50 Jahre, 50 Köpfe

Hans-Peter Herda ist auch ein bisschen Robin Hood

| Lesedauer: 8 Minuten
Miriam Opresnik
Bogenschütze Hans Peter Herda auf der Schießanlage am Schierkamp in Norderstedt.

Bogenschütze Hans Peter Herda auf der Schießanlage am Schierkamp in Norderstedt.

Foto: Thorsten Ahlf

50 Geschichten von 50 Norderstedtern zum 50. Geburtstag der Stadt: Heute der Bogenschütze Hans-Peter Herda.

Norderstedt. Manchmal, wenn er abends zum Training will, fragen ihn seine Kollegen, ob er wieder in den Sherwood Forest fährt. Eine Anspielung, naheliegend bei seinem Hobby. Hans-Peter Herda (54) lächelt, wenn er das hört. Er kennt all diese Sprüche, diese Andeutungen auf Robin Hood. Und so falsch sind sie auch gar nicht.

Schließlich hatte er schon als Kind ein Faible für Rebellen, Helden. Für Seeräuber, Cowboys, Indianer. Und natürlich auch Robin Hood, jenen Helden, der mit Pfeil und Bogen für soziale Gerechtigkeit gekämpft hat – und dessen Abenteuer Hans-Peter Herda so gerne im Eppendorfer Moor oder dem Niendorfer Gehege nachgespielt hat. Mit selbstgebauten Bogen aus einer Weidenrute und Pfeilen, die er sich aus Stöckern geschnitzt hat.

Herda fing mit zehn Jahren mit Bogenschießen an

Ob Herda ohne Robin Hood auch zum Bogenschießen gekommen wäre? Er zuckt mit den Achseln. Ganz so einfach ist es nicht. Er hätte sich auch vorstellen können, zu fechten. So wie die Drei Musketiere. Angefangen hat er mit gerade mal zehn Jahren, 1976 war das. Zwei Jahre, nachdem Deutschland Weltmeister wurde und alle Jungs nur noch Fußball spielen wollen. Er nicht. In der Schule bekommt er manchmal von den Lehrern zu hören, dass er endlich mal gerade sitzen soll, nicht so einen krummen Rücken machen soll. Die Leute denken, dass er eine schlechte Haltung hat. An eine Krankheit denkt niemand. Zunächst.

Bis ein Arzt, ein Orthopäde feststellt, dass er Morbus Scheuermann hat, eine Verkrümmung der Wirbelsäule. Man rät seiner Mutter zu „brachialen Methoden“, wie er es nennt – zu einem Gipsbett. Sie lehnt ab, sucht nach Alternativen. Von einem Bekannten hört sie, dass Bogenschießen gut für den Rücken sein soll, weil die Muskulatur gestärkt wird. „Als ich eines Tages von der Schule nach Hause kam hieß es einfach: Donnerstag gehst du zum Training“, erinnert sich Herda.

Im Herbst war das, kurz nach Beginn der „Hallensaison“. Die Halle, in der sie trainieren ist der Fahrradkeller des Johanneums. Dunkel, lang, schmal, nicht gerade hoch. Manchmal kaum hoch genug zum Schießen. Alles andere als optimal. Herda erinnert sich, wie sein Bogen manchmal mit der Spitze an die Decke gestoßen ist. Erinnert sich, dass er am Anfang kaum getroffen hat. Dass alles anders als in seiner Vorstellung war. Und dann erinnert er sich an noch etwas: Wie glücklich er war. Wie spannend er es alles fand.

Ihm geht es nicht ums Treffen. Sondern ums Machen. „Ich war ja nicht da, um allen zu zeigen, dass ich es schon kann. Sondern um es zu lernen.“ Es ist ein Satz, der sein Leben geprägt hat. Den er bis heute anderen mitgibt, die am Anfang eines Weges stehen. Anderen Sportlern, aber auch den Studenten und Doktoranden zum Beispiel, die er an der Bundeswehruniversität betreut.

Der erste Bogen kostete 800 Mark und kam aus Berlin

Er arbeitet im Fachbereich Elektrotechnik an der Professur für Experimental-Physik und Materialwissenschaften, unterstützt die Studenten bei ihren technischen Versuchen. Wenn er auf seinen eigenen Weg zurückblickt, bleibt er an einigen Stationen hängen: sein erster Bogen, ein Geschenk zu Weihnachten, den sein Vater bei einem Händler in Berlin gekauft hat – extra dahingefahren ist. 1977 war das, als es kaum Anbieter gab, und das Internet schon gar nicht. 800 Mark hat er gekostet.

Dann sein erstes Turnier, bei dem er gleich den zweiten Platz belegte, nur zwei Jahre, nachdem er mit Bogenschießen begonnen hatte. Seine Qualifikation für die Deutsche Meisterschaft, wieder ein Jahr später. Von 79 Schülern ist er Vorletzter geworden. Zweitschlechtester – so würden das andere vielleicht bezeichnen. Herda nicht, nie. Er wusste, dass er zu den 79 besten jugendlichen Bogenschützen Deutschlands gehört.

Vizemeister im Bogenschießen

1979 war das – und seitdem hat er an jeder Deutschen Meisterschaft an der Freiluft teilgenommen, einmal ist er Vizemeister geworden. Bis irgendwann Schluss war. Fast 20 Jahren, nachdem er mit dem Bogenschießen begonnen hatte, konnte er plötzlich nicht mehr weitermachen. „War einfach alles zu viel“, sagt Herda und erzählt von gescheiterten Beziehungen, beruflichen Veränderungen, neuen Jobs und Herausforderungen.

Nach der Mittleren Reife hat er Feinmechaniker gelernt, erst bei Philipps und dann bei Olympus gearbeitet. Es folgten eine Ausbildung zum Maschinenbau-Techniker, ein Job als Werkzeug-Konstrukteur und schließlich im EDV-Bereich. In der Erzählung verschmelzen Jahre zu Minuten. Es sind Jahre, in denen er immer wieder umzieht. Seinen Bogen nimmt er jedes Mal mit. Ans Aufhören hat er nie gedacht. Er wollte nur eine Pause machen. Dass diese allerdings so lange dauern würde, damit hat er selbst nicht gerechnet.

Erst in Norderstedt kommt die Leidenschaft zurück

Es werden 17 Jahre. Erst als er nach Norderstedt umzieht, kommt es zum Neuanfang. Die dortige Schützengemeinschaft kennt er noch aus seiner aktiven Zeit. Irgendwann geht er einfach zum Training. Man erkennt ihn sofort wieder. Sein erstes Mal ist anstrengend, seine Muskeln schmerzen. Doch da ist noch mehr, als dieses Brennen in den Armen, die Schmerzen im Rücken. Da ist dieses Gefühl. Das Gefühl, zurückzukommen, Heimzukehren.

Die Abläufe sind vertraut, er hat nichts verlernt. Es sei wie beim Fahrradfahren, sagt er. Wenn Herda über sich und das Bogenschießen spricht, benutzt er Worte wie pedantisch. Perfektionistisch. So sei er beim Training. „Ich habe immer Probiert, die Abläufe beim Schuss zu perfektionieren“, sagt Herda. Anderen geht es beim Bogenschießen um die Entspannung, die Ruhe. Ihm geht es um den Spaß. Er ist Jemand, bei dem sich Hingabe und Begabung vereinen.

„Vermutlich habe ich mehr Talent als Trainingseifer“

„Vermutlich habe ich mehr Talent als Trainingseifer“, sagt Herda und greift nach seinem Bogen. Ein paar Meter vor ihm liegt der Trainingsplatz entfernt. In einer Entfernung von 30 bis 70 Meter sind zehn Scheiben aufgebaut, die Zielscheibe ist an großen Strohscheiben befestigt. Schwarz, blau, rot, gelb. Gelb ist in der Mitte. „Bei uns heißt es nicht, voll ins Schwarze getroffen - sondern ins Gelbe. Ins Goldene. Weil Gold so selten ist“, sagt Herda, und zieht aus seinem Köcher einen Pfeil. Er aus Carbon. Herda trägt einen Armschutz, damit ihn die zurückschnellende Sehne nicht verletzt. Die Kräfte beim Bogenschießen sind enorm. Herda hat 34 Pfund Zuggewicht zum Schießen.

Der Pfeil ist so schnell, dass er nicht zu sehen ist. Nur zu hören. Ein Zischen in der Luft, dann ein Aufprall im Ziel. Er hat ins Gelbe getroffen. Auf seinem Köcher klebt ein Aufkleber: Team Bundesliga steht drauf. Letztes Jahr war seine Mannschaft in der Regionalliga – der Aufstiegsklasse in die Bundesliga. Schon ein paar Mal hat er es geschafft, mit einem Pfeil einen anderen zu spalten. Manche nennen das auch Robin-Hood-Schuss.

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