Pinneberg

Elmshorn ist kein Einzelfall

Missbrauch: Skandal im Kinderhort - Wendepunkt fordert Konsequenzen. Ingrid Kohlschmitt empfiehlt, alle Mitarbeiter der 147 Kindertagesstätten im Kreis Pinneberg zu schulen.

Elmshorn/Quickborn. Der Missbrauchsskandal im DRK-Kinderhort Elmshorn - Uwe B. (59) wird beschuldigt dort über Monate kleine Mädchen sexuell belästigt zu haben - ist offenbar kein Einzelfall. Wie Ingrid Kohlschmitt von der Beratungsstelle gegen sexuellen Missbrauch "Wendepunkt" bestätigte, sind bei jedem 20. ihr bekannten Fall Erzieher und Trainer von Kinder- und Jugendeinrichtungen betroffen. Im Jahr 2003 waren es allein 15 von 300 Anzeigen.

Erst im vorigen Jahr wurde in einer Kinder- und Jugendeinrichtung bei Quickborn ein Erzieher wegen des Verdachts des sexuellen Missbrauchs vom Dienst suspendiert. Dort intervenierten die Kollegen allerdings sehr früh. Kohlschmitt: "In sozialen Einrichtungen ist sexueller Missbrauch jedoch noch weitgehend tabuisiert."

Deshalb sei es sehr wichtig, dass Eltern und Erzieher auf ihre Kinder hörten und ihnen glaubten, wenn ihnen etwas "komisch" vorkommt. So soll sich schon vor Monaten im Elmshorner Fall ein Mädchen ihrem Vater offenbart haben, der das aber nicht wahrhaben wollte. Kohlschmitt: "Wenn Erwachsene ihm nicht zuhören, hat das Kind keine Chance."

Die Wendepunkt-Leiterin will jetzt im November alle Träger der 147 Kindertagesstätten zu einer kreisweiten Fortbildung einladen, um gemeinsame Verhaltensregeln zu entwickeln, wie Mitarbeiter im Verdachtsfall reagieren sollten. "Wir könnten dabei als Standard festlegen, dass die Erzieher dazu verpflichtet werden, eine unabhängige Stelle zur Beratung hinzuziehen."

DRK-Kreisgeschäftsführer Reinhold Kinle begrüßt das. "Wir würden solche Verfahrensregeln für unsere 14 Einrichtungen als verbindliche Vorschrift festschreiben." Im Elmshorner Fall hätte er erwartet, dass sein pädagogisches Personal ihn gefragt hätte: "Da hält sich eine Person in unserem Hort auf, ist das so gewollt von Ihnen?"

Denn ihr Befremden über "Hausmeister" Uwe B. meldeten die Mitarbeiterinnen nur ihrer Chefin - und nicht der vorgesetzten Instanz, dem DRK. Kohlschmitt: "Vielleicht fühlten sie sich machtlos oder hatten Angst." Angst, unangenehm aufzufallen, ihren Job zu riskieren. Dass der Mann ihrer Chefin die Kinder anscheinend missbrauchte, schienen sie nicht für möglich zu halten, sonst hätten sie mit Sicherheit reagiert, ist Ingrid Kohlschmitt überzeugt.

Die öffentlichen Unschuldsbeteuerungen von Uwe B. im TV (wir berichteten) hat Staatsanwalt Carsten Ohlrogge mit Befremden zur Kenntnis genommen. "Es ist nicht üblich, dass sich Beschuldigte zu solchen Vorwürfen in der Öffentlichkeit äußern", sagte er gestern im Gespräch mit der Pinneberger Zeitung. B. hatte die Vorwürfe zurückgewiesen, er sei mit den Kindern nie allein gewesen, er habe mit ihnen getobt und sie auf seinem Schoß sitzen lassen, was doch ganz normal sei . . .

Bisher hat sich Uwe B. nur im Fernsehen erklärt. Wann er offiziell vernommen wird, ließ Staatsanwalt Ohlrogge offen - Ermittlungstaktik.