Erfolgreicher Widerstand

„Buntes Sülfeld“ dokumentiert Protest gegen rechts

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Oktober 2019: Zuschauer halten ein Schild hoch mit der Aufschrift „Kein Mensch braucht Nazis - weder in Sülfeld noch anderswo“ bei einer Versammlung gegen Rechtsextremismus der Turnhalle im Vorfeld eines Ligaspiels der Handball-Frauen des SV Sülfeld gegen den HSG Tils Löwen 08. Foto: Georg Wendt/dpa +++ dpa-Bildfunk +++

Oktober 2019: Zuschauer halten ein Schild hoch mit der Aufschrift „Kein Mensch braucht Nazis - weder in Sülfeld noch anderswo“ bei einer Versammlung gegen Rechtsextremismus der Turnhalle im Vorfeld eines Ligaspiels der Handball-Frauen des SV Sülfeld gegen den HSG Tils Löwen 08. Foto: Georg Wendt/dpa +++ dpa-Bildfunk +++

Foto: Georg Wendt / dpa

Der Erfahrungsbericht nach dem Motto „Wehret den Anfängen“ könnte ein Modell für andere Städte und Gemeinden sein.

Sülfeld . Momentan herrscht Ruhe in Sülfeld und Umgebung. Aktivitäten von Rechtsextremisten des Aryan Circle Nord (Arischer Kreis) seien nicht festzustellen, Straftaten nicht bekannt, sagt die Polizei. Das war vor einem halben Jahr noch ganz anders. Im Oktober wurde der 3300-Einwohner-Ort zum Zentrum des vom Verfassungsschutz als rechtsextremistische Gruppierung eingestuften Aryan Circle Nord (ACN).

Der 23-jährige Marcel S. aus Bornhöved soll am 17. Oktober mehrere Teilnehmer, die vom ACN in Sülfeld verteilte Aufkleber entfernten, durch Schläge und Reizgas verletzt haben. Er wurde wegen gefährlicher und vorsätzlicher Körperverletzung sowie weiterer Delikte vom Amtsgericht Neumünster zu zwei Jahren und sieben Monaten Gefängnis verurteilt. Das war Auftakt, Höhepunkt und zugleich Ende des ACN in Sülfeld.

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Von Beginn an haben sich die Sülfelder gegen die Rechtsextremisten gewehrt, haben sich unter dem Motto „Buntes Sülfeld“ zusammengeschlossen und mit vielen Aktionen Widerstand geleistet. Jetzt haben sie den Protest dokumentiert. Frieder Schwarz von „Buntes Sülfeld“ sieht im Erfahrungsbericht nach dem Motto „Wehret den Anfängen“ ein Modell für andere Städte und Gemeinden, die das Einsickern von Rechtsextremisten verhindern wollen.

Schwarz betont, dass der erfolgreiche Kampf gegen die Neonazis nicht nur auf dem Engagement der Bürger fuße. Die Polizei war von Beginn an eingebunden, der damalige Innenminister Hans-Joachim Grote bezog öffentlich Stellung gegen rechtsradikale Ideologien und würdigte den Einsatz der Sülfelder.

Hundert Menschen beteiligten sich an den Protestaktionen

Pastor Steffen Paar setzte sich an die Spitze des Widerstands, der Musiker Baldikin stellte das Rap-Video „Sülfeld – wir sind mehr“ online. Er und andere Bewohner des Ortes traten vor der Kamera gegen rechtsextremistische Aktivitäten auf. Mehrere Hundert Menschen beteiligten sich an Protestaktionen, zu denen unter anderen die Handballerinnen des SV Sülfeld aufgerufen hatten. Etwa 800 Menschen setzten in der Sülfelder Sporthalle unter dem Motto „Sülfeld ist bunt – wir sind mehr“ ein Zeichen gegen die Aktionen der Neonazis.

Frieder Schwarz nennt weitere Aktivitäten: Putzgruppen entfernten umgehend Nazi-Aufkleber im Dorf. Nahezu alle Vereinigungen und Verbände in der Gemeinde unterzeichneten die Sülfelder Erklärung, ein Bekenntnis gegen Gewalt und für die Rechtsstaatlichkeit, für ein offenes, tolerantes und angstfreies Gemeindeleben. Diese Erklärung wurde einstimmig von der Gemeindevertretung beschlossen.

Braunen Kaffee statt brauner Gesinnung bot Pastor Paar regelmäßig auf dem Marktplatz an und damit Gelegenheit zur Auseinandersetzung mit diesem Thema. Verantwortliche im Schul- und Jugendbereich erhielten für ihre Arbeit mit Jugendlichen umfangreiche Informationen über den Umgang mit rechter Propaganda, da gerade „Jugendliche auf dem Lande Ziel der unterschwelligen Anwerbung durch den Aryan Circle sind“.

Nach wie vor beobachtet die Polizei rechtsextremistische Aktivitäten sehr genau. „Wir stehen weiterhin im engen Austausch mit dem Fachkommissariat K 5 in Kiel, der Staatsanwaltschaft Kiel und den hiesigen Behörden“, sagt Sandra Firsching, Sprecherin der Polizeidirektion Segeberg.

( ms )

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