NSU Ro 80

Ein 35 Jahre alter Oldtimer, der kaum auffällt

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Rainer Burmeister

Liebe auf vier Rädern: Der NSU Ro 80 von Martin Beckmann aus Seeth-Ekholt war seiner Zeit in Sachen Technik und Design weit voraus.

Seeth-Ekholt. "Er war seiner Zeit voraus", sagt Martin Beckmann und blickt fast liebevoll auf das elegante Styling seines 35 Jahre zählenden, jugendlichen Oldtimers. Der NSU Ro 80, die große Limousine des sonst mehr auf Kleinvieh spezialisierten Automobil-und Motorradherstellers aus Neckarsulm, sieht wahrhaftig alles andere als alt aus. Das ist für das Baujahr 1977 an sich schon bemerkenswert.

Hinzu kommt die avantgardistische Karosserielinie, die, abgesehen von minimalen Retuschen, bereits seit der Markteinführung 1967 den Automobilfans die Augen übergehen ließ. Die ebenso flache wie breite Frontpartie, die zum Heck hin ansteigende Keilform in Kombination mit der großzügig bemessenen Verglasung: Damit schien der große NSU, wie von einer Zeitmaschine bewegt, aus der Zukunft in die damalige Gegenwart übertragen worden zu sein. Denn Mitte der 60er-Jahre sahen die Edelkarossen mancher deutschen Hersteller eher wie Schuhkartons aus.

Doch die Hülle ist nur die eine Seite des großen Wurfs, mit dem die tapferen Designer und experimentierfreudigen Konstrukteure Zeichen setzten. Im NSU Ro 80 kam erstmals der von Felix Wankel erfundene Rotationskolbenmotor in einer luxuriösen Limousine der oberen Mittelklasse zum Einsatz. Die Abkürzung Ro steht für Rotation, das Arbeitsprinzip des Aggregats. Im Wankel stampfen nicht mehr Kolben in Zylindern auf und ab. Stattdessen dreht sich ein Rotationskolben in der Brennkammer. Dieses Verfahren führt zu einem turbinenartigen Lauf, dessen Geräusch mit zunehmender Drehzahl immer geringer wird und wie ein flüsterleise getrimmtes Düsentriebwerk klingt.

Pech für die Ingenieure: Der aus zwei Kammern mit jeweils 500 Kubikzentimeter Volumen zusammengesetzte Ro-80-Motor erzeugte stramme 115 PS. Doch neben anderen Defekten führten vor allem Probleme mit den Dichtleisten im Antriebsaggregat oft zu kapitalen Motorschäden. Die Triebwerke wiederum wurden vom Hersteller NSU (später zum VW-Konzern gehörend: Audi/NSU) großzügig auf Kulanz ersetzt. Ein Bonmot aus jener Zeit: Ro-80-Fahrer grüßten sich mit zwei oder drei erhobenen Fingern, je nachdem, ob der zweite oder bereits der dritte Wankelmotor eingebaut worden war.

Als die Techniker endlich die Macken im Griff hatten, kam 1977 nach nur knapp 38 000 gefertigten Ro 80 das Aus. Dazu mag auch die befürchtete Konkurrenz des futuristischen Keils zum Nachteil der anderen Modelle im VW-Konzern beigetragen haben.

"Das alles ist eine tragische Geschichte im deutschen Automobilbau. Der Ro 80 scheiterte, weil ihn niemand durchsetzen wollte“, sagt Martin Beckmann. Umso mehr freut sich der Pressechef eines japanischen Elektronikkonzerns, dass er zu Hause in Seeth-Ekholt eine besondere Rarität besitzt: einen NSU Ro 80, dessen Triebwerk per "Herzverpflanzung" zu einem Kraftpaket wurde. Unter der flachen Haube trägt Beckmanns Liebling einen Wankelmotor mit zweimal 750 Kubikzentimeter Kammervolumen.

Bei der Probefahrt auf der Autobahn schnellt der Tacho rasch auf 180

"Unterm Strich gibt das 220 statt 115 PS", beschreibt der Eigentümer die Leistung des Aggregats, von dem nur 50 Exemplare gebaut wurden. Einige Triebwerke gingen zum Testen in die Porsche-Entwicklungsabteilung. Nach intensiver Recherche in der Wankelszene gelang es Beckmann, einen der noch verfügbaren Kraftbolzen aufzutreiben.

Dazu kam ein Ro 80, einer der letzten drei aus der Produktion. Unter dessen Haube wurde der Super-Wankel eingebaut. Neben Fachkräften beteiligte sich auch der Eigentümer an der Transplantation. "Das neue Triebwerk hätte für den Ro 80 die Wende bringen können", sagt Beckmann. Eine Ansicht, die sich bei einer Probefahrt in der Region bestätigt. Der große NSU kommt auf der Autobahn 23 extrem zügig voran und erreicht schnell Tempo 180.

Die halbautomatische Schaltung mit drei Fahrbereichen verfügt über eine Kupplung, die beim Berühren des Schalthebels per Sensor aktiviert wird. Längst haben die Wind- und Fahrgeräusche den Sound des Triebwerks übertönt. Die moderne Radaufhängung hält die wuchtige Limousine zudem präzise auf Kurs. Bis zur Spitze von deutlich mehr als 200 Kilometern pro Stunde hat der Besitzer den Ro 80 jedoch noch nicht ausgereizt.

Beckmann schwärmt von seinem Traumwagen. "Schade nur, dass man mit dem Ro 80 überhaupt nicht auffällt. Der Wagen ist einfach zu modern."

NSU Ro 80

Besitzer: Martin Beckmann, Seeth-Ekholt

Baujahr: 1977

Kammervolumen: 2 x 0,75 Liter

Leistung: 220 PS

Höchstgeschwindigkeit: mehr als 200 km/h

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