Norderstedt. Das „Wagner Salonquartett“ machte beim Silvesterkonzert Musik dazu – das Publikum im Kulturwerk war begeistert.

„Sommer. Süden. Der Weißwein ist kalt, der Rotwein kräftig, und über dem Mittelmeer geht die Sonne unter“, leitete der selbst ernannte Humorarbeiter Ingo Börchers das Silvesterkonzert „Logbuch 2022“ im Kulturwerk ein. Bei elf Grad plus bleibt zwar auch hierzulande der Weißwein auf Balkon oder Terrasse nicht lange kalt. Trotzdem waberte eine süße Sehnsucht nach Sonne und Süden durch den großen Saal beim zweiten Silvesterkonzert des Kabarettisten Börchers und „Wagners Salonquartett“, zumal das Ensemble prompt den Dauerhit „Wenn bei Capri die Sonne im Meer versinkt“ spielte.

Der erste kabarettistische Jahresrückblick fand 2021 in der TriBühne statt. Doch die wurde bekanntermaßen von der Sprinkleranlage geflutet, und wann sie wieder voll einsatzbereit ist, steht in den Sternen. „Liebe TriBühne, gute Besserung“, wünschte Börchers und ging nahtlos zu „Es ist Zeit für was anderes“ über. Recht hat er.

Norderstedt: Ingo Börchers hatte sich für seinen Jahresrückblick schlaugemacht

Der Bielefelder Börchers hatte sich für seinen Jahresrückblick schlaugemacht, was in Norderstedt so abging im abgelaufenen Jahr. Beispielsweise 100 Jahre Justizvollzugsanstalt Glasmoor – ist aber eigentlich ein Hamburger Jubiläum. Beispielsweise 25 Jahre Gebrauchtwarenhaus Hempels. Oder der Tod von Norderstedts prominentesten Bürger – Uwe Seeler.

Viel Zustimmung, da vom Publikum selbst erlebt, erhielt er für seine Breitseiten auf alltägliche Ärgernisse. Beispielsweise, dass diejenigen, die als Kinder Klingelstreiche verübten, heute beim DHL arbeiten würden. Ach ja, der Konjunktiv. Den erhob Börchers zu seiner Spezialität in seiner 2022-Kehraus-Show „Reise durch Glanz und Elend der vergangenen 365 Tage“, schließlich würde er für Visionen stehen.

Norderstedt: Auch der Tod des Papstes war Thema

Ohnehin bewies Börchers ein feines Sprach-Gespür, beispielsweise bei der Doppeldeutigkeit der „Peking-Ente“ in Corona-Tagen und sonstigen China-Krisen. Natürlich fehlten auch spöttische Anmerkungen zum 9-Euro-Ticket der Bahn, zu den Benzinpreisen, zur Fußball-WM („bei der EM der Frauen haben wir richtig guten Fußball gesehen“) und gleichzeitiger Energiesuche in Katar ebenso wenig wie zur „Letzten Generation“ und ihren Attacken auf Kunstwerke und Klebe-Aktionen: „Die nutzen Alleskleber, um sich auf Straßen zu kleben, wir haben das Zeug geschnüffelt.“

Bei seinem Abgesang auf die 2022 Verstorbenen zeigte sich Börchers hochaktuell und erwähnte den emeritierten Papst Benedikt, der ja erst am Morgen des 31. Dezember gestorben war.

Norderstedt: Kritisches zur „Woke“-Bewegung

Intelligente Sprüche wechselten in seiner Rückschau mit Flachwitzen, darunter die von Comedians seit Jahrzehnten dauergenudelte „Prinzenrolle“ des heutigen Königs Charles III., die Millionen querlaufender Briefe bei der Post, die auch nur eine Briefkastenfirma sei. Den Hype um den Schlager „Layla“ nahm er als Auftakt, um die Sprach-Polizei der „Woke“-Bewegung ad absurdum zu führen: „Ich möchte nicht, dass die Redefreiheit beschränkt wird.“ Zudem fürchtet er, dass auch das Kabarett bald nicht mehr sagen darf, was Sache ist: „Dicke Bohnen könnten zu adipösen Hülsenfrüchten werden.“ Wieder ernst: „Kultur wächst durch steten Aufbau – nicht durch Ausschluss.“

Geschickt streute Börchers dann wieder Lokalkolorit ein und hob auf Skandale wie Strandhaus versus Stadtwerke ab: „Ein Frieden würde beide Parteien Kosten sparen, mit denen das Rathaus saniert werden könnte, während die Rathaus-Angestellten in die marode Tiefgarage unterm Herold-Center einziehen.“

Norderstedt: Viel Applaus für Sopranistin Eva Monar, die kurzfristig eingesprungen war

Das Salonquartett mit Geigerin Juliana Soproni, Fagottist Klaus Liebetrau, Pianist Thomas Goralszyk und Martin Karl-Wagner an Kontrabass und Querflöte – welch’ eine Mischung! – spielte, hörbar zum Vergnügen des Publikums im voll ausgebuchten Saal, Neujahrsweisen wie Wiener Walzer und Polkas, Schmachtendes wie „Moon River“, Flottes wie „Bahn frei!“ und – Frankreich gewidmet – „Don’t Cry For Me, Argentina“, versalzten aber den Schmäh stets wunderbar mit ironischen Aus- und Einfällen.

Viel Applaus erhielt auch Eva Monar. Die Sopranistin war kurzfristig eingesprungen und musste sich daher am breiten Notenpult festhalten, sogar dann, wenn es für sie weder Noten noch Text gab. Auch das Publikum durfte singen, beispielsweise bei der neuen Norderstedter Hymne „Lieber Nachbar, mach doch mit“, zu singen auf den Kanon „Bruder Jakob“.