Schleswig-Holstein

Der Norderstedter, der viele Tricks kennt

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Miriam Opresnik
Der Vorsitzende des Magischen Zirkels Norderstedt, der Zauberer und Bauchredner Hans Peter Müller, mit seiner Lieblingspuppe Ali.

Der Vorsitzende des Magischen Zirkels Norderstedt, der Zauberer und Bauchredner Hans Peter Müller, mit seiner Lieblingspuppe Ali.

Foto: Thorsten Ahlf

Hans-Peter Müller führte lange ein Doppelleben - tagsüber Maurer und Vertriebler, abends Zauberer und Bauchredner.

Norderstedt.  Schon der Titel klingt geheimnisvoll, nahezu mystisch. Magischer Zirkel. Kein Wunder also, dass die Kirche erst einmal Vorbehalte hatte, als sich der Magische Zirkel Norderstedt einmal im Monat in ihren Räumlichkeiten einmieten wollte. Zauberer in der Kirche? Unvorstellbar! Das klang dann doch zu sehr nach Hexen und Mittelalter.

Doch zum Glück kannte Hans-Peter Müller den damaligen Pastor und konnte ihn davon überzeugen, dass ihre Zauberkunst kein übersinnliches Phänomen sei – sondern reines Handwerk. Auch wenn sich die Mitglieder des Magischen Zirkels sonst natürlich damit rühmen möchten, dass sie wirklich zaubern können – in diesem Fall haben sie eine Ausnahme gemacht.

Hans-Peter Müller ist Zauberer mit Leib und Seele

Hans-Peter Müller (68) muss immer noch lachen, wenn er diese Anekdote erzählt. Fast 20 Jahre ist es her, dass er mit ein paar Gleichgesinnten den Magischen Zirkel Norderstedt gegründet hat – eine Ortsgruppe der gleichnamigen nationalen Vereinigung der Zauberkunst. Müller ist der Vorsitzende der Gruppe – und ein Zauberer mit Leib und Seele.

Dabei war sein Einstieg in die Welt der Magie alles andere als zauberhaft. Da er als Jugendlicher oft Blödsinn machte, wurde er oft zu Hausarrest verdonnert. Aus Langeweile begann er in dieser Zeit, die Zeitschriften seines älteren Bruders zu lesen. „Dabei stolperte ich über eine Anzeige für Zaubereibedarf und war sofort elektrisiert“, erinnert sich Müller und erzählt, wie er sich einen Balltrick für 3,50 Mark bestellte – und wie enttäuscht er war, als dieser geliefert wurde.

Die Bälle waren schwer und unhandlich, die Anleitung so kompliziert, dass der Trick nicht klappte. Also pfefferte er alles in den Schrank – und holte es beim nächsten Mal Stubenarrest wieder raus.

Müller ist immer auf der Suche nach Nachwuchszauberern

Zum Zauberlehrling wurde Müller allerdings erst später – von dem Vater eines Freundes, der den Jungs in seinem Blumenladen manchmal Zaubertricks zeigte, erfuhr er vom Magischen Zirkel – und war fasziniert von der Zauberkunst der Mitglieder. „Mir war sofort klar, dass ich das auch lernen will“, sagt Müller, der nach drei Jahren die Aufnahmeprüfung des Magischen Zirkels machen durfte – und bestand. Eine Auszeichnung, denn nicht jeder wird in den Kreis der Magier aufgenommen. „Man muss seine Zauberkunst beweisen – und einfach menschlich da reinpassen“, erklärt Müller, der selbst immer auf der Suche nach Nachwuchszauberern für den Zirkel ist.

Doch Müller kann mehr als Karten- und Balltricks. Er kann sprechen – ohne die Lippen zu bewegen. Bauchreden. Als er das erste Mal einen Bauchredner gesehen hat, mit 25 Jahren muss das gewesen sein, war es um ihn geschehen. „Oh mein Gott, ist das klasse“, hat er gedacht und sofort beschlossen: Das will er auch können.

In einem Spielzeuggeschäft kaufte er sich eine billige Handpuppe, eine Ente, nicht mehr als ein langer Strumpf mit einem Mund zum auf- und zuklappen – und probierte, sie zum Sprechen zu bringen. Es sollte Jahre dauern, bis er die Kunst des Bauchredens beherrschte – doch aufgegeben hat er nie. Sondern immer weiter geübt.

Mit der Ente hatte er seinen ersten großen Auftritt – in der Spielwarenabteilung von Karstadt. Eine Woche lang, jeden Tag drei Vorstellungen. 2400 Mark gab es dafür. „Das war meine erste große Gage!“, sagt Müller und erzählt, wie er das Geld für einen Urlaub auf Mallorca auf den Kopf gehauen hat.

Müller führte ein Doppelleben

Nach der Ente stieg das Multitalent auf einen Raben um, dem er eine tiefe, krächzende Stimme verlieh – und damit fast seine Karriere ruinierte. „Dieses Krächzen ging total auf die Stimmbänder“, sagt Müller und winkt ab. Schlimme Zeit war das. Es bildete sich eine Zyste, die schließlich operativ entfernt werden musste. „Hatte total Angst, dass was schiefgeht und ich nie mehr richtig sprechen – und arbeiten kann“, sagt Müller. Doch er hatte Glück, wurde danach aber vorsichtiger.

Mehr als sein halbes Leben lang führte Müller, der sich Zauberer Mantra nennt, ein Doppelleben. Tagsüber arbeitete er zunächst als Maurer, dann als Vertriebler, Verkaufsfahrer und schließlich Handelsvertreter – abends und am Wochenende als Magier und Bauchredner. Bis er 1998 das Hobby zum Beruf machte – und eine Künstlervermittlung gründete.

Ein paar Jahre lief es gut, dann brachen einige große Kunden weg, und Müller musste sich einen Nebenjob suchen, um über die Runden zu kommen – als Marktbeschicker. „Wenn ich eins kann, dann reden, egal ob mit Bauch oder ohne“, sagt er, lacht und holt zum Beweis gleich mal eine seiner Handpuppen.

Müllers Lieblingspuppe ist das Kamel Ali

Fünf Stück hat er inzwischen: den Frosch Manolito, den Raben Henry, den Pastor Hinnark, das Kamel Ali und Dr. Ruckstein – ein blaues Wesen mit grüner Nase, das an einen Außerirdischen erinnert. Sein Liebling ist – auch wenn er das so leise sagen muss, dass die anderen das nicht hören – Ali.

Ein Kamel mit blauem Anzug, Lodenhut und Sonnenbrille, das ihm sein Sohn aus Amerika mitgebracht hat. Von einem Flohmarkt. 20 Jahre ist das her, und viele Jahre davon lag Ali im Schrank. „Im Koma“, wie Müller sagt. „Irgendwie wusste ich nichts mit ihm anzufangen, bis plötzlich der Knoten platzte und ich mit ihm losspielen konnte.“

Dass er eine seiner Puppen irgendwo verlieren könnte – das kann er sich nicht vorstellen. „Genauso wenig, wie man sein Kind irgendwo vergessen würde“, ist sich Müller sicher. Er hat selbst zwei Kinder. Seine Tochter hat einige Jahre mit ihm zusammen gezaubert, hat sich dann aber ein anderes Hobby gesucht – sehr zu seinem Bedauern.

Lampenfieber hat Müller heute kaum noch – es sei denn, er tritt vor anderen Zauberern auf. „Die gucken natürlich besonders genau hin – daher muss man da perfekt sein.“ Aus diesem Grund hört er nie auf zu üben. Seine Tricks verrät der große Mantra natürlich nie. Es soll ja ein bisschen magisch bleiben!

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