Pinneberg
Schenefeld

„Grenzen in unseren Herzen öffnen“

Siaquiyah Davis ist Schenefelds neuer Pastor. Der einst aus Liberia geflüchtete Theologe sagt von sich, er sei deutscher, als die meisten Deutschen

Siaquiyah Davis ist Schenefelds neuer Pastor. Der einst aus Liberia geflüchtete Theologe sagt von sich, er sei deutscher, als die meisten Deutschen

Foto: Katy Krause / HA

Schenefelds neuer Pastor Siaquiyah Davis flüchtete vor dem Bürgerkrieg in Liberia. Er hat Verständnis für deutsche Ängste.

Schenefeld.  Nachts kommen die Albträume. Dann plagen Siaquiyah Davis die Bilder von einst. Was er in jungen Jahren in seiner afrikanischen Heimat Liberia alles gesehen hat, lässt ihn nicht los. 15 Jahre Bürgerkrieg haben sein Leben verändert.

Ursprünglich wollte Davis Mathematik oder Physik studieren. Dann kam der Krieg auch in seine Gegend und veränderte alles. Hungernde Menschen, drogenabhängige Kindersoldaten, wahlloses Töten. Davis suchte Halt und fand ihn im Glauben. Der führte ihn über einige Umwege nun ausgerechnet nach Schenefeld.

In der Kleinstadt an der Grenze zu Hamburg tritt Siaquiyah Davis die Nachfolge für den langjährigen Pastoren Paul Otterstein an, der in den Ruhestand geht. An diesem Sonntag, 29. November, wird Siaquiyah Davis in der Paulskirche während eines Festgottesdienstes offiziell begrüßt. Beginn ist um 11 Uhr.

Berechnen, wissenschaftlich belegen und beweisen: Wie passt die Vorliebe für Physik und Mathe mit Theologie zusammen? „Man kann nicht alles rationalisieren. Alles hat seine Grenze. Am Ende muss man etwas glauben“, erklärt der Vater von vier Kindern. Trotzdem blitzt diese rationale Seite im Gespräch mit Davis immer wieder durch. Messerscharf analysiert er, bringt Dinge auf den Punkt. Dabei ist sein Blickwinkel allerdings oft ungewöhnlich, durch seine Erfahrungen geprägt, irritierend anders.

Davis fühlt sich deutscher als viele Deutsche

Ein Beispiel: Wer den 36-Jährigen fragt, der Ende 2008 nach Deutschland kam, ob er sich als Deutscher fühlt, erfährt, dass er sich sogar deutscher als die meisten Deutschen findet. „Meine Staatsbürgerschaft ist tiefer als die vieler anderer“, sagt Siaquiyah Davis. „Im Unterschied zu ihnen habe ich die Entscheidung getroffen, deutsch zu sein.“

Die Entscheidung Hamburger zu werden, traf er für seine Frau, die als Pastorin in der Christuskirchengemeinde Othmarschen arbeitet. Katharina lernte er während eines Aufenthaltes in Bayern 2003 kennen. Dorthin war der angehende Pastor eine Zeit lang vor den Kriegswirren in seinem Land geflohen.

Davis kehrte zurück, arbeitete als Pastor in einer Gemeinde etwa 50 Kilometer von der Hauptstadt Monrovia entfernt. Auch dort waren der Krieg und seine Folgen allgegenwärtig. „Es war schlimm. Die Menschen hatten nichts zu essen. Außer der spirituellen Aufgabe hatte ich auch die physische“, erinnert sich Davis, der damals versuchte, für die leidenden Gemeindemitglieder Spenden aufzutreiben.

Nach mehreren Stationen in Genf beendete Davis sein durch den Krieg oft unterbrochenes Studium an der Universität Birmingham mit einem Master. Dadurch beherrscht er etwas, das gerade in Schenefeld sehr gefragt ist: die englische Sprache.

Denn der in den USA beheimatete Paul Otterstein baute in den vergangenen Jahrzehnten eine englische Gemeinde auf. Sonntags um 11.30 Uhr zieht es viele internationale Gäste nach Schenefeld, wenn der Gottesdienst in englischer Sprache beginnt. Diesen Gottesdienst wird nun Siaquiyah Davis übernehmen.

Während in Deutschland um Kontingente und Flüchtlingsaufnahme gerungen wird, hat der einst selbst geflohene Davis die Ansicht, dass nicht die Landesgrenzen das große Problem sind.

„Die Deutschen brauchen eine Vorbereitung auf diese ungewöhnliche Situation. Es ist wichtig, erst einmal die Grenzen in unseren Herzen zu öffnen“, sagt der evangelische Pastor, der es dennoch bewundert, wie hilfsbereit Deutschland sich zeigt.

„Menschen sind Menschen, egal welche Hautfarbe sie haben“

Doch bei aller Hilfe hält er es für besonders wichtig, auch die Sorgen und Nöte der Menschen zu hören, die hier leben. Gerade die Gemeinde und der Glaube würden da Halt bieten, die Herausforderungen gemeinsam zu meistern.

„Angst kann schlimm sein“, sagt Davis, der es wissen muss. Viermal sah er, wie Menschen vor seinen Augen getötet wurden. Einige Mal entrann er selbst nur knapp dem Tod. „Doch auch daraus kann etwas Positives erwachsen, wenn man es sieht“, gibt er zu bedenken. Denn nur so habe er den Weg zu Gott gefunden.

Deshalb hält Siaquiyah Davis es für besonders wichtig, alles immer wieder von neuem zu betrachten, dem vermeintlich Anderen und dem Anderssein eine Chance zu geben. Davis: „Menschen sind Menschen, egal welche Hautfarbe sie haben, das definiert das Herz nicht.“