Pinneberg
Elmshorn

Döllinghareico wird knackiger

Der Elmshorner Wursthersteller trennt sich von alter Führungsriege. Familie zieht sich aus dem Geschäft zurück

Elmshorn. Wursthersteller Döllingheiraco stellt sich neu auf. Das Elmshorner Familienunternehmen war 2012 in einer schweren Krise. Insgesamt rund 100Mitarbeiter verloren damals an beiden Standorten in Elmshorn und Lübz (Mecklenburg-Vorpommern) ihre Jobs. Die meisten Entlassungen gab es in der Verwaltung. Heute beschäftigt Döllinghareico 250 Mitarbeiter plus 30 Saisonkräfte und hat die Talsohle durchschritten.

Das Unternehmen muss sich auf einem schwierigen Markt behaupten: Die Konkurrenz ist groß. In Deutschland existieren rund 400 namhafte Wursthersteller. Döllinghareico mischt bei den 50größten mit. Zudem sinken die Fleischpreise und der Wurstabsatz, auch angesichts veganer und vegetarischer Trends. Die Wurstbranche verzeichnete 2014 ein Minus von drei Prozent. „Dennoch konnten wir im vergangenen Jahr gegen den allgemeinen Trend absatzmäßig wachsen und haben unsere Pläne leicht übererfüllt“, sagt Geschäftsführer Andreas Subai.

Offenbar zeigen die teils radikalen Umbrüche der vergangenen 24 Monate Wirkung. Das Unternehmen hat sich neu ausgerichtet. Die Familie Dölling hat sich komplett aus dem operativen Geschäft verabschiedet. Die alte Leitungsriege wurde durch jüngere Mitarbeiter aus der zweiten und dritten Reihe abgelöst. „Das Alter der Führungskräfte sank mit einem Schlag durchschnittlich um 15 Jahre“, sagt Subai, der seit 2009 mit Unterbrechung als Geschäftsführer bei Döllinghareico arbeitet – bis Ende 2013 noch gemeinsam mit Ole Dölling.

Die alte Führungsriege habe Weiterentwicklungen in der Vergangenheit geschickt vermieden, um ihre eigene Position zu stärken. Kultur und Arbeitsweise habe Subai als „old fashioned“ empfunden. „Jetzt arbeiten viele junge, engagierte Menschen im Team, denen nicht nur Aufgaben delegiert werden, sondern auch Verantwortung“, sagt er. Jeder könne seine Ideen einbringen und sich weiterentwickeln. „Für die Wurstbranche ist das sehr modern“, sagt Subai. Statt der Geheimniskrämerei, die es häufig in Familienbetrieben gebe, sei nun jeder über alles informiert. Während früher das Qualitätsmanagement auf den Schultern von drei oder vier Mitarvbeitern lastete, werde es heute auf alle Mitarbeiter in allen Abteilungen verteilt. „Jeder ist angehalten, die Qualitätsstandards permanent zu verbessern“, sagt Subai.

2014 sei ein Aufbruchjahr gewesen. „Kunden haben wieder das Vertrauen zu uns gefunden“, sagt der Geschäftsführer. Auch die Loyalität der Mitarbeiter sei enorm. Sie hätten weniger Urlaub gemacht und länger gearbeitet. Die Geschäftsleitung verzichtete auf einen Teil ihres Gehalts. Geist und Philosophie des Familienunternehmens sollen weiterleben. „Wir handeln wie ein Inhaber“, sagt Subai. Er spricht vom Team. „Nicht der Geschäftsführer ist wichtig, sondern die Mitarbeiter“, sagt er. „Ich versuche nur, den Betrieb zusammenzuhalten.“

Künftig investiert Döllinghareico stärker in das Produktmanagement, eine aus dem Marketing ausgekoppelte und 2014 neu geschaffene Abteilung. „Wir fokussieren uns auf drei, vier neue Produkte im Jahr und darauf, sie am Markt dauerhaft zu etablieren“, sagt Julia Dähn-Wollenberg, die seit einem Jahr die Marketingabteilung leitet. In den vergangenen Jahren habe man versucht, zehn bis 20 neue Artikel wie ungekühlt haltbare Bratwürste oder Currywurst-Snacks herauszubringen. Die meisten Produkte konnten sich auf dem Markt nicht behaupten. „Nun konzentrieren wir uns auf weniger und stecken dort unsere ganze Kraft rein“, sagt sie. Ihre Abteilung begleitet das Produkt von der Idee bis zur Auslieferung. Trends wie vegetarische Wurst wolle das Unternehmen nicht mitmachen. „Wir wollen nicht mehr in jedem Topf rühren“, sagt sie.

In dem Unternehmen blickt man auf mehr als 108 Jahre Familientradition zurück. Claus Dölling eröffnete am 6.September 1907 eine kleine, eigene Schlachterei in Elmshorn am Sandberg. Sein Startkapital: eine geerbte Kuh, etwas Geld, ein Laden mit Schlachtraum. Die Döllings trotzten Kriegswirren, Maul- und Klauenseuche, der großen Sturmflut 1962, die den Betrieb nicht verschonte. 2001 wurde die Branche durch Tierepidemien wie BSE und die Maul- und Klauenseuche schwer belastet. Schwere Zeiten, die auch für Döllinghareico eine große Herausforderung darstellten. Mit Innovationen versuchten die Döllings dagegenzuhalten, führten Ende 2002 zum Beispiel erfolgreich die erste Wurst im Becher ein. Für die Verpackung gab es den deutschen Innovationspreis. Vier Jahre nach Einführung produzierte das Unternehmen zirka zehn Millionen Becher.

Im Zuge der aktuellen Krisenbewältigung besinnt sich das Unternehmen stärker auf seine Wurzeln, auch wenn es nicht mehr inhabergeführt ist. „Wir konzentrieren uns auf unsere Premiumprodukte und auf den Markt in Norddeutschland“, sagt Dähn-Wollenberger. Natürlich würden die Handelsbeziehungen nach England, Japan, Hongkong, Frankreich Holland und Belgien nicht abgebrochen, aber der Fokus liege verstärkt auf dem heimischen Markt. Verbraucher legten Wert auf Regionalität und Qualität. „Unsere regionalen Markenartikel wollen wir in Hamburg, Schleswig-Holstein und Mecklenburg noch plakativer darstellen.“ Zudem soll der Weg von Schwein über Schlachter und Produktion für Kunden transparenter werden. Auch die neue Lebensmittelinformationsverordnung mache eine stärkere Dokumention erforderlich.

10.000 Tonnen Wurst werden jedes Jahr produziert, die Produktpalette umfasst 350 Artikel. Der Dezember ist der umsatzstärkste Monat. Zu Weihnachten und Silvester gehören Wiener. Im Januar und Februar lässt der Appetit auf Würstchen rapide nach. Im März läuft dann die Produktion der Würste für die Grillsaison wieder an.