Pinneberg
Kreis Pinneberg

Das leise Sterben der alten Landgasthöfe

Der Meinkenhof in Kummerfeld muss zum 1. März schließen, nachdem die Betreiber die zweite Insolvenz seit 2013 verkraften müssen

Der Meinkenhof in Kummerfeld muss zum 1. März schließen, nachdem die Betreiber die zweite Insolvenz seit 2013 verkraften müssen

Foto: Arne Kolarczyk / HA

Mit dem Meinkenhof in Kummerfeld muss erneut ein Traditionsbetrieb dicht machen. Dorflokale liegen nicht mehr im Trend.

Kreis Pinneberg.  Früher traf sich im Landgasthof das ganze Dorf. Heute gibt es viele Dörfer in Schleswig-Holstein, in denen es keine Gaststätte mehr gibt. Ab sofort gehört auch Kummerfeld dazu. Zum 1. März gibt mit dem Meinkenhof das letzte gastronomische Angebot in der Kommune auf.

Freiwillig ist das Ende nicht. Am 10. Februar meldeten die Betreiber Insolvenz an. Das Amtsgericht bestellte den Pinneberger Rechtsanwalt Oliver Dankert zum Insolvenzverwalter. Und der zog einen Schlussstrich unter die langjährige Tradition. „Es gibt keine langfristige Perspektive“, bedauert Dankert. Eine positive Fortführungsprognose, die Voraussetzung für eine Insolvenzgeldzahlung der Agentur für Arbeit ist, sei nicht gegeben.

Verluste konnten nicht aufgefangen werden

Das liegt daran, dass der Meinkenhof bereits im Frühjahr 2013 insolvent war. Der damalige Insolvenzverwalter führte den Betrieb über ein Jahr weiter, ehe ein Investor die Immobile erwarb. Die damalige und heutige Betreiberfamilie konnte, nunmehr als Mieter, ab Dezember 2014 wieder das Ruder übernehmen und mit einem reduzierten Team den Neustart wagen.

„Es sind seitdem Verluste entstanden, die nicht mehr aufgefangen werden konnten“, sagt Dankert. Die Reserven der Gastronomen seien aufgebraucht, sodass eine Schließung unvermeidlich sei. „Die erwarteten Gästezahlen konnten nicht erreicht werden“, sagt Dankert. Drei Festangestellte, zwei Auszubildende, eine Angestellte in Teilzeit sowie mehrere Aushilfen, die zuletzt im Dezember bezahlt werden konnten, seien von dem Aus betroffen. Wie es mit der Immobilie weitergehe, müsse der neue Eigner entscheiden.

Zunächst droht vermutlich ein Leerstand. Damit teilt der Meinkenhof das Schicksal des ehemaligen Lindwurms in Kummerfeld. Einst „In-Kneipe“, wurde das Lokal zuletzt unter dem Namen Anassa als griechische Gaststätte geführt. Voriges Jahr folgte die Insolvenz, mangels Masse war eine Fortführung des Betriebes nicht möglich.

Ähnlich erging es To’n Vossbau in Seestermühe. Im Oktober 2013 gingen nach mehr als 200-jähriger gastronomischer Tradition die Lichter aus. Die letzte Betreiberin stand 35 Jahre hinter dem Tresen, die letzten zwei Jahren als Einzelkämpferin im Insolvenzverfahren. Auch bei diesem Verfahren war Dankert als Insolvenzverwalter tätig. Lange Zeit suchte er einen Käufer für die 1730 erbaute, wunderschön gelegene Immobilie. Doch es fand sich niemand, sodass eine Zwangsversteigerung unvermeidlich wurde. Beim dritten Termin fand das Lokal am 27. Juni 2014 für 76.500 Euro deutlich unter Verkehrswert neue Eigentümer. Seit vorigem Jahr wird die leerstehende Immobilie wieder zum Verkauf angeboten – diesmal für 145.000 Euro. Insolvenzverwalter Dankert glaubt, dass sich das Konzept der Dorfgaststätten mittlerweile überholt hat.

Im Nachbarort Seester feierte im Mai 2014 die Fischerkate Wiedereröffnung nach zweijährigem Leerstand. Der Neustart scheiterte nach nur einem Jahr wegen Insolvenz. Andere Traditionslokale schlossen ihre Pforten, bevor es zum Insolvenzfall kam. Ein Beispiel: der Holsteiner Hof in Heist. Das ehemalige Hotel und Restaurant wird inzwischen nur noch als Pension geführt.

„Häufig müssen Landgasthöfe schließen, weil die Betreiber keinen Nachfolger finden“, weiß Jürgen Schumann, Kreisvorsitzender des Hotel- und Gaststättenverbandes Dehoga. Früher hätten potenzielle Betreiber Schlange gestanden, wenn kein Nachfolger aus der eigenen Familie gefunden werden konnte. „Heute suchen sich die Kinder einen anderen Job, nachdem sie über Jahre miterlebt haben, wie die Eltern knüppeln mussten.“

Schumann sieht auch das geänderte Freizeit- und Essverhalten der Leute als Grund für das Gasthofsterben an. Früher hätten die meisten Leute in Ruhe am Tisch in der Gaststätte gespeist. Inzwischen würden gerade die Jüngeren zunehmend auf Fast Food oder Systemgastronomieangebote setzen. „Die laufen allem hinterher was gerade in ist“, weiß Schumann. Dazu würden Landgasthöfe inzwischen nur noch selten gehören. Und deren bisherige Stammkundschaft werde immer älter und weniger mobil, sodass sie kaum noch das langjährige Lieblingslokal aufsuchen könne.

Aber der Dehoga-Kreisvorsitzende kennt auch andere Beispiele. „Es gibt genügend Landgasthöfe, die laufen“, sagt er. Eines seiner Beispiele: das Fährhaus Spiekerhörn in Raa-Besenbek. Die gastronomischen Betriebe, die auch heute gut laufen, seien meistens die, die von jungen Betreibern übernommen worden sind. „Es braucht einfach Betreiber, die Ideen haben, sich beispielsweise auf junge Familien spezialisieren.“ Einfach eine gute Küche zu haben, bilanziert Schumann, „das reicht schon lange nicht mehr.“