Pinneberg
Barmstedt

Dieser Mann gibt den Takt vor

Musikpädagoge Ulli Baum aus Barmstedt zeigt, wie Teilnehmer mit Taketina ihren Lebensrhythmus finden und Burn-out vorbeugen

Barmstedt. Der Surdo bildet das verlässliche rhythmische Zentrum des Geschehens. Der tiefe Klang der brasilianischen Basstrommel durchströmt den Körper, löst ein behagliches Kribbeln aus. Darum herum bewegt sich der Leiter Ulli Baum mit seinem Berimbau, einem brasilianisches Saiteninstrument. Baum führt die Gruppe mithilfe rhythmischer Wechselgesänge. Er spricht die Silben Ta-ke-ti-na, bewegt die Füße tänzerisch zum Takt. Über die rhythmische Stimme, über Schritte und Klatschen trägt er den Rhythmus in die Gruppe. Bis zu 50 Teilnehmer – zumeist Menschen, die bereit sind, sich mit sich selbst auseinanderzusetzen – können es sein. Er nimmt sie mit auf eine Reise, auf der jeder tiefer zu sich selbst gelangen soll.

Beim Taketina geht es um Gleichzeitigkeit und Gegensätzliches: Machen und Geschehenlassen, Kontrolle und Loslassen, bei sich sein und in der Gruppe sein. „Es reguliert den Stress und beugt Burn-out vor“, sagt Baum. „Taketina löst ein tiefes Gefühl von Geborgenheit und Getragenheit aus.“ Die Begegnung mit Rhythmus ist entsprechend direkt und intensiv. Jede seiner Reisen mündet in einer intensiven Ruhephase. Sie ermöglicht eine tiefe Entspannung. Wer eine Pause braucht, darf sich hinlegen. „Am ersten Tag macht das niemand“, sagt Baum. „Am dritten Tag nehmen einige das Angebot an.“

Die Methode richtet sich gleichermaßen an erfahrene Musiker und Laien. Der rhythmisch geschulte Profi kann lernen, mehr zu improvisieren. „Übt man zu viel Kontrolle aus, kann sich die Musik nicht frei entfalten“, sagt der Musikpädagoge aus Barmstedt. Taketina aktiviere aber nicht nur musikalisches Potenzial, sondern auch menschliches. Rhythmus stiftet Gemeinschaft. Er ist einer der ältesten und effizientesten Wege, das menschliche Bewusstsein zu entwickeln und die Persönlichkeit zu erweitern. Schon Naturvölker wussten das. In der Zivilisation ging das Wissen verloren. Baum will es wiederbeleben.

Seit 2012 ist der Barmstedter zertifizierter Rhythmuspädagoge

Drei Jahre lang lernte er vom Wiener Reinhard Flatischler, dem Begründer von Taketina. Bei Taketina handelt sich ein weltweit eingetragenes Markenzeichen, unter dem nur zertifizierte Rhythmuspädagogen arbeiten dürfen. „Es war die intensivste Zeit meines Lebens“, sagt der Musiker. Die Gruppe von 35 Teilnehmern traf sich rund fünfmal im Jahr für jeweils eine Woche. Seit 2012 ist der Barmstedter zertifizierter Taketina-Rhythmuspädagoge.

„Pausen sind so wichtig“, sagt Baum. „Doch wir gönnen sie uns in unseren stressigen Alltag kaum noch.“ In seinen Kursen lernen die Teilnehmer, wieder stärker auf sich und ihren inneren Rhythmus zu hören. Das hilft, sich zu entspannen, die innere Stille zu finden und sich über längere Zeit besser konzentrieren zu können. Situationen, in denen es chaotisch zugeht, können kreativer und effektiver bewältigt werden.

Dadurch wird die Angst, Fehler zu machen kleiner. Taketina spiegelt die eigenen Verhaltensmuster. „Fällt ein Teilnehmer aus dem Rhythmus, so können innere Stimmen auftauchen, die das Herausfallen kommentieren“, sagt Baum. Diese Kommentare können wohlwollend sein, oftmals seien sie aber abwertend und bewerten das Herausfallen als Versagen. „Einige würden sich am liebsten dafür ohrfeigen“, sagt Baum. Dabei sei das Herausfallen fester Bestandteil des Prozesses. Denn jeder Fehler bringe einen Schritt weiter. „Die Teilnehmer sollen erleben, was passiert, wenn wir aus dem Rhythmus fallen. Es ist die Chance, erlernte Verhaltensmuster zu entdecken, sie anzuschauen und zu prüfen.“ Das neue Verhaltensrepertoire könne dann auch im täglichen Leben wirken. „Es geht darum, die eigenen Bedürfnisse kennenzulernen und mit Veränderungen besser umgehen zu können“, sagt Baum. Der Teilnehmer entfaltet den Klang und den Rhythmus der eigenen Stimme und entdeckt sich selbst, so die Idee.

Musikalisch lag Baum, dem Jazzmusiker, der „Flow“ und das Improvisieren schon immer mehr als die technische Spielweise. Er liegt irgendwo zwischen Jamie Cullum und Michael Bublé. In wechselnden Formationen spielt er Swing, Jazz, Blues und Latin. Seinen angenehmen Bariton schaltet Baum mühelos von samtweich bis soulig-aggressiv. Er singt auf seinem Album „Joy and Spirit“ nicht nur Standards, sondern auch eine ganze Reihe eigener Kompositionen. Durch das freie Bewegen in der Musik sei er als Musiker und als Mensch gewachsen.

Kontakt und Termine unter Musikwerkstatt Groove & Klang, www.groove-klang.de, Brunnenstraße 57, in Barmstedt, Telefon 04123/7678 oder per E-Mail an ulli@ullibaum.de. Wochenendseminare kosten rund 150 Euro pro Person. An diesem Mittwoch, 25. Februar, startet Baum einen Trommelworkshop an der VHS Elmshorn an fünf Abenden. Weitere Links: www.ullibaum.de, www.jazz-band-buchen.de