Pinneberg
Haseldorf

Die große Kunst, ein altes Haus zu bauen

Mehr als 20.000 alte Steine aus der früheren Ziegelei in Kurzenmoor hat der Haseldorfer Kunsttischler Torsten Speer für sein Haus gesammelt und verbaut

Mehr als 20.000 alte Steine aus der früheren Ziegelei in Kurzenmoor hat der Haseldorfer Kunsttischler Torsten Speer für sein Haus gesammelt und verbaut

Foto: Sabine Skibbe / HA

Der Haseldorfer Torsten Speer verwendet ausschließlich Ziegelsteine aus historischen Abbruchhäusern. Dafür hat er gute Gründe.

Haseldorf.  Wenn es um Altes geht, um historische Häuser und Möbel, um Werkzeug aus vergangenen Jahrzehnten, Türen und Torbögen aus Bauernhäusern zu Beginn des 20. Jahrhunderts ist Torsten Speer in seinem Element. Der Kunsttischler, der seit 30 Jahren mit Frau und Söhnen in Haseldorf lebt, hat die Devise: „Es liegt viel rum, wenn man nur genau hinguckt.“ Und Speer kann auch vieles gebrauchen. Alte Ziegelsteine zum Beispiel. Damit hat er nämlich schon zwei komplette Häuser gebaut. Für sein Wohnhaus hat er 26.000 Steine aus insgesamt drei Abbruchhäusern, unter anderem in Uetersen und Seester, gesammelt.

„Abend für Abend bin ich dort mit meinem kleinen Hänger hingefahren und habe die Steine aufgestapelt“, erinnert er sich. Selbstverständlich hat er vorher gefragt und auch dafür bezahlt. Anfangs wurde er allerdings immer nur milde belächelt, wenn er wieder irgendwo bei Abbruchhäusern Holzbalken, Fußböden und Steine abholte. „Da kommt der Spinner wieder, hieß es dann immer“, berichtet er.

Steine des alten Haseldorfer Zollhauses

Für Speer ist die Arbeit mit alten Werkstoffen aus verschiedenen Gründen interessant. Zum einen hat er Respekt und Ehrfurcht vor der Leistung der früheren Handwerker, die alle Steine und Balken von Hand bearbeitet haben, zum anderen ist es für Speer eine Form von Recycling, für die keine Energiekosten nötig sind. Nur Zeit und Arbeitskraft. Denn die alten Steine aus Abbruchhäusern beispielsweise werden sonst mit hohem Energieaufwand geschreddert.

Auch Speers Werkstatt an der Hauptstraße in Haseldorf besteht zum großen Teil aus altem Material. Hier ist er aber noch nicht ganz fertig, denn das Haus ist nicht neu wie sein Wohnhaus. So hat er zunächst einmal angebaut und will, wenn es die Zeit zulässt, auch die alten Eternitplatten noch ersetzen. Die Steine für die Werkstatt stammen alle von einem Gebäude. Als das alte Zollhaus in Haseldorf abgerissen wurde, hat Speer sich sowohl die Dachziegel als auch die Steine gesichert. Und sogar noch einen kleinen Schatz gefunden. Im Keller des alten Zollhauses lagen ungebrauchte Steine, die dort 200 Jahre vergessen worden waren.

Nun muss man nicht glauben, dass Torsten Speer sich Häuser gebaut hat, die irgendwie kunterbunt aussehen, weil die Steine alle verschieden sind. Er hat nämlich schon auf einen ganz bestimmten roten Farbton und ganz bestimmte Formate geachtet. Und diese Ziegel stammen alle, so erzählt der 57-Jährige, aus der früheren Ziegelei in Kurzenmoor bei Elmshorn. Bis etwa 1905 wurden hier helle Steine in kleineren Formaten gebrannt. „Diese Steine sind weicher gebrannt, das ist für das Raumklima interessant. Ein hart gebrannter Stein lässt keine Feuchtigkeit von innen nach außen.“

Früher wurden die Steine teilweise in Lehm gemauert und mit Muschelkalk verfugt. Das hat den großen Vorteil, dass das Mauerwerk die Bewegungen, die es bei dem fetten und oft feuchten Marschboden zwangsläufig gibt, besser mitmachen konnte. Zu gern hätte Speer sein Wohnhaus auch zumindest mit Muschelkalk verfugt, aber da haben die Maurer nicht mitgespielt. Ohnehin haben die ersten beiden, die der Tischler gefragt hat, gleich abgewinkt. Zu viel Aufwand. Denn die alten Steine können ja nicht einfach von der Palette genommen und vermauert, sondern müssen vorher sortiert werden.

Maurer gab angesichts der Sonderwünsche auf

Der Maurer, der schließlich zugesagt hatte, hat dann auch irgendwann entnervt hingeschmissen, weil Speer nicht wollte, dass die Wände abgesäuert werden. Mit diesem Verfahren wird der Zementschleier von den Steinen entfernt, damit sie sauber sind. Aber Speer findet, dass dann aus den alten Ziegeln das Farbspiel verschwindet. Als der Maurer entgegen der ausdrücklichen Anweisung trotzdem eine Wand abgesäuert hatte und Speer ihn aufforderte, das sofort rückgängig zu machen, verkündete der Handwerker vollkommen genervt: „Ich schmier hier doch keinen Dreck an die Wand!“

Ziemlich spezielle Ideen hat der Tischler eigentlich schon immer gehabt. Ende der 70er-Jahre war er mit Freunden nach Spanien gereist und entdeckte dort in einer Ziegelei wunderbare Handstrichfliesen. Also beschloss er, zehn Quadratmeter davon für den Küchenfußboden in der Mietwohnung in Hamburg-Eppendorf zu kaufen. Er wurde mit dem Chef der Ziegelei handelseinig, lud die schweren Fliesen in den Pkw und stellte aber schon beim Losfahren fest, dass es mit dem Projekt nichts werden konnte. Der Wagen ächzte, aber es waren bisher weder die Kumpel noch das Gepäck im Auto.

Als Speer knapp zwei Jahrzehnte später wieder in der spanischen Ziegelei vorstellig wurde, um die tollen Fliesen für seinen Neubau in Haseldorf zu kaufen, erinnerte sich der Chef an ihn und fragte schmunzelnd: „Bist du wieder mit dem Pkw da?“