Industriebrache

In Elmshorn wächst Keimzelle für Kultur

| Lesedauer: 4 Minuten
Anne Dewitz

Freundeskreis Knechtsche Hallen will ehemalige Lederfabrik mit Leben füllen. Im Kranhaus ist dies bereits geglückt. Hier können sich Bürger demnächst an einem Gartenprojekt beteiligen oder sich „very british“ fühlen.

Elmshorn. Scheiben sind zerbrochen oder mit Graffiti beschmiert. Der Putz bröckelt. Das Dach ist undicht. Holzbretter versperren den Blick ins Innere. Äußerlich deutet nichts darauf hin, dass die Knechtschen Hallen bald schon Elmshorns Image aufpolieren sollen. Die ehemalige Lederfabrik, die später als Teppichlager der Firma Kibek genutzt wurde, gammelt seit 2007 vor sich hin. Doch bald könnte die Industriebrache zur Kulturfabrik werden.

Die ersten Umbrüche sind zu spüren. Im angrenzenden Kranhaus tanzen Menschen zu Tango und zur Musik örtlicher Bands, Künstler schaffen Lichtmalereien, die sie auf Bannern an der Berliner Straße zur Schau stellen. Der Freundeskreis Knechtsche Hallen, eine kleine Gruppe kulturliebender Elmshorner, bemüht sich seit zwei Jahren, leeren Räumen Leben einzuhauchen.

Sie verstehen sich als Keimzelle, aus der Kulturangebote sprießen, die sich auf die Knechtschen Hallen ausweiten sollen. „Das Kranhaus ist nur eine Zwischenlösung“, sagt Volker Lützen vom Freundeskreis. Dort gibt es keine Heizung und kein fließendes Wasser. „Aber irgendwie macht das auch den Charme aus.“ Idealismus gehört zu einem solchen Unterfangen. Den bringt der 69-Jährige, der 45 Jahre für die Stadt arbeitete, zuletzt als Stadtrat, mit.

Die Stadt möchte das Areal Krückau-Vormstegen, das früher industriell genutzt wurde, vollkommen umgestalten und kauft Flächen auf, unter anderem das Kranhaus. Mit dem Eigentümer der Knechtschen Hallen konnte sie sich darauf verständigen, die bauliche Substanz des auf Pfählen gebauten Gebäudes prüfen zu lassen. Die Ergebnisse müssen im Sommer vorliegen.

Dann läuft das Förderprojekt „Experimenteller Wohnungs- und Städtebau“ des Bundes aus, von dem die Stadt 270.000 Euro erhalten hat, um einen Nutzungsplan zu präsentieren. Dann soll auch das Unternehmen „Stadtart“ aus Dortmund ein Konzept für die Knechtschen Hallen vorlegen. Ein Teil des Geldes wurde zudem dafür verwendet, das Kranhaus nutzbar zu machen.

„Die Veranstaltungen tragen sich aber selbst“, betont Jens Jähne. Der 50-Jährige lebt seit September 2013 in Elmshorn, arbeitet aber schon länger in der Stadt. „Ich möchte nicht nur über die Bausünden der Vergangenheit jammern, sondern die Möglichkeit nutzen, die Stadt mitzugestalten“, sagt er.

Im Freundeskreis hat er die. Jeden zweiten Dienstag im Monat treffen sie sich im Restaurant Casablanca, Peterstraße 16, um gemeinsam Ideen zu entwickeln. „Wir stehen allen offen“, sagt Lützen. „Nichts wird von vornherein ausgeschlossen.“ Vorausgesetzt, andere Kulturschaffende in Elmshorn werden nicht bedrängt. „Wir wollen keine Konkurrenzsituation schaffen.“ In einer vielfältig nutzbaren Kulturfabrik ist Platz für alle. Man möchte auf dem vorhandenen Kulturnetzwerk aufbauen.

Am 5. Mai startet ein gemeinsames Projekt mit dem Industriemuseum unter dem Titel „Urban Gardening – die essbare Stadt“ mit einer Pflanzaktion. „Wir werden auf dem Hof des Kranhauses Gemüse züchten und an zwei Wochentagen für die Bevölkerung öffnen“, sagt Lützen. „Es soll ein Treffpunkt werden, wo sich die Leute zum Reden treffen.“ Die Ernte wird später im Industriemuseum verarbeitet. Zuvor soll es „very british“ im Kranhaus zugehen. „Wir planen einen britischen Abend mit Quiz, landestypischer Kost und Musik“, sagt Jähne.

Schon jetzt gibt es ein Netz von Unterstützern. Firmen stellen Toiletten, Scheinwerfer und Heizstrahler für Veranstaltungen bereit. Auftretende Bands spielen honorarfrei, Tanzlehrer zeigen honorarfrei Tangoschritte. Beim Auftritt der Band „Sheep Cheese Rolls“ hat jemand Käsebrötchen gebacken. „Jeder bringt seine Talente ein“, sagt Jähne.

Manche auch im Stillen, wie die Künstler Karin Brodowski aus Elmshorn und Daniel Sell aus Lübeck. Sie haben eine Nacht lang im Kranhaus Lichtmalereien entworfen und dem Freundeskreis die Bilder geschenkt, die nun auf Bannern die alten Gemäuer schmücken. Brodowski trat anschließend dem Freundeskreis bei, der bald eingetragener Verein sein soll. Satzungszweck: Der Erhalt der Knechtschen Hallen.

Das Kranhaus selbst könnte im Zuge der Neugestaltung der Abrissbirne zum Opfer fallen. Zwei Mitglieder des Freundeskreises erstellen Konzepte für eine Zwischennutzung. So könnte das Kranhaus an Markttagen als Ausstellungsfläche oder als Büro für nachhaltige Stadtentwicklung dienen.

Mehr Artikel aus dieser Rubrik gibt's hier: Pinneberg