Pinneberg
Wedel

„Es hat auch Vorteile, heimatlos zu sein“

Proschat Madani kommt am 24. September nach Wedel und wird aus ihrem Buch "Suche Heimat, biete Verwirrung" vorlesen.

Proschat Madani kommt am 24. September nach Wedel und wird aus ihrem Buch "Suche Heimat, biete Verwirrung" vorlesen.

Foto: Mirjam Knickriem

Schauspielerin und Autorin Proschat Madani kommt nach Wedel. Im Interview spricht sie über die Suche nach Heimat und nach sich selbst.

Wedel. Im Rahmen der interkulturellen Wochen lädt die Stadtbücherei Wedel für Donnerstag, 24. September, zur Lesung mit Tatort-Schauspielerin und Autorin Proschat Madani ein. Die 48 Jahre alte Künstlerin ist im Iran geboren, in Österreich aufgewachsen und lebt seit über zwölf Jahren in Berlin. Seit ihrer Kindheit führt sie ein Leben zwischen den Kulturen. In Ihrem Buch „Suche Heimat, biete Verwirrung“, erzählt die Schauspielerin humorvoll und persönlich vom Suchen und Finden einer Heimat – in sich selbst.

Hamburger Abendblatt: Ihr aktuelles Buch trägt den Titel „Suche Heimat, biete Verwirrung“. Sind Sie heute noch verwirrt?

Proschat Madani: Nein. In einem verwirrten Zustand hätte ich das Buch auch nicht schreiben können. Das Buch ist eine Verdichtung aus 45 Jahren Lebenserfahrung in Hinblick auf das Thema Fremdsein.

Wann fühlen Sie sich fremd?

Madani : In erster Linie immer dann, wenn ich nicht ganz bei mir selbst bin. Das kann überall sein, das hat nichts mit einem bestimmten Ort zu tun. Eher mit den Menschen, von denen ich umgeben bin. Es gibt solche, bei denen ich unzensiert so sein kann, wie ich gerade in dem Moment bin. Und andere, in deren Gesellschaft ich anders spreche, mich anders bewege, nicht ganz bei mir bin. Ich versuche dann einen spielerischen Umgang mit der Situation zu finden, dann fühlt sich das Fremdsein gleich nicht mehr so schlimm an.

Wie fühlt es sich an, heimatlos zu sein?

Madani : Ich denke, das hat viel mit dem eigenen Blickwinkel zu tun. Viele Jahre meines Lebens hatte ich das Gefühl, dass es ein Mangel ist, keine Heimat zu haben. Zu meiner Biografie gehört es aber dazu, dass ich einfach keine Heimat habe und auch nie eine haben werde. Wenn man das erkennt und aufhört, krampfhaft nach etwas zu suchen, was es in der Form für einen nicht gibt, merkt man, dass es eher darum geht, sich selbst so zu akzeptieren wie man ist. Ich habe gelernt, dass es viele Vorteile hat, heimatlos zu sein. Es hat mich zu einem sehr anpassungsfähigen und emphatischen Menschen gemacht. Verwurzelung heißt nicht, dass man mit sich selber im Reinen ist.

Vermissen Sie das Gefühl von Heimat?

Madani : Ich habe ja nicht erlebt, wie es ist, eine Heimat zu haben. Ich stelle mir aber vor, dass es ein schönes Gefühl sein muss, sich zugehörig zu fühlen und bestimmte Dinge nicht mehr hinterfragen zu müssen. Trotzdem glaube ich, dass es der schönste Zustand ist, unabhängig davon, ob man eine Heimat hat oder nicht, dass man mit sich selber klarkommt, so wie man eben ist, mit allen Ecken und Kanten. In meinem Fall geht es eher darum, überall, wo ich bin, ein Zuhause zu habe.

Wo haben Sie ihr Zuhause gefunden?

Madani : In Moment ist es Berlin. Dort lebe ich schon seit zwölf Jahren, habe meine Wohnung und alle meine persönlichen Sachen dort. Nach wie vor habe ich aber eine sehr enge Beziehung zu Wien. Meine Familie lebt dort, und ich arbeite auch noch oft in Wien. Als „Heimatlose“ kann ich aber leicht jederzeit meine Zelte in Berlin abbrechen.

Wie haben Sie ihre Identitätskrise überwunden?

Madani : Das war ein langer Prozess und kein Aha-Moment. Ich bin immer wieder in Situationen gekommen, in denen ich so sehr versucht habe mich anzupassen, dass ich mir selbst fremd wurde. Ich musste lernen, mir selbst gegenüber aufmerksamer zu werden. Ich denke, es geht mehr um das Bewusstsein seiner selbst, als darum eine Definition für sich selbst zu finden. Eine Definition unter dem Motto „So und so bin ich“ ist statisch und grenzt ein. Die meisten von uns könnten liebevoller mit sich selbst und ihren Schwächen umgehen.

Was sind ihre Schwächen?

Madani : Ich kann schwer Nein sagen.

Sie sagen selbst von sich, dass Sie viele Vorurteile haben.

Madani : Ich glaube, es ist keine Schwäche, Vorurteile zu haben. Alle haben Vorurteile. Die politisch Korrekten tun nur so, als hätten sie keine. Dabei ist es so erleichternd, sagen zu dürfen, dass es diese Gedanken gibt. Dann erst kann man mit ihnen umgehen und sich bewusst dafür entscheiden, sie nicht weiter ernst zu nehmen und keinerlei Konsequenzen daraus zu ziehen.

Welche Vorurteile haben Sie gegenüber Deutschen?

Madani : Ich glaube, die ganz üblichen doofen Vorurteile. Dass sie so überkorrekt oder so super direkt sind. Und ja, manchmal wird das auch bestätigt. Und oft eben auch gar nicht.

Wie gelingt Integration?

Madani : Ich kenne keine Patentlösung dafür, ich kann nur aus meiner ganz persönlichen Erfahrung sagen, dass Kontakt zwischen den Menschen Wunder bewirken kann. Wenn ich mit einem Menschen, der mir fremd ist und mir vielleicht auch Angst macht, rede, dann stelle ich sehr oft fest, dass die Wahrheit viel harmloser ist, als das, was ich in meinem Kopf gesponnen habe. In erster Linie sehen wir immer das, was uns unterscheidet. Im Kontakt mit dem Fremden erkennen wir, dass es vieles gibt, das uns auch verbindet.

Was werden Ihre Zuhörer nach der Lesung in Wedel mit nach Hause nehmen?

Madani : In erster Linie einen vergnüglichen Abend. Es ist mir sehr wichtig, dass sich die Menschen unterhalten, gerade bei diesem Thema. Und da es ein sehr persönliches Buch ist, animiert es andere Menschen dazu, selbst Persönliches aus ihrem Leben zu berichten und mit anderen zu teilen.

Die Lesung beginnt um 19.30 Uhr in der Stadtbücherei Wedel, Rosengarten 6. Der Eintritt kostet 8 Euro, ermäßigt 6 Euro. Vorverkauf in der Stadtbücherei und in der Buchhandlung Steyer, Bahnhofstraße 46.