer häufiger säßen Schüler bekifft im Unterricht oder beobachteten gleichgültig ihren Leistungsabfall. „Darum ist die Unsicherheit unter den Lehrkräften sehr groß, wie sie darauf reagieren sollen“, sagt die Teamleiterin für Prävention und Jugendarbeit in der Kreisverwaltung.

Zusammen mit Heike Kühl-Frese vom Institut für Qualitätsentwicklung an Schulen Schleswig-Holstein (IQSH) hat sie jetzt einen detaillierten Handlungsleitpfaden erarbeitet, was Lehrer in solchen Fällen am besten tun sollten – und zwar der Reihe nach. „Wir haben dazu ein abgestuftes Verfahren entwickelt, das wir Interventionsmodell genannt haben“, erläutert Silvia Stolze.

So sollte der Lehrer, dem etwas komisch am Verhalten des jeweiligen Schülers vorkomme – zum Beispiel dass der mit roten Augen im Unterricht sitzt oder ständig kichert –, mit ihm zunächst allein darüber reden, um den Grund zu erfahren. Wenn das am Verhalten nichts ändere, sollten die Eltern benachrichtigt, danach die Schulsoziarbeiter und die Schulleitung eingeschaltet und schließlich Suchtberatungsstelle, Jugendamt und der schulpsychiatrische Dienst hinzugezogen werden.

Von Anfang an müsse dem Schüler klargemacht werden: „Cannabis hat an Schulen nichts zu suchen, und ein berauschter Zustand ebenfalls nicht.“ Daran ändere auch die Freigabe von Marihuana und Haschisch zumindest für medizinische Zwecke in einer Reihe von Ländern und Bundesstaaten der USA nichts. „Die auch hierzulande diskutierte Freigabe von Cannabis oder Lockerung der Bestimmungen betrifft nur die Erwachsenen“, betont Mitautorin Heike Kühl-Frese. „Für Jugendliche gilt das nicht.“

Den Schülern sollte in diesem abgestuften Handlungsrahmen auch immer die Konsequenz ihres Verhaltens aufgezeigt werden, raten die beiden Suchtexpertinnen in ihrer Broschüre. Zudem sollten die Lehrer im Gespräch mit den betreffenden Jugendlichen eine Zielvereinbarung treffen, was sich ändern sollte, und nach einem bestimmten Zeitraum überprüfen, ob sich etwas geändert hat. Auf diese Weise könnte sich für jede Schule ein genau festgelegter Ablauf entwickeln, der für jeden Fall einen weiteren Schritt der Beratungs- und Hilfsmaßnahmen sowie Sanktionen umfasst.

Die 30-seitige Broschüre „Cannabis an Schulen – die Rechte kennen und konsequent handeln“ werde jetzt an alle 450 weiterführende Schule in Schleswig-Holstein verteilt, kündigt Heike Kühl-Frese an. „Ziel sollte es dann sein, dass jede Schule sich ein eigenes Netzwerk aufbaut, in dem sie mit anderen Schulen, den Suchtberatungsstellen und der Polizei kooperiert“, rät Stolze. Gerade die Suchtberatungsstellen, die der Kreis Pinneberg jedes Jahr mit zwei Millionen Euro fördert, seien auf diesem Gebiet gute und wichtige Ansprechpartner.

Ihr abgestufter Leitfaden müsse sich nicht nur auf den Haschisch- oder Marihuana-Konsum beschränken, sagen die Autorinnen. Er sei auch bei anderen illegalen und sogar legalen Substanzen anzuwenden. Beispielhaft nennen sie das Einnehmen obskurer Kräutermischungen (sogenannte „Legal Highs“), Alkoholmissbrauch oder das Schnüffeln von Klebstoffen. Daran sei vor Kurzem eine Schülerin bei Kiel gestorben, so Heike Kühl-Frese.

Der Kreis Pinneberg sei auf dem Gebiet der Prävention ohnehin Vorreiter, lobt die Schulexpertin vom Ministerium. Pinneberg sei landes-, vielleicht sogar bundesweit der einzige Kreis, der seit vier Jahren Koordinatoren für die Suchtprävention mit Fachleuten vom Schulamt, vom Kreis und dem IQSH ausbilde. Inzwischen gebe es mit 180 Koordinatoren an jeder Schule mindestens einen im Kreis Pinneberg, sagt Silvia Stolze. Sie biete zudem den Schulen für die Behandlung des Cannabis-Problems Schulfachtagungen an.