Norderstedt

Wer rettet meinen Blumenladen vor dem Aus?

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Es ist eins der letzten Bilder, die vor ihrer Krankheit aufgenommen wurde: Astrid Krellenberg mit einem selbstgebundenen Blumenstrauß im Februar diesen Jahres. Wenige Wochen später konnte sie nicht mehr arbeiten.

Es ist eins der letzten Bilder, die vor ihrer Krankheit aufgenommen wurde: Astrid Krellenberg mit einem selbstgebundenen Blumenstrauß im Februar diesen Jahres. Wenige Wochen später konnte sie nicht mehr arbeiten.

Foto: Krellenberg

Astrid Krellenberg ist schwer krank und kann das Blumenhaus Köhnke nicht weiterführen. Jetzt sucht sie einen Nachfolger.

Norderstedt . Es gab eine Zeit, da hat sie es kaum ohne ihren kleinen Laden ausgehalten. Da konnte sie sich nur ein paar Tage trennen, da war eine Woche Urlaub am Stück schon zu viel. Als sie vor sechs Jahren schwer krank wurde, hat sie sich nur für die Operationen frei genommen. Sie ist nicht zur Kur gefahren, hat keine Reha gemacht. Der Laden war ihre Medizin.

21 Jahre führte Astrid Krellenberg das Geschäft

Selbst damals hat sie sich nicht vorstellen können, dass es irgendwann anders sein wird. Dass sie irgendwann nicht mehr morgens zum Großmarkt fährt und danach in den Laden - ihren Laden - das Blumenhaus Köhnke an der Ulzburger Straße 9. Es ist ein Familienunternehmen. 1972 wurde der Betrieb von einer Cousine ihres Vaters gegründet, im Jahr 2000 hat Astrid Krellenberg das Unternehmen übernommen. Manchmal nennt sie das Geschäft ihr Baby, ihr Kind. Weil sie erlebt hat, wie es wächst und gedeiht. Weil sie immer da war. 21 Jahre lang. Bis es nicht mehr ging.

Es passiert irgendwann nach dem Muttertag. An dem Sonntag hat sie noch gearbeitet, den ganzen Tag Blumensträuße gebunden. Gelächelt und gescherzt. Obwohl sie bereits starke Schmerzen hat. Richtig eingestehen will sie sich das da aber nicht. Sie verdrängt die Schmerzen, die Angst. Bis sie sich irgendwann eingestehen muss, dass sie sich nicht nur verhoben hat, dass sie das nicht mit Physiotherapie in den Griff bekommt.

Wenn man wie sie seit 21 Jahren sechs Tage die Woche im Laden steht, kann man sich nicht vorstellen, dass es irgendwann anders sein wird. Schon gar nicht, wenn man Anfang 50 ist und noch 15 bis 20 Jahre arbeiten will.

Krellenberg ist schwer krank, muss ihr Geschäft aufgeben

Jetzt ist es anders gekommen. Astrid Krellenberg war seit mehr als 12 Wochen nicht mehr im Laden. Die meisten Zeit davon war sie im Krankenhaus. Als ihr die Ärzte sagten, dass sie Krebs hat, haben sie ihr nicht viel Hoffnung gemacht. Endstation haben sie das genannt.

Doch Astrid Krellenberg (53) ist niemand, der den Mut aufgibt, die Hoffnung. Sie kämpft. „Ich bin gebürtige Friesin, Die stecken viel weg“, sagt sie. Zwölf Chemos hat sie hinter sich, die letzte ist für heute angesetzt. „Dann sehen wir weiter“, sagt sie. Schritt für Schritt, eins nach dem anderen. Sie weiß nicht, wann sie wieder nach Hause kann, in ihr kleines Reetdachhaus in Tangstedt, das sie selbst renoviert hat. Wann sie wieder ohne Pflege auskommt, alleine klar kommt. Und wann sie wieder arbeiten wird.

Aber sie weiß, dass sie nicht mehr zurück in den Blumenladen kann. Dass sie das Geschäft aufgeben muss. „Auch wenn ein Wunder geschieht und ich wieder gesund werde, reicht die Kraft nicht für die Selbstständigkeit“, sagt Astrid Krellenberg. Es ist ok, darüber zu sprechen.

Ihre Eltern hatten eine Gärtnerei in Eidelstedt

In den letzten Worte hat sie viel darüber nachgedacht und sich nach und nach eingestanden, dass sie den Betrieb nicht weiterführen kann - sondern einen Nachfolger braucht. Nicht nur ihre Mitarbeiter, die sie in den letzten Wochen vertreten haben. Sondern jemandem, dem sie das Geschäft übergeben kann. Der ihren Mietvertrag und die Mitarbeiter übernimmt. Der den Laden weiterführt - und eine Schließung verhindert. „Es würde mir das Herz brechen, wenn das Geschäft schließen müsste“, sagt Astrid Krellenberg.

Sie weiß, wie das ist. Sie hat erlebt, wie die Gärtnerei ihrer Eltern in Eidelstedt aufgeben musste - nach mehr als 100 Jahren im Familienbesitz. Anfang des letzten Jahrhunderts wurde die Gärtnerei Krellenberg von ihrem Urgroßvater gegründet, im zweiten Weltkrieg zerstört und wieder aufgebaut. „Bis ein großes Möbelhaus dort gebaut wurde, mein Vater die Gärtnerei verkauft hat - und alles von den Baggern platt gemacht wurde“, sagt Astrid Krellenberg.

Sie hat selbst eine Ausbildung als Gärtnerin gemacht - auch wenn ihre Eltern eigentlich einen ganz anderen Weg für sie vorgesehen hatten. Trotz des Familienbetriebes - oder gerade deswegen: „Meine Eltern wollten, dass ich mich frei entscheide und nicht nur einer Familientradition folge“, sagt die Tangstedterin, die nach dem Willen ihrer Mutter Ärztin werden sollte. „Vielleicht, weil sie selbst schwer krank war und früh gestorben ist“, vermutet Astrid Krellenberg heute. Sie war erst 13 als ihre Mutter starb, im Alter von 42 Jahren.

Ihr fehlt der Kontakt mit den Kunden und Mitarbeitern

Manchmal wundert sich Astrid Krellenberg selbst darüber, wie alles gekommen ist. Wie sie nach der Ausbildung als Gärtnerin erst zwei Semester Germanistik studierte und dann noch eine Lehre als Floristin machte. Und wie sie nach vielen Jahren als Angestellte plötzlich von der Cousine ihres Vaters kontaktiert wurde, die ihr die Übernahme eines Blumengeschäftes in Norderstedt anbot.

„Richtig begeister war ich davon nicht“, erinnert sich Astrid Krellenberg, die erlebt hatte, wie hart die Selbstständigkeit ihrer Eltern war. „Ich habe mich damals, mit Anfang 30 nach Unabhängigkeit und Freiheit gesehnt - und nicht danach, die Verantwortung für einen Laden zu übernehmen.“ Trotzdem habe sie sich alles angeschaut, gründlich überlegt - und schließlich zugesagt.

Blumensträuße gibt es nur auf Bestellung

Bereut hat sie diese Entscheidung nicht, nie. Der Laden war ihr Leben, ihre Kunden ein Teil davon. Sie hat für sie Blumensträuße zur Hochzeit gebunden, erlebt, wie sie Babys bekommen haben und Blumen für die Taufe gebraucht wurden. Wenn sie in ihrer Werkstatt Blumen mit Blättern verwoben und zusammengesteckt hat, hatte sie immer das Gefühl, angekommen zu sein. Am richtigen Ort zu sein, das richtige zu tun.

Ihr fehlt das. Der Kontakt mit den Kunden, die Gespräche. Regelmäßig schicken ihr die Mitarbeiter Fotos von Sträußen oder Bouquets, die sie binden. Dann hat sie für einen Moment das Gefühl, dazuzugehören, dabei zu sein - auch wenn sie nicht da ist.

Seit ein paar Wochen ist der Laden geschlossen und läuft auf Werkstattmodus. Blumensträuße können nur noch auf Bestellung verkauft werden. Die Personaldecke ist zu dünn. Eine Mitarbeiterin ist inzwischen in Rente, eine andere hat aufgehört. Doch Astrid Krellenberg gibt die Hoffnung nicht auf. Die Hoffnung, dass sie einen Nachfolger findet. Und ihr Blumenladen wieder aufblüht.

Interesse an einer Übernahme? 040/5292811 oder mail: info@blumenhaus-koehnke.de

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