Norderstedt

400 Menschen sollen hier die letzte Ruhe finden

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Heike Linde-Lembke
Die Bestatter Anke und Sönke Wulff im künftigen Kolumbarium auf ihrem Grundstück an der Segeberger Chaussee.

Die Bestatter Anke und Sönke Wulff im künftigen Kolumbarium auf ihrem Grundstück an der Segeberger Chaussee.

Foto: Heike Linde-Lembke

Norderstedter Politik stimmte gegen Kolumbarium von Bestatter Wulff an der Bundesstraße 432. Nun gab ihm ein Gericht grünes Licht für den Bau.

Norderstedt.  Das Schleswig-Holsteinische Oberverwaltungsgericht Schleswig hat entschieden: Das Norderstedter Bestattungsunternehmen Wulff darf ein Kolumbarium auf seinem Grundstück zwischen der Segeberger Chaussee und der Alten Landstraße bauen. Schon Ende des Jahres soll es feierlich eröffnet werden.

Das Urteil setzt einen Schlusspunkt hinter eine politische Diskussion und die rechtliche Auseinandersetzung um das Projekt. Seit dem ersten Antrag für den Bau eines Kolumbariums im Oktober 2016 bei der Stadtverwaltung hatte Bestatter Sönke Wulff vergeblich versucht, die Kommunalpolitik mit Vorträgen in den Fraktionssitzungen der Parteien und im Ausschuss für Stadtentwicklung und Verkehr zu überzeugen. Im November 2016 lehnte der Ausschuss das Kolumbarium ab. Die Argumente der Kritiker: Auf Norderstedts Friedhöfen sei Platz genug (CDU), das Urnenhaus könne Anlieger stören, und der Platz an der vielbefahrenen Segeberger Chaussee sei unwürdig (FDP und WiN).

Sönke Wulff ließ den Entscheid rechtlich prüfen. Am 31. Juli 2019 war die letzte Anhörung vor dem Schleswiger Verwaltungsgericht, und jetzt entschied eine Richterin: Das Urnenhaus darf gebaut werden. Die Stadt hat die Einspruchsfrist gegen das Urteil verstreichen lassen – es ist rechtskräftig.

Das Urteil gibt beiden von Wulff gestellten Anträgen statt. Zum einen kann der Bestatter nun ein neues Kolumbarium bauen, zum anderen genehmigte das Gericht auch die Nutzungsänderung im bestehenden Neubau, der baurechtlich in einem Mischgebiet liegt. Begründung: Ein Kolumbarium ist eine christlich-kulturelle Begegnungsstätte, und die darf im Wohngebiet stehen.

Das Kolumbarium ist das Lebensprojekt der Wulffs

Betreiber des Kolumbariums ist das Bestattungsinstitut Wulff, der Träger stehe derzeit noch nicht fest. 700 bis 1000 Euro soll ein Urnenplatz für 15 Jahre kosten. Zum Vergleich: Für die Urnenfächer in einer im Freien stehenden Stele auf den städtischen Friedhöfen verlangt die Stadt laut Friedhofssatzung über 4000 Euro.

„Das Kolumbarium ist unser Lebensprojekt, und wir sind von dem plötzlichen Urteil völlig überrascht, freuen uns aber sehr“, sagen Sönke Wulff und seine Ehefrau Anke Wulff. Sie hätten mit einem Urteil zu ihren Gunsten gar nicht mehr in absehbarer Zeit gerechnet, haben aber schnell reagiert, um ihren Traum vom Kolumbarium zu realisieren. Im inzwischen fertig gebauten und fast vermieteten Wohn- und Geschäftshaus auf dem Grund des alten, ehemaligen Wulff-Möbelhauses wollte das Bestattungsinstitut Büroräume neben dem gerade eröffneten und schon jetzt sehr erfolgreichen Café Nitt einrichten. „Im Eingangsbereich werden wir mit einem Büro präsent sein, doch im hinteren Teil zur Alten Landstraße richten wir jetzt das Kolumbarium mit 400 Urnenplätzen ein“, sagt Sönke Wulff. Die Ausstattung mit Holzparkett-Fliesen ist fast fertig, es fehlen noch die Vorrichtungen für die Urnenfächer, die aus Holz von einem Tischler handgearbeitet werden.

In die Mitte des Kolumbariums wollen die Wulffs einen großen antiken Tisch stellen mit dem Angebot für die Trauernden, kleine Gestecke für die Vasen vor den Urnenfächern zu binden oder auch Steine als Urnenbeilage zu bemalen. Der Clou aber wird die historische Wulffsche Trauerkutsche von 1860 sein, die in dem hallenartigen Raum stehen soll. Auch Nebenräume für Trauergespräche und ein intimer Andachtsraum sind bereits eingerichtet. Ebenso erhalten die Hinterbliebenen einen Tag- und Nachtschlüssel für das Kolumbarium.

„Wir haben schon einige Anfragen für das Kolumbarium und sind uns sicher, auch das Urnenhaus unter der Eiche auf diesem großen Grundstück bauen zu können“, sagt Anke Wulff. Die Anfragen nach einem Urnenplatz im Kolumbarium kommen nicht nur aus Norderstedt, sondern aus der ganzen Region, vor allem auch aus Hamburg-Langenhorn. Es sei den Menschen wichtig, ihre Verstorbenen auf kurzen Wegen besuchen, in einem geschützten Raum trauern oder sich auch mit der Familie und anderen Trauernden nebenan im Café treffen und austauschen zu können. Zudem hat das Bestattungsinstitut die Blumenbinderei „Floristera“ zwischen Kolumbarium und Café gegründet, um den Trauerschmuck direkt liefern zu können. Dafür haben die Wulffs zwei Floristen eingestellt. „Floristera“ ist aber kein öffentliches Blumenfachgeschäft.

„Wir wollen vor allem den Trend zur See- und Friedwald-Bestattung stoppen, denn diese Anonymität wird zum Bumerang für die Hinterbliebenen“, sagt Sönke Wulff. Den Trauernden fehle dort oft der persönliche Ort, um ihre Toten zu besuchen, mit ihnen imaginär zu sprechen, zu schimpfen, zu weinen und zu lachen. „Ein Platz am Strand reicht da plötzlich nicht mehr“, sagt Anke Wulff. Das Kolumbarium aber biete viel Platz für die Urnen, einen geschützten Raum zum Alleinsein und Trauern und trotzdem die Möglichkeit, sich mit anderen Trauernden auszutauschen. „Unsere Toten gehören zu uns Lebenden“, ist sich Sönke Wulff sicher.

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