Interview

Bengt Bergt: „Bei der Hymne hatte ich Pipi in den Augen“

| Lesedauer: 11 Minuten
Christopher Herbst
Bengt Bergt, Bundestagsabgeordneter (SPD, geb. 7.5.82) aus Norderstedt.

Bengt Bergt, Bundestagsabgeordneter (SPD, geb. 7.5.82) aus Norderstedt.

Foto: Privat

Norderstedter spricht über seine ersten Gehversuche als SPD-Bundestagsabgeordneter im Berliner Polit-Zirkus.

Norderstedt. 104 neue Abgeordnete hat die SPD-Bundestagsfraktion. Einer von ihnen ist Bengt Bergt, 39 Jahre alter Norderstedter. Der gebürtige Luckenwalder gewann am 26. September das Direktmandat im Wahlkreis Segeberg/Stormarn-Mitte. Das Abendblatt hat ihn zum Interview getroffen und mit ihm über die „Ampel“-Verhandlungen, Verhaltensregeln im Parlament und politische Ziele gesprochen.

Herr Bergt, seit wenigen Tagen sind Sie offiziell Bundestagsabgeordneter. Wie muss man sich einen ersten Arbeitstag im Parlament vorstellen?

Jeder möchte möglichst weit vorne sitzen, präsent sein, sich zeigen. Die ersten vier Reihen sind reserviert für die höheren Mandatsträger. Dahinter ist freie Platzwahl. Wir hatten geschaut, dass wir mit der Landesgruppe zusammenbleiben. Netto saßen wir da eine Stunde, der Rest der Zeit war Warten und Netzwerken.

Ist trotzdem etwas in Erinnerung geblieben?

Das Beeindruckendste, und da hatte ich auch ein bisschen Pipi in den Augen, war bei der Nationalhymne. Ich dachte erst: Blechbläser, das ist so gar nicht meins. Und wir durften nicht mitsingen. Aber das war der Vereidigungsmoment – ich diene dem Volke, repräsentiere die Bürgerinnen und Bürger aus meinem Wahlkreis. Es ist eine Ehre. Nicht nur wegen der Privilegien, sondern weil ich weiß, dass ich eine sehr verantwortungsvolle Aufgabe habe.

Gab es einen Dresscode oder andere Tipps für Neueinsteiger?

Es wäre schön, wenn Ihr der Würde des Hauses Ausdruck verleiht, wurde gesagt. Also keine zerrissenen Jeans – aber meine bunten Socken lasse ich mir nicht nehmen. Viele Leute laufen mit Sneakers herum. Ich war auch nicht im Anzug dort. Wir haben auch gefragt: Wo müssen wir längs laufen, wie ist das mit dem Hammelsprung? Die Wege sind weit. Vom Plenarsaal auf Toilette sind es 1000 Schritte.

Sie haben eine Maske mit „#HaltdieFresseAfD“ getragen und ein Foto davon auf Instagram gepostet. Wie kam das bei der Fraktion an?

Ich habe die Maske nicht durchweg getragen, vielleicht eine Viertelstunde. In der Fraktion ging es von Applaus zur Würdigung und zu: „Um Gottes willen, darf man das hier?“ Das zeigt sich auch in der Diskussion innerhalb des Threads. Für mich ist das kein Ausdruck, der ehrenrührig ist für das Haus. Wenn es einen Ordnungsruf gegeben hätte, hätte ich den akzeptiert. Es hat sich in den Anträgen der AfD gezeigt: Sie wollen die Demokratie in den Grundfesten angreifen, deswegen ist ein klares „Halt die Fresse“ durchaus der richtige Ausdruck. Es polarisiert, aber das halte ich aus.

Sind Sie bei den Koalitionsverhandlungen zur „Ampel“ Beobachter, oder gibt es bereits etwas zu tun?

Das geht schneller, als man denkt. Natürlich hat man zuerst die organisatorischen Sachen. Aber wir schauen, dass wir auch bei den Koalitionsverhandlungen unterstützen – und da sitzt man ruckzuck in einer Beratungsgruppe drin. Und dann hat man da einen Ministerpräsidenten Stephan Weil, den Fraktionsvorsitzenden, den Chef der parlamentarischen Linken bis zu Fachpolitikern. Und das Wirtschaftsministerium legt Zahlen vor. An einem Tisch. Es geht relativ schnell los, man hat die Fragestellung, und dann geht es reihum. Ich habe auch meinen Senf dazugegeben. Und es findet entsprechend Gehör. Das fand ich sehr positiv.

Bei welchem Themengebiet sind Sie gefragt?

Jeder hat sein Feld, bei mir ist es sehr stark die Energie- und Klimapolitik. Ich habe bereits den einen oder anderen Hinweis gegeben.

Zum Beispiel?

Nichts, was ich hier sagen könnte. Es ist eine Verhandlungssituation. Verhandlung heißt, dass alle erst einmal mit Maximalpositionen hineingehen. Das möchte ich jetzt nicht offenlegen. Aber es geht etwa bei der Windkraft darum, die Realisierung der Flächen zu beschleunigen.

Ist hier im Kreis Segeberg mehr Potenzial für Windkraft?

Wir haben in Segeberg nur vier Standorte mit Turbinen. Da gäbe es Möglichkeiten. Solarenergie wird sehr groß werden, da wir ein massives Ausbauziel haben. Und wenn ich sehe, wie die Landwirtschaft momentan leidet, werden viele Bäuerinnen und Bauern überlegen, ob sie das Geschäft weiterführen – oder was stattdessen passiert. Da müssen wir in der Gesellschaft breit diskutieren – auch darüber, ob nur der Bauer verdient oder wir alle etwas davon haben.

Aber der Ausbau von Windkraft kann ja nicht nur Sache des Nordens sein.

Momentan ist das leider so. Auch die Netzentgelte sind hier am teuersten. Wir bezahlen die Anbindung der Windturbinen, damit wir Strom erzeugen, der aber über Norderstedt und Hannover nicht hinauskommt. Wir müssen Windkraft als Industriestandort groß spielen, gerade im Norden haben wir große Firmen und Zulieferer, die 12.500 Arbeitsplätze sichern.

Hat die letzte Regierung die Branche gefährdet?

Die größte Bremse im Erneuerbare-Energien-Gesetz ist die Ausschreibungspflicht für Windenergie-Projekte. Es gab erst ein Umbruchsjahr, da ist nichts passiert. Dann die Vorkaufspflicht für Bürgerwindparks, das wurde auch nicht gezogen. Es kam zu einer Sollbruchstelle. Man konnte Flächen für Windparks ausschreiben, die aber keine Genehmigung hatten – das hat die Investitionen gefährdet, das war ein Riesenbock. Da hat die CDU massiv eingewirkt, das hat uns um Jahre zurückgeschmissen. Wir stehen in der erneuerbaren Wirtschaftspolitik vor einem Trümmerhaufen.

Was ist aus Ihrer Sicht nicht verhandelbar bei den „Ampel“-Gesprächen?

Die 400.000 Wohnungen, die 100.000 sozial gestützten, da brennt es gerade. Das ist eine Maximalposition. Bei einigen Positionen sind wir gesprächsbereit. Wir wollen die Klima- und Energiewende leistbar machen für die Bürger, gerade die mittleren und unteren Einkommen. Es muss ja nicht immer eine Steuererhöhung sein, sondern die Diskussion ist ja auch, wie es mit Subventionen aussieht. Es geht auch nicht nur um die Pendlerpauschale. Was ist denn mit den Leuten, die nicht pendeln, aber trotzdem wenig Geld verdienen? Das muss direkt laufen, nicht erst über die Steuererklärung.

Trotzdem ist die „Ampel“ ja nicht ihre Wunschlösung. Sie hätten eine Zusammenarbeit mit den Grünen und der Links-Partei bevorzugt. Was sind die Vorteile in der jetzigen Konstellation?

Erst einmal das internationale Ansehen – viele hätten sich vor einem vermeintlichen Linksruck gescheut. Auch wenn der keiner ist. Linksruck bedeutet: gute Arbeit, gutes Geld, ein starker Staat. Die andere Sache betrifft die Wirtschaftspolitik: Mit den Zuschreibungen, die die FDP als Ausgleich für die Grünen bekommt, können wir einen besseren Staat machen, was die Investitionsbereitschaft, die Verlässlichkeit betrifft. Aber es wird ein harter Kampf, die Investitionen ohne Schulden vorzunehmen.

Haben Sie ein eigenes Büro und einen eigenen Stab?

Ich bin jetzt Unter den Linden 50, ein Stückchen weiter weg, acht Minuten zu Fuß. Wenn man zum Hammelsprung gerufen wird, macht man Strecke. Unter 10.000 Schritten am Tag läuft nichts. Für Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter hat jeder Abgeordnete ein Budget. Wir haben eine Tarifgemeinschaft als SPD-Fraktion, die sich am öffentlichen Dienst orientiert. Dementsprechend wird bezahlt. Ich versuche, mit fünf Leuten klarzukommen: zwei Vollzeit in Berlin, eine im Wahlkreis, dazu dann noch zwei Studierende.

Was sind deren Aufgaben?

Es gibt verschiedene Rollen. Eine Bürokraft, die Sachbearbeitung für konkrete Fälle, die Organisation von Reisen und Besuchen, die Wahlkreisveranstaltungen, die wissenschaftlichen Mitarbeiter, die eine fundierte Ausbildung in einer bestimmten Richtung haben. Die sind dafür notwendig, konkrete Aufgaben aus den Ausschüssen zusammen mit dem wissenschaftlichen Dienst und der Parlaments-Bibliothek zu recherchieren.

Wird es ein Wahlkreisbüro geben?

Kein klassisches. Am liebsten würde ich mit einem Auto, am besten ein Wohnwagen, in jedem Dorf sein, zu den Bürgerinnen und Bürgern kommen und direkt vor Ort mit den Leuten sprechen.

Haben sie schon eine Wohnung gefunden? In Berlin-Mitte ist das bekanntlich schwierig – und teuer.

Der Wohnungsmarkt ist heftigst umkämpft. Bei den aktuellen Preisen ist ein Hotelzimmer fast noch günstiger. Teilweise ist es dreist, was in Mitte, also auch Moabit oder Kreuzberg, aufgerufen wird – und ich will die Gentrifizierung nicht weiter fördern. Ich will nicht in eine vollmöblierte Wohnung, die mit dem coolen Kreuzberg wirbt. Ich gucke mir die Magistralen der U-Bahn und S-Bahn an, schaue, dass ich mir eher im Osten der Stadt etwas suchen werde. Ich möchte auch nicht so viel Geld dafür ausgeben, es ist Steuergeld, das darf man nicht vergessen.

Wie stehen Sie zu bezahlten Nebentätigkeiten?

Das geht superschnell, dass man mal als Referent eingeladen wird. Man geht dann hin, denkt sich nichts Böses – und bekommt dann Geld. Und es gibt international agierende Parlamentariergruppen, da muss man aufpassen, nicht in ein Sponsoring zu geraten. Sonst ist der Flug auf einmal fremdbezahlt. Schon hat man 500 Euro angenommen, obwohl man nicht wollte. Man wird mit zunehmender Expertise mit der Zeit angefragt werden, zu sprechen.

Würden Sie dann im Zweifelsfall Einkünfte spenden?

Das wäre der Ansatz, aber es müsste transparent gemacht werden. Ich habe meine Leute angespitzt, bei Angeboten darauf zu achten, wie die Rahmenbedingungen sind. Wir werden auf meiner Website ein Register pflegen, mit wem ich mich treffe. Auch ein Treffen mit einer Gewerkschaft ist ein Lobbytreffen.

Was wird eigentlich aus Ihrer Punkband Calling Annabelle, verliert diese nun ihren Schlagzeuger?

Ja, es geht leider nicht anders. Ich bin da mit einem weinenden Auge dabei. Aber beides ein bisschen zu machen, geht nicht.

Sie sind bekanntlich Veganer. Haben Sie in Berlin schon Restaurants gefunden?

Das ging erstaunlich einfach. Um den Bundestag herum gibt es viele Möglichkeiten. Und auch der Bundestag bietet vegane Gerichte an. Aber es gibt auch Böcke, da denke ich: Ach Leute. Da gab es eine schöne Gnocchi-Pfanne mit Grillgemüse und Pesto, da dachte ich, es könnte vegan sein. Aber nein, sie hatten das Pesto schon reingeschmissen. Und da war natürlich Parmesan drin.

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