Norderstedt

Tarek Saad flüchtet schwer verletzt – nun macht er Politik

| Lesedauer: 11 Minuten
Annabell Behrmann
Tarek Saad (27) ist 2014 von Syrien nach Deutschland geflohen. Nun will er für die SPD in den Landtag im Wahlkreis Segeberg-Ost.

Tarek Saad (27) ist 2014 von Syrien nach Deutschland geflohen. Nun will er für die SPD in den Landtag im Wahlkreis Segeberg-Ost.

Foto: SPD

Der 27-Jährige begleitete als Journalist die Oppositionstruppen in Syrien. Für die SPD will er in den Landtag einziehen.

Kreis Segeberg/Latakia.  Es ist der 6. August 2013. Tarek Saads 20. Geburtstag. Sein Herz rast. Der junge Syrer rennt durch die Straßen von Latakia. Er folgt den Rebellen, die gegen die syrische Armee kämpfen. Mit einer Hand umklammert er sein Handy. Richtet die Kamera auf die blutigen Auseinandersetzungen, die sich vor seinen Augen abspielen.

Schon seit zwei Jahren begleitet Tarek Saad als Journalist die Oppositionstruppen. Nach dem Abitur hat er mit dem Filmen angefangen. Die Welt soll sehen, was Grausames in seinem Heimatland passiert. Sie soll eingreifen. Frieden zurückbringen. Dann fallen Schüsse. Eine Kugel streift Saads Kopf. Die andere trifft ihn. Zertrümmert seine linke Schulter. Blut läuft in seine Lunge. Und sein Herz hört auf zu schlagen.

Tarek Saad will für die SPD in den Landtag

Heute, mehr als sieben Jahre später, sitzt Tarek Saad auf dem Sofa im Konferenzraum der Abendblatt-Außenredaktion in Norderstedt. Der 27-Jährige trägt ein weißes Hemd und ein schwarzes Jackett. Der junge Politiker ist zu Besuch, um seine Ambitionen bekanntzugeben, für die SPD 2022 in den Landtag einzuziehen. Saad bewirbt sich um die Nominierung als Direktkandidat für den Wahlkreis 26 Segeberg-Ost, zu dem unter anderem Städte wie Bad Segeberg und Wahlstedt sowie Gemeinden wie Itzstedt und Nahe gehören.

„Es ist nur ein Angebot an die Partei und die gesamte Gesellschaft. Aber es wäre im Sinne der Demokratie, dass jemand mit meiner Vergangenheit im Landtag vertreten ist“, sagt Saad. Jemand, der weiß, wie es sich anfühlt, in einem fremden Land neu anzufangen. Im Gespräch lacht der gebürtige Syrer viel. Sein Lachen ist offen und herzlich, manchmal schüchtern. Es vergeht ihm auch nicht, wenn er über seine Geschichte spricht. Wie er schwer verwundet überlebt hat. Und nach Deutschland geflüchtet ist, um sich ein neues Leben in Sicherheit aufzubauen.

Saad war klinisch tot, wachte erst in der Türkei wieder auf

Tarek Saad war klinisch tot. Doch im Krankenwagen auf dem Weg in ein Krankenhaus im Umland von Latakia konnte er wiederbelebt werden. Fünf Tage lang lag er im Koma, ist erst in einer Klinik in der Türkei wieder aufgewacht. Dort wurde er von der Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen versorgt. „Ich kann mich nicht genau erinnern, was an dem Tag passiert ist, als ich zwei Kugeln abbekommen habe“, sagt Saad. Manchmal habe er „Flashbacks“. Sieht in seinen Träumen, wie er getroffen wird. An der kaputten Schulter wurde er fünf-, sechsmal operiert, erzählt er. Ärzte mussten ihm ein künstliches Gelenk einsetzen. Muskeln hatte er keine mehr. Haut und Fleisch wurden ihm vom Bein entnommen und in den Schulterbereich verpflanzt.

Sechs Monate verbrachte Saad in der türkischen Klinik. Dann brauchte er Physiotherapie. Seine Wunde entzündete sich. Doch die Behandlungen konnte er sich nicht mehr leisten. „Die Krankenversorgung für Geflüchtete war schlecht.“ Die einzige Rettung, die Saad möglich schien, war eine Flucht nach Europa. Im April 2014 fasste er den Entschluss, seine Heimat zu verlassen. 40 Tage verbrachte er in Griechenland. In Athen traf er auf einen Schlepper, der ihm versprach, ihn nach Deutschland zu schleusen. „Ich gab ihm alles Geld, das ich noch hatte – nur fünf Euro behielt ich in der Tasche.“

Im Sommer 2014 kam Tarek Saad in Hamburg an

Um Mitternacht am 24. Juni 2014 ist Tarek Saad am Hamburger Hauptbahnhof eingetroffen. Ausgelaugt. Mittellos. Er suchte nach Hilfe, hielt Ausschau nach einem Polizeiauto. Beamte nahmen ihn mit auf die Wache, ließen ihn eine Nacht in der Einzelzelle verbringen. Am nächsten Tag schickten sie den jungen Geflüchteten zur Erstaufnahmeeinrichtung nach Harburg. Sie drückten ihm den Ausd

ruck einer Google-Maps-Karte in die Hand. „Ich verstand aber kein Deutsch und wusste nicht, wohin ich sollte.“ Saad irrte durch eine unbekannte Stadt. In einem fremden Land. Auf der Straße entdeckte er eine Frau mit Kopftuch. Er versuchte sein Glück, sprach sie auf Arabisch an. „Sie wohnte seit 20 Jahren in Deutschland, kam ursprünglich aus dem Libanon. Sie lud mich zu ihrer Familie zum Essen ein. Anschließend machte ich mich auf den Weg nach Harburg.“

Saad musste lernen, anderen Menschen zu vertrauen

Zunächst wohnte er in der Landesunterkunft für Geflüchtete in Neumünster, dann wurde er nach Rendsburg und schließlich nach Jägerslust verlegt. Dort schlief er in einer Baracke im Wald – und lernte eine Frau kennen, die sein Leben in Deutschland maßgeblich prägen sollte: Petra Paulsen, SPD-Bürgermeisterin der Gemeinde Felde, westlich von Kiel am Westensee. „Sie hat mir gezeigt, wie die Deutschen ticken. Ich wollte keine Fehler machen, um nicht falsch verstanden zu werden. Ich habe mich als Gast gefühlt und wollte nicht stören“, sagt Saad.

Der gebürtige Syrer musste erst lernen, anderen Menschen wieder zu vertrauen. Als Journalist in Syrien konnte sich Tarek Saad auf niemanden verlassen. Alle haben unter falschem Namen gearbeitet, um ihre Familien zu schützen, sollten sie in eine Falle geraten. „Petra Paulsen hat es geschafft, mein Vertrauen wieder aufzubauen. Das war nicht einfach.“

Die Bürgermeisterin von Felde veränderte sein Leben

Die Mutter zweier Söhne hat den geflüchteten Jungen aus Syrien in ihre Familie integriert. Durch ihre beiden Jungs, die etwa im gleichen Alter sind wie er, entdeckte Saad seine Liebe zu Motorrädern und Pferden. „Die Familie sagt immer: Wir haben zwei Söhne und einen Ziehsohn“, erzählt Saad und lächelt. Die Bürgermeisterin von Felde war es auch, die ihn für Politik begeisterte. Sie nahm ihn mit auf eine Anti-Pegida-Demo in Kiel – das war am 27. Januar 2015. Tarek Saad hat das Datum in seinem Kopf abgespeichert.

„Das war meine allererste Demo ohne Gewalt und Blut“, sagt er. Ein „Mann mit Glatze“, wie Saad ihn bezeichnet, habe auf der Bühne eine Rede über die Flüchtlingssituation gehalten. Dieser Mann war SPD-Politiker Torsten Albig. Paulsen machte die beiden Männer bekannt – und Albig umarmte Tarek Saad spontan. „Das war ein sehr emotionaler Moment.“ Von da an beschäftigte sich der junge Syrer mit Politik. Ein Jahr später trat er in die SPD ein.

Saad will sich nicht einschüchtern lassen

Zuerst war er im Ortsverein Felde aktiv, dann bei den Jusos. Er wurde in den Kreisvorstand der SPD Rendsburg-Eckernförde gewählt. Saad war erst Beisitzer und ist heute Landesvorsitzender der Arbeitsgemeinschaft Migration und Vielfalt. Seit Kurzem gehört er dem Landesvorstand der SPD Schleswig-Holstein an. Nun soll die Direktkandidatur bei der Landtagswahl 2022 folgen. Viele Genossen sagen ihm eine steile Karriere voraus, trauen ihm sogar zu, erster Bundestagsabgeordneter mit direkter Fluchtgeschichte zu werden. Doch Saad kennt die aktuellen Schlagzeilen um Tareq Alaows.

Der Grünen-Politiker, der vor sechs Jahren aus Syrien geflüchtet ist, hat seine Bundestagskandidatur zurückgezogen, weil er von Rechtsextremen bedroht wird. Tarek Saad erzählt, dass auch er nach jedem veröffentlichten Zeitungsartikel über seine Person Hassmails erhält. „Mir ist bewusst, dass die Reaktion auf meine Landtagskandidatur noch krasser ausfallen wird. Ich erwarte Morddrohungen.“ Aufhalten lassen möchte er sich trotzdem nicht. Er möchte etwas verändern, die Gesellschaft gerechter machen. Sich für eine verbesserte Migrations- und Integrationspolitik einsetzen. Ob er sich dennoch fürchtet? „Ich kann nur eines sagen: Ich ziehe das Ding durch!“

Mit seiner Verlobten zieht der 27-Jährige nach Trappenkamp

Im September 2020 ist Tarek Saad eingebürgert worden. Als deutscher Staatsbürger darf er die Demokratie nun aktiv mitgestalten. „Ich hatte zwar die Erlaubnis, für immer in Deutschland zu bleiben – aber ich durfte nicht wählen. Nicht einmal auf kommunaler Ebene. Das habe ich nicht verstanden.“

Bei der diesjährigen Bundestagswahl darf er zum ersten Mal eine freie Entscheidung treffen. „Egal, wie die Corona-Situation aussieht: Ich werde keine Briefwahl beantragen und auf jeden Fall zum Wahllokal gehen“, sagt er. Zwar konnte Saad auch in Syrien wählen, in einer Wahlkabine wie in Deutschland. Aber das Papier durfte er nicht falten. Vor der Kabine kontrollierte jemand, wo er sein Kreuz gesetzt hatte. Wer nicht Präsident Ba­schar al-Assad wählt, muss damit rechnen, direkt in Untersuchungshaft zu landen. Die ganze Familie würde benachteiligt werden.

Das Privileg, eine echte Wahl zu haben, nutzte Tarek Saad zum ersten Mal im Februar 2016. Er stimmte gegen den Schriftführer des SPD-Ortsvereins Felde. Nicht, weil er etwas gegen ihn hatte. Sondern einfach, weil er mit Nein stimmen durfte. Aus Prinzip. Heute muss der Jungpolitiker über diese Anekdote lachen. „Ich war dagegen, obwohl der Typ echt nett war.“

Trotz Therapie verfolgen ihn die Bilder aus seiner Heimat

Tarek Saad fühlt sich angekommen. Mit seiner Verlobten zieht er nach Trappenkamp, nächstes Jahr beendet er sein Studium der Politik- und Islamwissenschaften. Nach nur wenigen Jahren spricht er fließend Deutsch. „Ich kann meine Emotionen besser auf Deutsch als auf Arabisch ausdrücken“, sagt der Sozialdemokrat. Künftig möchte er auch Plattdeutsch lernen, um möglichst viele Generationen anzusprechen, auch die ältere. Nur zur Ruhe kommen, davor fürchtet sich Saad. „Ich fahre nicht gern in den Urlaub. Jedes Mal, wenn ich runterkomme, kochen die Erlebnisse in mir wieder hoch.“

Seinen verletzten linken Arm kann er nicht mehr anheben. In Deutschland hat Saad eine Therapie gemacht. Die Bilder aus Syrien verfolgen ihn trotzdem in seinen Träumen. „Wenn ich nichts mache, geht es mir schlecht.“ Auch deswegen möchte Tarek Saad in seiner neuen Heimat möglichst viel bewegen. Sollte man in Syrien allerdings Hilfe benötigen, ein demokratisches System aufzubauen, dann würde er seine alte Heimat noch einmal besuchen. Um seine Erfahrungen zu teilen. Und Frieden zurückzubringen.

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