Kreis Segeberg

Bundeswehrsoldaten im Einsatz für die Gesundheit

Bastian Fietzke (r.) und Sören Friedrichsen tragen Mundschutz und sind durch eine Plexiglasscheibe getrennt. Das Fenster wird regelmäßig geöffnet.

Bastian Fietzke (r.) und Sören Friedrichsen tragen Mundschutz und sind durch eine Plexiglasscheibe getrennt. Das Fenster wird regelmäßig geöffnet.

Foto: Jörg Riefenstahl

Sieben Soldaten und eine Soldatin aus Husum helfen Gesundheitsamt bei der Kontaktnachverfolgung von Covid-19-Infizierten.

Bad Segeberg.  Dass im Segeberger Kreishaus Uniformen getragen werden, kommt normalerweise selten vor. In Corona-Zeiten ist das anders. Sieben Soldaten und eine Soldatin von der Westküste unterstützen seit Kurzem das Gesundheitsamt bei der zeitraubenden Kontaktnachverfolgung von Covid-19-Infizierten . Drei Besprechungsräume im Erdgeschoss des Kreishauses wurden für die Spezialkräfte aus Husum mit Telefonarbeitsplätzen ausgestattet.

Was machen die jungen Pioniere im Segeberger Gesundheitsamt? Wie sieht ihre Arbeit aus? Wir haben uns an Ort und Stelle umgesehen. 15 Minuten lang durften wir – mit Mund-Nasenschutz und Abstand – in das Gesundheitsamt, um uns ein Bild zu machen. Danach mussten wir das Gebäude aus Infektionsschutzgründen sofort wieder verlassen. Vorschrift ist Vorschrift.

Einer der Spezialpioniere aus Husum ist Bastian Fietzke. Der junge Mann mit dem Headset am Ohr beendet sein Telefonat und öffnet ein Fenster. ,,Als am Anfang ein dicker Stapel neu zu bearbeitender Fälle auf meinem Schreibtisch landete, dachte ich ,Oh Gott!‘“, erzählt der Soldat, der sonst mit seinen Kameraden das Verlegen von Wasserleitungen im Gelände erprobt. Seit Anfang der Woche teilt sich Fietzke mit Pionier Sören Frederichsen ein winziges Zwei-Mann-Büro im Kreishaus. Eine Plexiglasscheibe trennt die beiden voneinander.

Zwei Spezialpioniere teilen sich ein kleines Zimmer

„Wir bekommen vom Gesundheitsamt morgens E-Mails auf den Tisch, auf denen die Sachverhalte stehen“, erzählt Fietzke. Meistens handelt es sich um bestätigte Covid-Fälle. Dann beginnt die Nachverfolgung. ,,Wir schauen uns die Fälle an. Bekannte Kontakte mit dem Erkrankten ordnen wir drei Kategorien zu“, sagt der junge Mann. Kategorie I bedeutet, dass die Kontaktperson intensiven Austausch mit dem Corona-Infizierten hatte. ,,Das bedeutet mindestens 15 Minuten Face-To-Face-Kontakt mit oder ohne Mund-Nasenschutz“, nennt Fietzke ein Beispiel. Direkter Kontakt zu Sekreten oder Körperflüssigkeiten des Erkrankten oder längerer Aufenthalt als 30 Minuten in einem Raum mit hoher Konzentration infektiöser Aerosole gelten ebenfalls als hohes Infektionsrisiko und werden in Kategorie I eingestuft.

In Kategorie II werden Menschen eingeordnet, die sich weniger als 15 Minuten im selben Raum mit einem bestätigten Covid-19-Fall aufgehalten haben – etwa im Klassenzimmer, im Haushalt oder am Arbeitsplatz. ,,Wenn Sie einem infizierten Arbeitskollegen im Vorbeigehen auf dem Flur begegnen, ist das ein typisches Beispiel für Kategorie II“, sagt Fietzke. ,,Das sind die meisten Fälle. Sie dürfen weiterarbeiten.“

Personen der Kategorie I müssen sofort in Quarantäne

Infizierte und Kontaktpersonen der Kategorie I müssen sich hingegen sofort für 14 Tage in häusliche Quarantäne begeben. Sie werden fortan mehrfach getestet. ,,Wir rufen die Leute an und geben ihnen Bescheid“, sagt Fietzke. Solche Erstgespräche können auch schon mal ein- oder auch zwei Stunden dauern. Daraus können sich weitere Kontakte ergeben, die für die Nachverfolgung der Infektionsketten interessant sind. ,,Wir fragen immer wieder nach, wie es den Menschen in der Quarantäne geht, auch ihren Angehörigen“, erzählt der Pionier.

Sobald bei jemandem Krankheitssymptome auftreten, wird erneut getestet. Ist das Ergebnis positiv, werden die Kontakte der vergangenen Tage des Neuinfizierten rekonstruiert. Alles wird von den Soldaten feinsäuberlich auf Papierformularen dokumentiert. Computer gibt es bei den Corona-Detektiven im Kreishaus nicht.

Kategorie III ist ein Sonderfall. Sie betrifft Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in medizinischen Einrichtungen, die eigentlich in Kategorie I einzustufen sind und zu Hause bleiben müssten. ,,Weil wir einen Notstand haben, dürfen sie im Infektionsschutzanzug weiterarbeiten. Das entscheidet das Gesundheitsamt, nicht wir“, verrät der Soldat.

Sieben-Tage-Inzidenz im Kreis liegt aktuell bei 61

Rund 20 bestätigte Covid-19-Fälle landen pro Tag neu auf den Tischen der Nachverfolger. Vor einer Woche hatten sich an einem einzigen Tag kreisweit 57 Menschen infiziert. Seitdem war die Kurve etwas abgeflacht, bis sie am Donnerstag auf 37 nachgewiesene Neuinfektionen emporschnellte. Bei 16 Personen handelte es sich um Bewohner der Norderstedter Flüchtlingsunterkunft in der Oadby-and-Wigston-Straße. Die Unterkunft, in der 98 Menschen leben, steht seitdem unter Quarantäne.

Die Sieben-Tage-Inzidenz im Kreis liegt aktuell bei 61. ,,Derzeit sind rund 60 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im Segeberger Gesundheitsamt für den Infektionsschutz tätig. Die Mitarbeiter kommen aus allen Teilen der Kreisverwaltung“, sagt Sabrina Müller, Sprecherin des Kreises, auf Anfrage des Abendblattes. Vor der Pandemie bestand das Kernteam des Infektionsschutzes aus 15 Personen.

Seit Monaten sind die Mitarbeiter im Gesundheitsamt bis an ihre Grenzen belastet. Dort ist man froh über die tatkräftige Hilfe aus Husum. ,,Die Soldaten, sieben Männer und eine Frau, sind voll in das Team integriert. Es läuft reibungslos. Sie sind seit dem ersten Tag voll akzeptiert“, betont der Leiter des Kreisverbindungsstabes für Katastrophenschutz, Andreas Herrmann aus Norderstedt.

Der gesamte Einsatz läuft vorerst bis zum 4. Dezember

Zwölf Stunden täglich an sieben Tagen die Woche machen die fleißigen Helfer in Uniform nichts anderes, als Infektionsketten nachzuverfolgen und Beratungsgespräche zu führen. Die Telefone laufen heiß. Dabei kommen die Soldaten mit vielen Schicksalen in Berührung. Keine leichte Aufgabe. ,,Als ich hier anfing, hatte ich überhaupt keinen Kontakt zu Corona-Kranken“, sagt Bastian Fietzke. ,,Das ist jetzt anders. Die Arbeit mit den Menschen macht mir Spaß. Das hätte ich anfangs nicht gedacht.“

Die Pioniere wohnen in einem Segeberger Hotel. Kommende Woche endet ihr Einsatz am Kalkberg. Dann übernehmen neue Pioniere aus Husum ihre Aufgabe im Gesundheitsamt. Der gesamte Einsatz läuft noch bis zum 4. Dezember. Über eine Verlängerung werde nachgedacht, sagt Verbindungsoffizier Herrmann.

Gibt es Überlegungen, auch zivile Helfer aus anderen Berufsgruppen oder Studenten als Unterstützung zu engagieren? ,,Im Moment werden wir von fünf Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern des Medizinischen Dienstes der Krankenversicherung, zwei Medizinstudenten und von zwei Landesbediensteten unterstützt“, sagt Sabrina Müller. Nächste Woche kommt ein weiterer Landesbediensteter hinzu.

,,Darüber hinaus haben wir beim Bund einen Antrag auf Unterstützung von drei Containment Scouts gestellt“, sagt Sabrina Müller. Containment Scouts sind Medizinstudenten oder Studenten anderer Gesundheitswissenschaften, die befristet beim Robert-Koch-Institut (RKI) arbeiten, um überlasteten Gesundheitsämtern in ganz Deutschland zu helfen, Kontaktpersonen noch schneller und effektiver nachzuverfolgen. Ob drei von ihnen nach Segeberg kommen werden, ist noch nicht entschieden.