Pinneberg
Existenznot

Wildgänse fressen Schafen in Wedel das Gras weg

Karl Heinz Körner vom Fährmannssand in Wedel ist besorgt. Seine Schafe finden nicht mehr genügend Gras

Karl Heinz Körner vom Fährmannssand in Wedel ist besorgt. Seine Schafe finden nicht mehr genügend Gras

Foto: Anne Dewitz

Existenz bedroht: Landwirt Karl Heinz Körner aus Wedel muss zufüttern, weil zwischen dem Vogelkot nur noch das Unkraut wuchert

Wedel. Tausende Weißwangengänse tummeln sich auf ihrer Durchreise derzeit an der Elbe. Wegen des Kontrastes zwischen weißem Gesicht zum schwarzen Scheitel, Nacken und Hals, der an die traditionelle Tracht katholischer Nonnen erinnert, werden sie auch als Nonnengans bezeichnet. Eigentlich sollten die unter Schutz stehenden Vögel dieser Tage weiterziehen, zum Brüten, an das russische Eismeer. Aber den Vögeln scheint es an ihrem gegenwärtigen Aufenthaltsort so gut zu gefallen, dass sie längs der Nordseeküste auf den Feldern hocken und den Bauern das Land kahlfressen. Besonders schmackhaft sind offenbar auch die Wiesen der Wedeler Marsch.

Die Invasion der Gänse verursacht bei Landwirten wie Karl Heinz Körner gewaltige Schäden. „Die Wildgänse fressen den Schafen das Gras weg. Und was sie übrig lassen, verätzt ihr Kot“, sagt Körner und zeigt auf die kahlen Stellen am Boden mit Unmengen an Vogelkot. Nur den Disteln scheint das nichts auszumachen, die gedeihen weiterhin. Er denkt über den Einsatz von Pestiziden nach – eine Maßnahme, auf die er bislang immer verzichtet hat.

Körner führt den Hof Fährmannssand in der Wedeler Marsch in siebenter Generation. Neben einem beliebten Ausflugslokal züchtet er Schafe. Circa 1000 an der Zahl sind es derzeit. Ende Januar kamen die ersten von rund 600 Lämmern zur Welt. In diesem Jahr konnte Körner sie erst Mitte April, zwei Wochen später als normalerweise, aus dem Stall lassen, weil sie in der Wedeler Marsch nicht genügend Futter vorfanden. „Die Gänse bleiben länger als noch vor einigen Jahren und fressen das erste Gras der Saison weg, das besonders energiereich ist.“ Kanada- und Graugänse seien das ganze Jahr hier und die Rastzeit der Nonnengänse ziehe sich von September bis in den Mai.

In den50er-Jahren waren die Nonnengänse fast ausgestorben

„Dass die Nonnengänse länger rasten, liegt auch an den milden Wintern“, sagt Uwe Langrock vom Naturschutzbund Pinneberg (Nabu), der regelmäßig vogelkundliche Exkursionen anbietet. Dadurch verändere sich das Rastverhalten. Für den Naturschützer ist es jedes Mal wieder ein kleines Naturwunder, wenn sich die Schwärme aus Tausenden von Vögeln wie schwarze Wolken erheben und ihr wie Hundegebell klingendes Geschnatter die Luft erfüllt. „In den Fünfzigerjahren waren die Nonnengänse fast ausgestorben“, sagt Langrock. Sie wurden in ihrer russischen Heimat gern verspeist. Erst seit einigen Jahren werden die Vögel nicht mehr gejagt. Auch durch die Ausweitung von Wintersaaten hat sich das Nahrungsangebot für die gefiederten Wintergäste vergrößert. Ihre Bestände erholten sich. Langrock schätzt ihre Zahl in Schleswig-Holstein auf 100.000.

Demgegenüber stehen dreimal soviele Schafe. Laut Landwirtschaftskammer gibt es in Schleswig-Holstein 2.200 Betriebe, die Schafe halten. Im Sommer sind in diesen Betrieben neben den 160.000 Mutterschafen auch die Lämmer auf den Weiden, so dass insgesamt mehr als 344.000 Schafe gehalten werden. Dabei kommt der Schafhaltung in Schleswig-Holstein eine besondere Bedeutung zu. Denn Schafe sind nicht nur Fleisch- und Wolllieferanten, sondern leisten einen wichtigen Beitrag zum Deichschutz, indem sie die Grasnarben auf dem Schutzwall festtreten. Außerdem nutzen die Schafe ökologisch wertvolle naturnah bewirtschaftete Flächen. Wenn sich die Schafzucht irgendwann für die Landwirte nicht mehr lohnt, könnte auch der Deich- und Landschaftsschutz gefährdet sein.

Bauernverband fordert vom Landwirtschaftsministerium Ausgleichszahlungen

„Mein Sohn ist 15 Jahre alt und ich überlege schon, ob ich ihm die Landwirtschaft noch zumuten kann“, sagt Körner. Damit seine Tiere nicht hungern, muss der 53-Jährige zufüttern. Das kostet, ebenso die Nachsaat, mit der er gegen den Kahlfraß ankämpft. Ausgleichszahlungen für seinen Verlust erhält er, anders als beispielsweise Bauern in den Vierlande im Hamburger Bezirk Bergedorf, nicht. Denn die EU weist zwar Vogelschutzgebiete aus, stellt aber keine Subventionen zum Ausgleich von Gänseschäden bereit.

Der Bauernverband setzt sich gegenüber dem Landwirtschaftsministerium dafür ein, bessere Maßnahmen zur Schadensverhütung und zum -Ausgleich bezüglich der Schäden durch Gänsefraß umzusetzen. „Wir haben im März 2014 ein Forum gebildet und fordern für die betroffenen Landwirte Ausgleichszahlungen“, sagt Georg Kleinwort, Vorsitzender des Kreisbauernverbandes Pinneberg.

So könnten Sachverständige von Versicherungen oder der Landwirtschaftskammer die Schäden begutachten und die Höhe des Betrages festlegen. Der könne sich im Ackerbau schon mal auf 2000 Euro pro Hektar belaufen. „Es gibt Flächen, auf denen richten die Gänse einen Totalschaden an. Dort muss den Landwirten und Deichschäfern finanziell unter die Arme gegriffen werden“, sagt er. Schließlich sei das ein gesellschaftliches Thema. „Wenn alle die Gänse wollen, sollen auch alle dafür gerade stehen.“