Pinneberg
Zensuren

Grundschulen im Kreis Pinneberg streiten über Noten

Uta Heyer, Rektorin Grundschule Borstel-Hohenraden

Uta Heyer, Rektorin Grundschule Borstel-Hohenraden

Foto: Lennart Banholzer

Ein halbes Dutzend Einrichtungen im Kreis Pinneberg setzen auf Berichtszeugnisse. FDP kämpft mit Volksinitiative um die Ziffern

Kreis Pinneberg. Etwas mehr als sieben Prozent der Stimmen erreichte die FDP bei der Hamburger Bürgerschaftswahl Mitte Februar. Ein Erfolg für die zuvor aus mehreren Landesparlamenten geflogene Partei, der auch den Liberalen in Schleswig-Holstein Auftrieb gegeben hat. „Die Motivation ist unheimlich gestiegen“, sagt der FDP-Landesvorsitzende Heiner Garg, der mit seinen Mitstreitern die Landtagswahl 2017 im Fokus hat.

Die Liberalen haben sich für diese unter anderem das Thema Bildung als Schwerpunkt vorgenommen, machten Ende Januar in Elmshorn und Großhansdorf (Kreis Stormarn) mit dem Start ihrer Volksinitiative „Pro Noten in Grundschulen“ auf sich aufmerksam und griffen damit ein von Eltern und Lehrern vielerorts diskutiertes Thema auf: die Vergabe von Zensuren in der dritten und vierten Klasse.

Das Bildungsministerium hatte es im vergangenen Jahr den Schulen freigestellt, ob sie weiterhin Noten geben oder ausschließlich auf Berichtszeugnisse setzen wollen. Letzteres will die FDP verhindern. „Schon die Kleinsten haben große Freude, sich in einer wettbewerbsähnlichen Situation zu messen, strengen sich besonders an, wenn sie zuvor nicht als Erster, Zweiter oder Dritter ins Ziel gekommen sind“, sagt Garg im Gespräch mit dem Abendblatt. „Das gilt aus meiner Sicht im übertragenen Sinn auch für die Leistungsbewertung in den Schulen, insbesondere in den Klassen drei und vier. Man wird das ganze Leben lang daran gemessen, was man selbst leistet und was andere leisten. Noten sind also auch eine Vorbereitung auf das spätere Leben.“

20.000 Unterschriften müssen innerhalb eines Jahres zusammenkommen, damit sich der Landtag mit dem Anliegen befassen muss. Etwa 3000 kann die Partei nach drei Monaten vorweisen. Allerdings müssen sich die Liberalen auch immer wieder fragen lassen, ob sie zwar ein populäres Thema aufgegriffen haben, aber nicht in Wahrheit eine Scheindiskussion führen. Denn: Fast 90 Prozent der Schulen in Schleswig-Holstein setzen weiterhin auf Noten. „Politik sollte sich nicht nur um den Status quo kümmern“, entgegnet Garg. „Wir gehen davon aus, dass Noten mittelfristig von den regierenden Parteien gänzlich abgeschafft werden sollen, und das wollen wir nicht.“

Im Kreis Pinneberg setzen laut Schulamt aktuell mehr als 40 Schulen auf Notenzeugnisse mit verbalen Ergänzungen in unterschiedlicher Form. Nur sechs Grundschulen haben die Noten von den Zeugnissen verbannt. Eine davon ist die Grundschule in Borstel-Hohenraden. Seit vergangenem Jahr gibt es hier statt Noten Tabellen, die den Schülern Stärken und Schwächen aufzeigen sollen. Die Lehrer hätten auf der Schulkonferenz einstimmig für die Abschaffung der Noten gestimmt, bei den Elternvertretern sei die Meinung gemischt gewesen, sagt Rektorin Uta Heyer.

Es gehe in der Grundschule nicht darum, „Kinder zu bewerten, sondern darum, sie in ihrer Entwicklung zu unterstützen“, meint Heyer. Noten würden nur Ersteres leisten. Auf Basis eines Entwicklungsberichts, der heutzutage die Basis für die Eltern-Beratungsgespräche in der vierten Klasse hinsichtlich der weiterführenden Schulen bildet, wurden in Borstel-Hohenraden Bewertungstabellen für die Zeugnisse entwickelt – eine Unterstützung durch das Ministerium hätte man sich dafür gewünscht, sagt Heyer. Künftig soll es aus Kiel ein vereinheitlichtes Kompetenzraster als Vorgabe geben.

In Borstel-Hohenraden ist die Bewertung bislang beispielsweise für das Fach Deutsch in zehn Kategorien aufgeschlüsselt. Von dem Grad der Kenntnis der Grammatikregeln bis zur Qualität der Heftführung wird darin vieles dokumentiert. Kinder und Eltern sehen so, woran die Kinder noch arbeiten müssen und wo sie Unterstützung brauchen. Eine auf dem Zeugnis vermerkte Note könne eine solche Wirkung nicht haben, meint Heyer.

Das Argument, dass nur Noten eine Vergleichbarkeit zwischen Schülern herstellen würde, trifft ihrer Meinung nach nicht zu. „Noten schaffen eine Vergleichbarkeit im engen Raum“, in einer Klasse, in der allen Kindern gleiche Lernvoraussetzungen geboten würden. Für die Notenvergabe an den einzelnen Grundschulen gebe es keine allgemeinen Standards, Notengebung sei immer subjektiv.

Rektorin will verhindern, dass ihre Schüler nur um der Note willen lernen

Des Weiteren schaffen Noten laut Heyer Leistungsdruck: „Dieser sollte so lange wie möglich von den Kinder ferngehalten werden.“ Die Grundschüler sollten ihrer Ansicht nach nicht blind alles lernen, in den ersten vier Jahren sei die Schule vor allem dafür da, Entwicklungsschwerpunkte zu setzen. Dennoch habe sie für die Initiative „Pro Noten“ Verständnis. Sie sei für einen Dialog bereit und lade die FDP-Politiker ein, sich die Grundschule ohne Noten bei ihr doch mal anzusehen.

Heiner Garg wiederum zeigt sich ebenfalls offen für die Befürworter von Berichtszeugnissen. Er halte eine Kombination von Noten- und Berichtszeugnis ohnehin für die aussagekräftigste Variante eines Zeugnisses. Nur ersetzen könnten die Berichte die Zensuren eben einfach nicht, umgekehrt sei das dagegen der Fall. Die benötigten Unterschriften für ihre Initiative glaubt die FDP bis zu den Sommerferien zusammentragen zu können. Ob der Aufwärtstrend der Liberalen anhält, entscheidet sich dagegen schon früher: an diesem Sonntag bei der Landtagswahl in Bremen.