Kirchen Norderstedt

Eine Kirche wird aufgegeben – um eine andere zu retten

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Heike Linde-Lembke
Die Vicelin-Kirche am Immenhorst in Norderstedt: Es könnte der Abriss drohen.

Die Vicelin-Kirche am Immenhorst in Norderstedt: Es könnte der Abriss drohen.

Foto: Heike Linde-Lembke

Welche tiefgreifenden Veränderungen die Pläne der Vicelin-Schalom-Kirchengemeinde für die Gläubigen haben.

Norderstedt. Noch sind die rohen Rohre sichtbar, noch weiß keiner, wann weitergebaut werden kann. Bis zu zwei Millionen Euro braucht die Vicelin-Schalom-Kirchengemeinde, um den Umbau und Ausbau der Kirche am Lütjenmoor 13 zu vollenden und dort, in der denkmalgeschützten Kirche, wieder Gemeindefeste und Gottesdienste feiern zu können.

Doch damit nicht genug: Die Schalom-Kirche soll zum Hauptzentrum für die Gemeindearbeit werden. Und die Vicelin-Kirche am Immenhorst, zweiter Standort der Kirchengemeinde, soll an eine andere kirchliche Einrichtung verkauft werden.

Sanierung Schalom-Kirche: Pläne gegen auf das Jahr 2009 zurück

Die Pläne für die Sanierung der Schalom-Kirche gehen bis auf das Jahr 2009 zurück, als die ersten Pläne diskutiert wurden. Doch im November 2010 kritisierten Politiker im Ausschuss für Stadtentwicklung und Verkehr die Kirchenpläne: zu groß, zu hoch, zu teuer, hieß es damals. Der kirchliche Entwurf sah einen Bau mit teilweise bis zu sieben Stockwerken vor und einen alles überragenden Kirchturm, den die Schalom-Kirche, damals wegen ihrer engagierten Kirchen-Asylpolitik gelegentlich auch als „Rote Kapelle“ bezeichnet, noch nie hatte. Fahrt nahmen die Planungen schließlich im November 2014 auf, damals stand ein Budget von 3,8 Millionen Euro zur Verfügung.

Um den Kirchenraum sollten Kindergarten, Büros, ein Café mit Terrasse zum Willy-Brandt-Park und Läden für Eine-Welt- und weitere Umweltprodukte arrangiert werden. Auch Sozialwohnungen sollten gebaut werden, unter anderem für betreutes Wohnen und Menschen mit Handicap. Diese neue Kirchen-Wohnwelt sollte damals bis zu zwanzig Millionen Euro kosten. Durch das Aus seitens der Stadt musste die Kirche neu denken.

Schalom-Kirche: Es fehlen mindestens 1,6 Millionen Euro für Sanierung

Anfang 2016 rückten endlich die ersten Handwerker an – und es begann eine Zeit, die von Pleiten, Pech und Pannen gekennzeichnet war: Durch Wasserrohrbrüche, Schimmelbefall und durchgerostete Heizungsrohre stiegen die Kosten auf 6,5 Millionen Euro. Mittlerweile gilt: Die Kasse ist leer, der Bau ruht. „Wenn wir wieder Geld haben, legen wir sofort los“, sagt Ingmar Krüger, seit fünf Jahren Pastor der Vicelin-Schalom-Gemeinde, und betont: „Vorausgesetzt, die Handwerkerinnen und Handwerker haben dann auch wieder Zeit für uns. Auf jeden Fall wollen wir die Schalom-Kirche endlich wieder mehr ins Bewusstsein der Menschen rücken.“ Nach seinen Angaben fehlen etwa 1,6 bis zwei Millionen Euro, um alle Arbeiten zu erledigen.

Die Pläne sehen vor, dass der große Innenraum in seinen Raumstrukturen erhalten bleibt als Forum für die Gemeindeglieder, als Treffpunkt für Veranstaltungen wie Konzerte, Lesungen und Vorträge und natürlich Gottesdienste. „Der Innenraum fordert zu einer anderen liturgischen Gestaltung des Gottesdienstes auf, und das ist uns sehr wichtig“, sagte Ingmar Krüger schon vor zwei Jahren.

Schalom-Kirche steht unter Denkmalschutz

Durch die architektonische Einmaligkeit der 1974 im Rotklinker gebauten Kirche und seiner Innenraum-Gestaltung stellte das Landesamt für Denkmalpflege sie 2008 als wichtiges Zeitdokument unter Denkmalschutz. Kerngedanke dieses besonderen Kirchenbaus ohne Kirchensymbole wie Orgel und Kirchturm mit Glocken und Wetterhahn sei von Anbeginn gewesen, der Gemeinde einen Treffpunkt zu bieten, in dem die Geistlichen eher in der Ecke denn im Mittelpunkt stehen.

Der Kirchenkreis Niendorf, zuständig für Norderstedts Kirchen, hat mit der Vicelin-Schalom-Kirche am Lütjenmoor Großes vor. „Sie soll zum Hauptzentrum für die gemeindliche Arbeit der Gemeinde Vicelin-Schalom werden“, sagt Krüger. Die Gemeinden Vicelin und Schalom fusionierten am Reformationstag 2000. Die Vicelin-Kirche am Immenhorst solle dann „an eine andere kirchliche Einrichtung“ verkauft werden und könne als Pflegeeinrichtung von der Diakonie genutzt werden. Denkbar sei auch, dass die Vicelin-Kirche sogar abgerissen wird. „Das würde wirtschaftlich wohl mehr Sinn machen, wenn dort eine Pflegeeinrichtung der Diakonie entstehen soll“, sagt Ingmar Krüger, der in zwei Jahren in Pension geht. Was indes mit den Kunstwerken in der Vicelin-Kirche geschehen soll, ist fraglich. Der bekannte Bildhauer Jan Koblasa hat beispielsweise das Altar-Ensemble mit dem Himmelstor-Bild und das Gehäuse der Hillebrandt-Orgel mit wertvollen Intarsien entworfen und umgesetzt.

Sehr wertvoll sind auch die schon historischen Kirchenfenster, in denen die Künstlerin Anna Andersch-Marcus die biblische Geschichte der fünf törichten und fünf klugen Jungfrauen erzählt. Die Künstlerin, die am 29. Mai 1914 in Kiel geboren wurde, aufgrund eines jüdischen Großvaters vom NS-Regime Berufsverbot erhielt und 1969 nach Israel zog, arbeitete die Buntglas-Elemente 1958 für die Paul-Gerhardt-Kirche. Als dort umgebaut wurde, zogen die Jungfrauen 1976 in die Vicelin-Kirche, allerdings nicht vollständig: Zwei Jungfrauen sind seitdem verschwunden.

Großes Gemeindefest am Pfingstmontag

„Diese Glaskunstfenster wollen wir natürlich erhalten“, verspricht Krüger. Denn in einer künftigen Pflegeeinrichtung der Diakonie soll es auch einen multifunktionalen Saal geben, auch als Treffpunkt für die Bewohnerinnen und Bewohner und die Gemeindeglieder. Ohnehin würden diese Pläne wahrscheinlich 2025 erst konkret, und das auch nur, wenn die Schalom-Kirche am Lütjenmoor endlich wieder zum Treffpunkt, zum „Beten und Feten“, so ein Vicelin-Schalom-Motto, genutzt werden kann.

An der Schalom-Kirche sind jetzt zumindest die Außenanlagen mit Blumenbeeten, Rasenstücken und Parkplatz fertiggestellt. Grund genug für die Gemeinde, am Pfingstmontag, 6. Juni, von 15 Uhr an ein fröhliches Pfingstfest rund um die Schalom-Kirche am Lütjenmoor zu feiern mit kleinem Gottesdienst, Glücksrad, Kaffee und Kuchen, Eisstand und der „Himmlischen Wurstbude“. Kinder können Windmühlen basteln und Seifenblasen pusten, es werden textile Recycling- und Upcycling-Produkte angeboten, darunter Beutel, Taschen und Kissen. „Alles, was wir einnehmen, geht in den Innenausbau“, verspricht Ingmar Krüger,

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