Bad Segeberg

Im Wald kommt’s auf die richtige Mischung an

Tim Scherer, Direktor der Schleswig-Holsteinischen Landesforsten (links), und Torsten Kruse, Organisator der Abteilung Forst der Landwirtschaftskammer in Bad Segeberg.

Tim Scherer, Direktor der Schleswig-Holsteinischen Landesforsten (links), und Torsten Kruse, Organisator der Abteilung Forst der Landwirtschaftskammer in Bad Segeberg.

Foto: Jörg Riefenstahl

Klimawandel und Schädlingsbefall sorgen auch in der Region für Probleme. Experten raten beim Waldumbau zu hochwertigen Laubholzarten.

Bad Segeberg. Hitze, Dürre, Sturm und Borkenkäfer: Bäume sind dem Klimawandel und Schädlingsbefall schutzlos ausgeliefert. Der Wald bräuchte Jahrhunderte, um sich den rasch verändernden Lebensbedingungen anzupassen, sagen Fachleute. So lange kann aber niemand warten. Der Wald braucht Unterstützung, um mit den zunehmenden Wetterextremen fertig zu werden. Waldumbau ist das Gebot der Stunde. Doch sinkende Holzpreise und zunehmende Flurschäden stellen die rund 10.000 Waldbesitzer in Schleswig-Holstein vor eine nahezu unlösbare Aufgabe.

Wie es um den Wald im Kreis Segeberg bestellt ist und was jetzt dringend zu tun ist, um ihn zu retten und klimafest zu machen, sagen Tim Scherer, Direktor der Schleswig-Holsteinischen Landesforsten (LFSH), und Torsten Kruse, Leiter der forstfachlichen Beratung und Förderung der Abteilung Forst der Landwirtschaftskammer Schleswig-Holstein (LKSH), im Gespräch mit dem Abendblatt.

Schnell wachsenden Bäume waren nach dem Zweiten Weltkrieg gepflanzt worden

,,Wir haben in der Segeberger Heide überwiegend Nadelholz, das in der Geest auf trockenen Sandböden steht. Vor allem die Fichte leidet“, sagt Tim Scherer. Die schnell wachsenden Bäume waren nach dem Zweiten Weltkrieg gepflanzt worden, um den riesigen Bedarf an Bauholz im zerstörten Nachkriegsdeutschland zu decken. Zuvor hatten die Engländer die Wälder in den 1950er-Jahren abgeholzt und hochwertiges Holz als Reparationszahlung beansprucht.

,,Aktuell haben wir es im Unterschied zu früheren Jahren mit kleinteiligem Borkenkäferbefall von drei bis fünf Stämmen an sehr vielen Stellen gleichzeitig zu tun“, sagt Scherer. ,,Dadurch wird das Rücken der Stämme in der Segeberger Heide sehr aufwendig und teuer.“ Gleiches gilt für angrenzende Privatwälder. ,,Was 70 bis 80 Jahre nach dem Aufforsten an den Bäumen verdient wird, wird für die Ernte wieder ausgegeben“, sagt Scherer. Nur Fichten gänzlich ohne oder mit frischem Käferbefall ließen sich vermarkten.

Klimawandel kommt schneller, als von den Forschern erwartet

Um anfällige Monokulturen zu beseitigen, wird seit Jahren Waldumbau betrieben. Die Idee ist also nicht neu, aber Umfang und Bedeutung nehmen rasant zu. ,,Der Klimawandel kommt schneller, als ihn uns die Wissenschaftler vorausgesagt haben“, sagt Scherer. ,,Wenn ein Waldbesitzer 1000 Hektar Fichte hat, kommt er mit dem Umbau nicht mehr hinterher.“

Um kommunale und private Waldbesitzer beim Umbau zu unterstützen, hat der Bund 1,2 Milliarden Euro bereitgestellt. ,,Diese Hilfe ist gut und wird sehr gelobt“, sagt Torsten Kruse. ,,Aber die Mittel werden nicht in dem Umfang abgerufen, wie es sich unsere Landwirtschaftsministerin wünscht.“

Ein Grund: Viele Waldeigentümer müssen auf ihre Rücklagen zugreifen, um den Eigenanteil von 10 bis 30 Prozent zu bezahlen. Bei fünf Hektar Wald sei mit 10.000 Euro Selbstbeteiligung plus Steuern zu rechnen. ,,Wenn ein Waldbesitzer 30 Jahre lang gewartet hat und jetzt nichts für seinen Wald bekommt, lässt er die Finger von einer solchen Investition“, sagt Waldberater Kruse.

Selbst wenn die Förderung 100 Prozent betragen würde, gebe es ein weiteres Problem: ,,Wer soll die Waldbesitzer beraten und das Fördergeld verteilen? Wir suchen händeringend Forstwirte. Nicht nur dafür.“

Die Traubenkirsche bereitet Waldbesitzern große Sorgen

Neben dem Borkenkäfer und Wetterphänomenen macht die Nordamerikanische Traubenkirsche Segebergs Waldbesitzern zu schaffen. ,,Die Nordamerikanische Traubenkirsche hat keine natürlichen Feinde. Sie ist invasiv und verbreitet sich wie die Pest, gerade auf leichten Böden“, sagt Scherer. Würde man den Wald sich selbst überlassen, wäre das Ergebnis ein Wald aus Birken und Traubenkirschen. ,,Das wäre weder gut für die Holznutzung noch die damit verbundene CO2-Bindung in Dachstühlen, Parkettböden etc.“

Wie sieht für ihn der perfekte Wald aus? ,,Die Frage ist, wie sieht der klimastabile Wald aus. Der Wald, der auch noch in 100 und 150 Jahren gut gedeiht“, sagt der Fachmann. ,,Erstens: Keine Experimente. Es gilt, überwiegend heimische Bäume wie Roteiche, Küstentanne, Japanlerche und Douglasie zu pflanzen. Zweitens: Vielfalt ist Sicherheit. Drei bis vier Baumarten zu mischen, sorgt für Stabilität.“ Es gehe vordringlich um Walderhalt. ,,Auch die Staatsforste machen Verlust. Wir sehen unsere Aufgabe darin, den Wald zum Klimaschutz zu erhalten“, sagt Scherer.

Wie sieht die Segeberger Heide in 50 Jahren aus?

Auch ältere Sorten wie Baumhasel, Elsbeere, Speierwald und Edelkastanie würden zur Sicherheit mit fünf Prozent beim Umbau in den Klimawald integriert, ergänzt Kruse. Mit hochwertigen heimischen Laubholzarten wie Eiche, Buche und Ahorn lasse sich auch in Zukunft in der Holzproduktion Geld verdienen. ,,Bäume aus dem Ausland zuzuführen, ist für uns keine Option“, bekräftigt Kruse.

Und wie sieht die Segeberger Heide in 50 Jahren aus? ,,Die Fichte wird keine große Rolle mehr spielen. Aber auch die Buche wird auf sandigen Böden Probleme haben“, sagt Scherer. ,,Douglasie, Roteiche und Eiche werden da sein. Es wird bestimmt nicht die Palme oder die Zeder sein, die dort wächst.“ Resistente Arten wie Bergahorn, Wildkirsche, Flatterulme, auf feuchten Böden auch die Roterle sowie Stil- und Traubeneichen, Rot- und Hainbuchen werden im Wald der Zukunft eine Rolle spielen, betont Waldberater Kruse. Bei den Nadelhölzern werden Kiefern, Wacholder, Eibe und Weißtanne sowie die Rotfichte als Bauholz eine Rolle spielen. ,,Das A und O für einen stabilen Wald ist die richtige Mischung“, sagt Scherer.