Pinneberg
Elmshorn

Wenn der Beamte der Steuerfahndung auf Schatzsuche geht

Steuerfahndung im Kreis Pinneberg

Steuerfahndung im Kreis Pinneberg

Foto: Natalie Brewer

Elmshorner Steuerfahnder haben alles schon einmal gesehen. Ziel ihrer gründlichen Arbeit ist die gleichmäßige Besteuerung aller Bürger.

Elmshorn.  Reguläre Bürotage mit festen Arbeitszeiten sind für den Beamten Harald Klein (Name von der Redaktion geändert) nicht selbstverständlich. Seit 15 Jahren arbeitet er im Finanzamt Elmshorn als Steuerfahnder. Seine Dienstzeiten richten sich nach den jeweiligen Einsätzen, sodass er manchmal auch erst mitten in der Nacht wieder bei seiner Familie ist. Als Einsatzleiter bei einer Hausdurchsuchung trommelt er einen Trupp von Kollegen zusammen. Das können drei bis fünf sein für ein Einfamilienhaus oder bis zu 100 bei einem sehr großen Betrieb. „Steuerfahndung ist Teamarbeit, man geht immer mindestens zu zweit los“, sagt Harald Klein.

Den Begriff „Razzia“ hört der ­42-Jährige gar nicht gern. „Das hat oft so einen negativen Beigeschmack. Es klingt nach Schränke aufreißen, dabei gehen wir immer sehr vorsichtig und gründlich vor.“ Der Überraschungseffekt spielt bei den meistens unangekündigten Besuchen gleichwohl eine nicht unerhebliche Rolle. Denn die Steuerfahnder wählen Orte und Zeiten so, dass sie möglichst viel Beweismaterial sichern können. Das sind vor allem Unterlagen wie Rechnungen, Wertpapiere und sonstige Aufzeichnungen, die auf unversteuertes Vermögen, zum Beispiel ein Auslandskonto, hinweisen. „Einmal hat eine Verdächtige versucht, einen DIN-A4-Zettel aufzuessen, auf dem eine Kontonummer stand“, sagt Klein.

Gängige Verstecke, etwa hinter Bilderrahmen, kennen die Beamten natürlich. Aber sie werden auch immer wieder von neuen Gegebenheiten überrascht. „Du weißt nie, was dich vor Ort erwartet“, sagt Harald Klein und lacht. Erst im vergangenen Monat habe im Kreis Pinneberg jemand seinem Testament eine Schatzkarte beigefügt. Darauf waren in verschlüsselter Form Orte auf dem Grundstück des Steuerpflichtigen gekennzeichnet. Tat­­­­sächlich fanden die Fahnder Gold sowie Geld, das unter den Terrassenplatten vergraben war. Ein Spaten gehört eigentlich nicht zur Grundausrüstung eines Steuerfahnders. Eine Taschenlampe und ein Handy hingegen hat Klein bei jedem Einsatz dabei.

Für den Fall, dass Verdächtige handgreiflich werden, sind neben einer neutralen Person der Staatsanwaltschaft manchmal Polizeibeamte bei den Einsätzen dabei. Außerdem tragen die Steuerfahnder Pfefferspray am Körper, in Gefahrensituationen auch schusssichere Westen. Ein Training der Polizei in Albersdorf bereitet die Fahnder zweimal jährlich auf Extremsituationen vor. Normalerweise sei die Stimmung bei den Durchsuchungen aber erstaunlich ruhig, da die Fronten geklärt seien. „Die Betroffenen wissen in der Regel, warum wir kommen“, sagt Klein. „In meiner gesamten Laufbahn habe ich noch nie erlebt, dass wir irgendwo falsch waren.“ Mitleid habe der Beamte nicht, denn er stehe zumeist Leuten gegenüber, die sich auf Kosten des Steuerzahlers bereichern wollten.

Trotzdem betont Harald Klein, dass er nicht nur gegen, sondern auch für den Angeklagten ermittelt. Es gehe ihm schlicht um die Klärung des richtigen steuerlichen Sachverhalts. „Ein guter Steuerfahnder braucht einen Blick für das Wesentliche. Er muss Zusammenhänge verstehen und Fantasie haben, um sich in die Steuerpflichtigen hineinzuversetzen“, sagt Jens Lübcke, Leiter der Fahndungsdienststelle in Elmshorn. Im Berufsalltag geht es oft darum, den richtigen Riecher zu haben. Damit die Fahnder überhaupt auf jemanden aufmerksam werden, muss allerdings immer jemand auf sie zukommen. Das kann ein Betriebsprüfer sein oder eine Privatperson.

Anzeigen gegen Steuerpflichtige kommen etwa von gekündigten Sekretärinnen, verlassenen Ehefrauen oder auch anonym. Jeder Hinweis muss durch Aktendurchsicht sehr genau geprüft werden. „Gerade bei anonymen Anzeigen spielen häufig persönliche Dinge eine Rolle. Die hätten dann immer gerne, dass wir sofort etwas tun, aber das machen wir nicht“, sagt der Steuerfahnder. Erst muss ein Steuerstrafverfahren eingeleitet sein, dann ein Durchsuchungsbeschluss vom Amtsgericht Elmshorn genehmigt werden. Wenn die Fahnder dann eine Schuld ermitteln, kommt es zum Prozess. Bei Selbstanzeigen haben Steuerpflichtige den Vorteil, dass sie komplett straffrei ausgehen können.

Das Ziel der Steuerfahndung ist es, vorsätzliche Straftaten aufzuklären und Geldbeträge zu sichern, um eine gleichmäßige Besteuerung aller Bürger zu gewährleisten. Damit dies gelingt, steht Diskretion unter den Berufsregeln ganz weit oben. Harald Klein will nicht mit seinem richtigen Namen genannt und auch nicht fotografiert werden. Zum Interview trägt er Jeans, ein bedrucktes T-Shirt und eine Jacke. Das Kennzeichen seines Privatwagens ist geschützt, sodass niemand nach dem Fahrer recherchieren kann. Auch besuchen kann man den Beamten bei der Arbeit nicht so einfach, denn die schwere Glastür im ersten Stock des Finanzamtes Elmshorn lässt sich nur von innen öffnen.

Im Büro von Harald Klein lagern streng geheime Akten. Deshalb ist für Gäste im Besprechungsraum Schluss. Die weiße Raufasertapete zieren eine Uhr mit antikem Ziffernblatt sowie eine historische Landkarte. Diese zeigt den Zuständigkeitsbereich der Behörde: die Kreise Pinneberg, Steinberg und Dithmarschen. Allein im vergangenen Jahr haben die 24 Steuerfahnder aus Elmshorn insgesamt 8,2 Millionen Euro hinterzogene Steuern gesichert. Fünf Freiheitsstrafen wurden verhängt, darunter eine ohne Bewährung. Wer Steuerfahnder werden will, macht eine Ausbildung zum Steuerbeamten und kann dann bei entsprechender Eignung und ab etwa fünf Berufsjahren in die Fahndung wechseln. Harald Klein: „Der Job macht mir wirklich Spaß und ich habe ein tolles Team.“