Pinneberg
Nazi-Vergangenheit

Wirbel um Porträt in der Bürgermeistergalerie

Stadtarchivar Martin Ramcke (l.) und Rathaussprecher Marc Trampe vor der Bürgermeistergalerie im Pinneberger Rathaus. Hinten (m.) das umstrittene Porträt

Stadtarchivar Martin Ramcke (l.) und Rathaussprecher Marc Trampe vor der Bürgermeistergalerie im Pinneberger Rathaus. Hinten (m.) das umstrittene Porträt

Foto: Andreas Daebeler / HA

Seit 1970 ist ein Porträt des NS-Bürgermeisters Karl Coors vor Pinnebergs Ratssaal zu sehen – ohne historische Einordnung.

Pinneberg.  Karl Coors war Bürgermeister der Stadt Pinneberg. Acht Jahre lang, von 1937 bis 1945. Und er war Mitglied der NSDAP. Ein Porträt von Coors hängt in der Ahnengalerie der Rathauschefs. Neben den Bildern von Hans-Hermann Kath, Jan Nevermann, Kristin Alheit – und dem Bildnis von Wilhelm Burmeister, dem 1933 von den Nazis aus dem Amt gedrängten Rathauschef. Einen Kommentar, der die Rolle des NS-Bürgermeisters Coors hinterfragt, einordnet und beleuchtet, suchen Gäste des Rathauses vergeblich. Und genau das sorgt jetzt für Wirbel.

Für die Schenefelderin Jule Vickery, die regelmäßig Konzerte im Rathaus der Kreisstadt besucht, ist es unverständlich, dass die Stadt nicht offener mit ihrer braunen Vergangenheit umgeht. „Ich finde es unerträglich und halte es für einen politischen Skandal, dass das in Öl gegossene Porträt eines nicht demokratisch legitimierten Bürgermeisters unkommentiert öffentlich ausgehängt wird.“ Offensichtlich sei das Porträt auch erst nachträglich gemalt worden, was Zweifel an einer verantwortungsvollen Aufarbeitung der Vergangenheit aufkommen lasse. Geradezu grotesk sei es, das Rathausgebäude zu verlassen und gleich gegenüber auf einen Gedenkstein für die Opfer des Faschismus zu stoßen. „Wie passt das zusammen?“, fragt Vickery.

Richtig ist: Karl Coors ist 1937 nicht demokratisch gewählt, sondern vielmehr 1937 vom zuständigen Kreisleiter der NSDAP ins Amt gehoben worden. Bereits 1933 war er in die Hitler-Partei eingetreten. Damals wirkte Coors noch als Bürgermeister in Friedrichstadt.

Johannes Seifert von der VHS-Geschichtswerkstatt hat ein längst vergriffenes Buch über Pinneberg zu Zeiten des Nationalsozialismus geschrieben. Die Figur Coors sei zumindest zwiespältig, sagt er. „Er wird als unpolitischer Verwaltungsmensch beschrieben, wurde aber zugleich als Amtsverwalter bei der NSDAP geführt.“ Als „etwas seltsam“ bezeichnet Seifert zudem die Praxis, bei Pinnebergs NS-Bürgermeistern mit zweierlei Maß zu messen. So fehle in der Ahnengalerie das Bild von Heinrich Backhaus, der von 1933 bis 1937 als Vorgänger von Coors amtiert habe. Augenscheinlich habe die Politik eine Bewertung vorgenommen: „Backhaus galt als fanatischer Nazi“, sagt Seifert. Coors hingegen habe zeitweise sogar im Clinch mit hochrangigen Nazis gelegen. Zwar sei er nach dem Krieg von den Alliierten interniert und sein Werdegang geprüft, später jedoch freigesprochen worden.

„Seinen Eintritt in die NSDAP begründete Coors 1948 damit, dass er seinen liebgewonnenen Beruf als Bürgermeister nicht aufgeben wollte“, weiß Martin Ramcke zu berichten. Der Stadtarchivar hat versucht, auf Anfrage des Abendblatts ein wenig Licht in die Geschichte zu bringen. Dabei stieß Ramcke auf die Niederschrift einer Magistratssitzung vom 14. Mai 1969. In der war beschlossen worden, das Gemälde des 1958 in Pinneberg gestorbenen Coors anfertigen zu lassen. Dass es zuvor politische Diskussionen gegeben hat, bezweifelt Ramcke nicht. Dokumentiert sind die jedoch nicht. Auch eine Begründung, warum auf ein Bild von Backhaus verzichtet wurde, fehlt in der Niederschrift. „Von der Anfertigung weiterer Gemälde von Verwaltungschefs aus früherer Zeit wird abgesehen“, heißt es lapidar. Der Hamburger Maler Heinrich Rohde erhielt 1970 für das Portrait von Coors 1600 Mark.

Forderung nach Aufarbeitung legitim

Laut Ramcke gibt es klare Anzeichen, dass Coors, der zu Kriegsende auch als Elmshorner Verwaltungschef eingesetzt wurde, „kein strammer Nazi“ gewesen sei. Dass er der einzige nicht demokratisch gewählte Rathauschef in der Galerie ist, sei allerdings nicht zu bestreiten. Insofern sei es legitim, die Aufarbeitung der Historie auch jetzt noch einzufordern. „Wir sind dankbar für derartige Hinweise und reagieren entsprechend.“ Rathaussprecher Marc Trampe sieht das ähnlich. Das Porträt hänge in exponierter Stellung im öffentlichen Raum. Insofern werde jetzt geprüft, ob dem Wunsch der Schenefelderin Jule Vickery entsprochen werden könne. Ramcke kann sich vorstellen, das Bildnis mit einer Infotafel zu versehen. „Wir werden uns allerdings auf die wichtigsten Daten beschränken“, so der Stadtarchivar.

Die Entscheidung, das Porträt anfertigen zu lassen, sei eine politische und demokratische gewesen, bekräftigt Ramcke. „Ganz klar ist, dass in einer solchen Galerie keine Verbrecher auftauchen dürfen.“