Wirtschaft

Jede neunte Firma in Norderstedt fürchtet die Insolvenz

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Andreas Burgmayer
 Blick auf Norderstedt mit dem Rathaus, dem Rathausmarkt, der „TriBühne“ und der U-Bahnstation (l.).

Blick auf Norderstedt mit dem Rathaus, dem Rathausmarkt, der „TriBühne“ und der U-Bahnstation (l.).

Foto: TA CAPS / Thorsten Ahlf TA CAPS / Thorsten Ahlf / TA CAPS / Thorsten Ahlf

Das Wirtschaftsklima in der Stadt trübt sich – 164 Unternehmen in allen Bereichen befragt. Das sind die Ergebnisse.

Norderstedt.  Die Stimmungslage in der Norderstedter Wirtschaft trübt sich zunehmend ein. Die Verunsicherung der Märkte aufgrund der Corona-Pandemie sorgt für Unsicherheit und Zukunftsangst bei vielen Unternehmern. Das zeigt eine aktuelle Umfrage der städtischen Entwicklungsgesellschaft Norderstedt (EGNO).

Die EGNO hat im März 680 Unternehmen in allen Wirtschaftsbereichen der Stadt angeschrieben und um Stellungnahme gebeten. Ziel der Wirtschaftsförderungsgesellschaft ist es dabei zu erfahren, wie sie Unternehmen in diesen schweren Zeiten besser unterstützen könnte. Immerhin 164 Adressaten äußerten sich zum Thema. „Die offene Umfrage liefert belastbare, lokale Zahlen. Die teilnehmenden Unternehmen repräsentieren im Durchschnitt die Branchen der Norderstedter Unternehmen, wobei die Bereiche Handel und Gastronomie leicht unterrepräsentiert sind“, teilt EGNO-Chef Marc-Mario Bertermann mit.

Die Ergebnisse der Umfrage zeigen, dass die Norderstedter Unternehmen die wirtschaftlichen Auswirkungen aktuell skeptischer bewerten als noch Ende des vergangenen Jahres. Die Rückkehr zur wirtschaftlichen Situation wie vor der Corona-Pandemie wird überwiegend erst nach 2021 erwartet. „Es herrscht aktuell eine hohe Unsicherheit im Hinblick auf die wirtschaftliche Entwicklung. Bei sinkender Nachfrage und Stornierung von Aufträgen werden Investitionen zurückgehalten. Das ist auch in Norderstedt eine ernstzunehmende Situation“, sagt Bertermann. „Obwohl die Beschäftigungszahlen konstant bleiben und mehr Digitalisierung auch zu positiven Veränderungen im beruflichen Alltag geführt haben, betrachten wir mit großer Aufmerksamkeit die unterschiedlichen Auswirkungen der Pandemie.“

20 Prozent der Unternehmen berichten von Stillstand

Die Zahlen im Einzelnen: 37 Prozent der befragten Unternehmen äußern, eine Einschätzung der Verbesserung erst nach 2021 zu erwarten. Für 28 Prozent ist eine Einschätzung derzeit nicht möglich. Weniger Nachfrage nach Produkten und Dienstleistungen nennen 45 Prozent als Grund, weitere Krisenindikatoren sind der Rückgang von Investitionen (37 Prozent) und die Stornierung von Aufträgen (28 Prozent). Einen Stillstand der Geschäftstätigkeiten melden 20 Prozent der Befragten. Als dramatisch bewertet die EGNO die Aussage, dass elf Prozent der befragten Unternehmen eine drohende Insolvenz fürchten.

Der Arbeitsmarkt scheint hingegen in Norderstedt relativ stabil. Im Vergleich zum Bundesdurchschnitt von 6,3 Prozent fällt die Arbeitslosenquote in Norderstedt mit 5,3 Prozent besser aus. Konkret mit Entlassungen rechnen 12 Prozent der befragten Unternehmen in Norderstedt. „Ein Wert, der durch das Instrument Kurzarbeit aktuell noch in Grenzen gehalten wird“, sagt Bertermann. Doch trotz drohender Insolvenzen bei jeder neunten befragten Firma, teilt eine Mehrheit von 60 Prozent der Geschäftsführungen mit, dass sich die Zahl der Arbeitsplätze in ihrem Unternehmen nicht verändern wird, 18 Prozent stellen sogar Mitarbeitende ein.

Wie überall sorgt die Pandemie auch in Norderstedt für einen tiefgreifenden Wandel in der Arbeitsstruktur. Die überwiegende Mehrheit der befragen Unternehmen schickt seine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zum Arbeiten nach Hause, ins Homeoffice. Videokonferenzen und Online-Kommunikation ersetzen den direkten Kontakt im Büro und in den Konferenzräumen. 57 Prozent der befragten Unternehmen haben die Digitalisierung forciert. Auch Marketing und Vertrieb bewerkstelligen 41 Prozent der befragten Norderstedter Unternehmen derzeit online.

„Der Bundestrend, die Digitalisierung als Chance zu betrachten, ist auch in Norderstedt ablesbar. Auswertungen des Telekommunikationsanbieters wilhelm.tel unterstreichen dies“, sagt Bertermann. So sei die Internetnutzung durch Videokonferenzen und VPN-Verbindungen – also beim Homeoffice und Homeschooling – um 40 Prozent gestiegen. Und es wird mehr telefoniert über die Glasfaserkabel des städtischen Telekommunikationsanbieters: Seit dem ersten Lockdown habe sich das Telefonieaufkommen verdoppelt, jetzt liege die Steigerung stabil bei plus 20 Prozent.

Die Regierungshilfen sind für viele Unternehmen existenziell wichtig. Doch viele kapitulieren vor der Wand aus Bürokratismus, die eine Beantragung bedeutet. Mehr noch als bei einer ersten Befragung der EGNO im Dezember 2020 wünschen und nutzen derzeit Zweidrittel der befragten Norderstedter Unternehmen die Angebote zur Fördermittelberatung und zur Lotsenfunktion, Branchen- und Netzwerkinitiativen sowie den Online-Austausch.

„Die Unternehmen bestätigen uns durch die Umfrage den steigenden Bedarf an unseren Angeboten“, sagt Bertermann. „Mit unserer Hotline und dem Wirtschaftsportal wirtschaft-norderstedt.de für aktuelle Informationen, wie Überbrückungshilfen, haben wir umgehend reagiert.“ Dazu kämen Online-Formate wie „Wirtschaft trifft Schule“ oder „Norderstedter Zukunftsdialog“ gemeinsam mit den Stadtwerken. „Diesen Weg gehen wir konsequent weiter.“

Die Industrie- und Handelskammer (IHK) hat 3400 Unternehmen des Landes Schleswig-Holstein nach ihrer Stimmungslage im ersten Quartal 2021 befragt, 898 beantworteten die Fragen (26 Prozent). Im Vergleich zum Vorquartal 2020 hat sich die Stimmung danach leicht verbessert, der Konjunkturklimaindex steige von 95 auf 100,4 Punkte. Die Unternehmen würden wieder optimistischer in die Zukunft blicken, teilt die IHK mit. Nicht verbessert habe sich im Kontrast dazu die momentane Lage, was den Index deutlich unter seinen langjährigen Durchschnitt von 110,3 Punkten drücke. Die Pandemie kennt eben viele Verlierer – aber auch Gewinner.

Industrie zeigt sich gut erholt, die Baubranche ist robust

Vier von zehn Industrieunternehmen (39 Prozent) schätzen ihre aktuelle Situation gut ein (Vorquartal: 39 Prozent). Gleiches gilt für den Großhandel: 40 Prozent berichten von einer guten Geschäftslage (Vorquartal: 39 Prozent), und auch die Erwartungen und Pläne fallen optimistischer aus. Die Baubranche zeigt sich weiterhin robust und konnte ihre Lage ebenfalls leicht verbessern. 44 Prozent der Befragten bewerten ihre aktuelle Lage gut (Vorquartal: 36 Prozent).

Anders stellt sich die Situation in der Dienstleistungsbranche und im Verkehrsgewerbe dar. Hier trübt sich die Lage erneut ein. Deutlich mehr Dienstleister, nämlich 28 Prozent, sprachen im Vergleich zum vierten Quartal (19 Prozent) von einer Verschlechterung ihrer Situation. Im Verkehrsgewerbe sehen 46 Prozent eine aktuell schlechte Geschäftslage; im Vorquartal lag dieser Anteil bei 27 Prozent. Sorgen bereitet weiterhin die Lage des Einzelhandels: Mehr als jeder zweite Einzelhändler (51 Prozent) beurteilt die aktuelle Geschäftslage als schlecht, zwei Drittel (65 Prozent) haben es mit geringeren Umsätzen zu tun. Die Ertragslage bewertet weit über die Hälfte (61 Prozent) als schlecht. Auch die Zukunftsaussichten fallen pessimistisch aus: 45 Prozent rechnen mit einer Verschlechterung der Geschäftslage.

„Der anziehende Welthandel sorgt für eine spürbare Belebung in vielen Branchen. Zwar sehen wir eine leichte Erholung unseres Klimaindexes, jedoch relativiert sich diese positive Entwicklung aus zwei Gründen. Zum einen ist dies vorwiegend auf die optimistischeren Geschäftserwartungen zurückzuführen und nicht auf die aktuelle Lage. Zum anderen stellt sich die Situation in den einzelnen Branchen im Land weiterhin sehr unterschiedlich dar“, fasst Friederike C. Kühn, Präsidentin der IHK Schleswig-Holstein.

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