Schüler und Künstler mahnen

Stolpersteine: Pinneberg pflastert seine Erinnerungen

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Claudia Eicke-Diekmann

Bürgermeisterin Kristin Alheit ließ die jungen Forscher im Rathaus recherchieren. Sie fanden drei Geschichten.

Pinneberg. Auch Pinnebergs Bürger werden künftig stolpern. Nicht mit den Füßen über ein Hindernis, sondern wie es einmal ein Schüler ausdrückte "mit dem Kopf und mit dem Herzen".

Gestern verlegten Zehntklässler der Integrierten Gesamtschule Thesdorf (IGS) gemeinsam mit dem Gründer des Kunstprojekts "Stolpersteine", Gunter Demnig, in der Bahnhofstraße die erste von vorerst drei kleinen Messinggedenktafeln in Pinneberg, und zwar ins Trottoir vor dem Haus Bahnhofstraße 13. Sie erinnert an den Pinneberger SPD-Stadtverordneten Heinrich Boschen, der im August 1944 im Rahmen der "Aktion Gewitter" von den Nazis ins Konzentrationslager Neuengamme verschleppt wurde und zwei Monate später starb. Die beiden anderen Stolpersteine werden in der Friedenstraße und in der Prisdorfer Straße an die beiden durch das Naziregime ermordeten Politiker Wilhelm Schmitt und Heinrich Geick erinnern.

Pinneberg ist nach Elmshorn und Quickborn die dritte Stadt im Kreis und die 516. Kommune in Deutschland, in der Stolpersteine namentlich an einzelne Menschen und ihre persönlichen Schicksale erinnern, die während des Dritten Reiches verschleppt, deportiert und ermordet wurden. Die Idee stammt von dem Kölner Künstler Gunter Demnig. Die ersten Stolpersteine tauchten 1995 in Berlin-Kreuzberg auf. Seitdem kommen immer neue Initiativen aus Städten und Gemeinden dazu. Längst hat sich das Projekt mit 22 000 Stolpersteinen über Europa ausgebreitet. "Jeder einzelne ist ein Kunstwerk für sich, zusammen sind sie ein dezentrales Gesamtkunstwerk."

In Pinneberg waren es die Gesamtschüler, die gemeinsam mit Referendarin Inke Neumann im Weltkundeunterricht recherchierten, welche Pinneberger Bürger in den Jahren 1933 bis 1945 Opfer der deutschen Diktatur wurden. Während anderweitig Stolperstein-Initiatoren häufig auf Widerstand in Politik und Verwaltung stoßen, rannten die Schüler in Pinneberg offene Türen ein. Das Stadtarchiv wurde für die Recherche frei gegeben, Bürgermeister Kristin Alheit stellte zeitweise ihr Büro als Arbeitszimmer zur Verfügung. "Es ist für Jugendliche eine einmalige Gelegenheit, sich mit dem Schicksal einzelner Menschen im NS-Regime zu beschäftigen", sagt Alheit. "Zu meiner Schulzeit gab es noch Zeitzeugen, die erzählten. Heute müssen Schüler sich den Weg in die deutsche Geschichte anders erarbeiteten. Dazu eignen sich die Stolpersteine perfekt."

"Es freut mich besonders, dass sich in Pinneberg Jugendliche mit dem Thema beschäftigen", sagt Gunter Demnig. "Ein Grund, dass ich weitermache", sagt der Künstler. Für die Stolperstein gilt: Drauftreten erwünscht. Demnigs Idee: "Durch das Drüberlaufen werden mit den Steinen gleichzeitig die Erinnerungen blank geputzt." Und noch etwas: "Wer den Namen des Opfers lesen will, muss sich herunterbeugen", sagt Demnig. "In diesem Moment verbeugt er sich vor ihm."

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