Pinneberg
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Wenn Autowracks für Helfer zur Falle werden

Anfang November befreien Einsatzkräfte der Pinneberger Wehr zwei verunglückte Autoinsassen

Anfang November befreien Einsatzkräfte der Pinneberger Wehr zwei verunglückte Autoinsassen

Foto: Feuerwehr Pinneberg / HA

Hochgerüstete Fahrzeuge stellen Feuerwehren vor Probleme, wenn sie Unfallopfer befreien. Kostenloser Rettungsplan kann helfen

Kreis Pinneberg.  Es ist der 1. November 2015, kurz nach Mitternacht. Ein ohrenbetäubender Knall erschüttert Pinnebergs City. Ein Kleinwagen ist frontal in das Gebäude der Post an der Friedrich-Ebert-Straße gerast. Zwei Menschen sind schwer verletzt, vermutlich an der Wirbelsäule. Und sie sind in dem Wrack eingeklemmt. Für den Rettungstrupp der Pinneberger Feuerwehr beginnt ein Wettlauf mit der Zeit. Jede Minute zählt. Die Szene entstammt nur einem von insgesamt 427 Einsätzen, die Pinnebergs Wehr im abgelaufenen Jahr absolvierte – einem, der als Beispiel dienen kann, wenn es darum geht, ein Problem zu schildern, vor das Retter zunehmend gestellt werden. Hochtechnisierte Fahrzeuge erschweren das Aufschneiden der Wracks und somit die schnelle Hilfe für Unfallopfer. Zudem können sich die Einsatzkräfte selbst in Gefahr bringen, wenn sie Schere und Säge dort ansetzen, wo sich Airbags, Gastanks oder Batterien verbergen.

Eine sogenannte Rettungskarte kann Abhilfe schaffen. Die kann jeder Verkehrsteilnehmer über den ADAC sowie über Fahrzeughersteller beziehen. „Wir appellieren dringend an Autofahrer, das auch zu tun“, sagt Pinnebergs Kreiswehrführer Frank Homrich. Das kostenlose Kärtchen, das hinter die Sichtblende des Fahrzeugs geklemmt oder als Aufkleber für die Windschutzscheibe geordert werden kann, liefert den Helferteams auf den ersten Blick Informationen, die in dramatischen Situationen sogar Leben retten können. Aus einer übersichtlichen Grafik geht genau hervor, wo bei dem jeweiligen Modell die Kraftstoffbehälter untergebracht sind. Zudem wird sofort deutlich, wo die Karosserie besonders verstärkt wurde. Gurtstraffer, Steuergeräte und Airbags sind ebenfalls verzeichnet. Retter wissen sofort, wo sie Spreizer, Schere und Sägen am besten ansetzen, um das Auto von seinem Dach zu befreien und Verletzte sicher zu befreien.

Allerdings wissen die wenigsten Autofahrer von den Karten, die zuweilen auch Rettungsdatenblatt genannt werden. Allzu oft müssen die Einsatzkräfte noch vor Ort recherchieren, um nicht in die Falle zu tappen. „Kollegen bemühen auch mal das Handy, surfen auf der Suche nach den technischen Daten im Internet“, schildert Homrich. „Aber das kostet uns wertvolle Zeit.“ Minuten, die Opfer im schlimmsten Fall das Leben kosten kann.

Claus Köster ist Wehrführer in Pinneberg. Er hat den Einsatz nach dem schweren Verkehrsunfall an der Friedrich-Ebert-Straße im November geleitet. Köster bekräftigt den Appell seines Kreiskollegen Homrich. In den neuen Automodellen gebe es „eine immense Ansammlung von Airbags“, sagt er. Das berge die Gefahr von Verletzungen, wenn das Wrack an einer ungünstigen Stelle aufgeschnitten werde. Feuerwehrkollege Alexander Supthut, der sich beruflich mit Sicherheit in Fahrzeugen befasst, erklärt: Beim Auslösen von Airbags komme Pyrotechnik zum Einsatz. Eine Gaskartusche entlade sich. „Ein enormer Luftdruck kann bewirken, dass Teile der Karosserie abgetrennt und durch die Luft geschleudert werden.“ Dabei könnten auch die im Auto eingeklemmten Unfallopfer zusätzlicher Gefahr ausgesetzt sein.

Ein Arbeiten ohne Gesichtsschutz – für die Einsatzkräfte der Feuerwehr schon jetzt undenkbar. Zumal die Einführung von Gasautos die Situation noch verschärfe, so Köster. Derzeit sei noch nicht von außen zu erkennen, dass im Inneren des Wagens ein Gastank schlummere. Die Einführung von speziellen Kennzeichen werde lediglich diskutiert.

Pinnebergs stellvertretender Wehrführer Kai Halle findet deutliche Worte: „Die Autoindustrie bringt ständig neue Technik in den Fahrzeugen unter, fraglos hinkt die Feuerwehr hinterher.“ Zudem gebe es auf dem Markt eine immense Typenvielfalt. Die Rettungskarte sei „ein guter Ansatz“, es den Einsatzkräften, die sich um das Leben von Unfallopfern bemühen, zu erleichtern. In anderen Ländern, etwa in den Niederlanden, sei man weiter. Rettungskarten können bei der Dekra sowie im Internet unter der Adresse www.adac.de angefordert werden. Der Automobilclub leitet auf Webseiten der Anbieter weiter.