Norderstedt

Ein Kompetenz-Test gegen den Studienabbruch

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Michael Schick
Aufgepasst bei der Berufswahl: Schüler informieren sich bei der „Jobtour“ bei Schülke & Mayr über Berufe in der chemischen Industrie.

Aufgepasst bei der Berufswahl: Schüler informieren sich bei der „Jobtour“ bei Schülke & Mayr über Berufe in der chemischen Industrie.

Foto: www.sebastian-engels.de / EGNO

Anhand von Norderstedter Schülern entwickelter Kompetenz-Check für Abiturienten. Viele fühlen sich nicht gut auf die Arbeitswelt vorbereitet.

Norderstedt.  Fast jeder dritte Studierende bricht das Studium ab, die meisten in der Frühphase, knapp jeder siebte nach dem sechsten Semester. „Das ist eine erschreckende Quote, die nicht nur die jungen Leute frustriert, sondern auch den Fachkräftemangel erhöht und volkswirtschaftlichen Schaden anrichtet“, sagt David Scheffer, Professor an der Nordakademie. Dort kümmert er sich intensiv um die Nachwuchsförderung – und arbeitet nun an einem bundesweit einzigartigen Projekt mit: Gemeinsam mit einer externen Firma und der Norderstedter Bildungsgesellschaft (NoBig) will Scheffer einen Kompetenztest für künftige Abiturienten erarbeiten – eins von 15 Projekten in Deutschland, das das Bundesforschungsministerium finanziell fördert.

Anlass ist eine alarmierende Erkenntnis, die Patrick Pender gewonnen hat. Der Norderstedter CDU-Politiker studiert an der Nordakademie und hat für eine Hausarbeit Oberstufenschüler des Gymnasiums Harksheide befragt, ob sie sich ausreichend auf das Berufsleben vorbereitet fühlen. „Von den 78 Befragten haben 90 Prozent der Berufsvorbereitung die Note mangelhaft gegeben“, sagt Pender. Und das, obwohl sie gerade eine Woche vorher das zweiwöchige Wirtschaftspraktikum absolviert hatten.

„Der Einblick in die Arbeitswelt ist auf jeden Fall gut, reicht aber nicht“, sagt Professor Scheffer. Der Markt der Möglichkeiten nach dem Abi sei kaum zu überblicken. Das Deutsche Studentenwerk nennt 14.500 Studiengänge, das Centrum für Hochschulentwicklung hat vor gut zwei Jahren sogar 19.000 Studiengänge ermittelt. Hinzu kommen 326 Ausbildungsberufe – dass die jungen Leute angesichts dieser Masse den Überblick verlieren und resignieren, sei nicht verwunderlich, sagt der Wissenschaftler.

Viele wissen nicht, was sie wollen und was sie können, hat Scheffer in den zahlreichen Tests herausgefunden, die er für die Nordakademie mit künftigen Studierenden absolviert hat und weiterhin absolvieren wird. Der Wissenschaftler hat dabei vor allem die Naturwissenschaften und speziell die Informatik im Blick. Da suchten die Unternehmen verzweifelt Fachkräfte, doch der Markt sei leer gefegt. „Viele wissen gar nicht, dass sie gute Programmierer wären“, sagt Scheffer.

In der Schule stecken die Jugendlichen in einem engen Korsett, lernen für Klausuren, können Kompetenzen wie hohe Kommunikationsfähigkeit im 45-Minuten-Rhythmus und im Klassenverbund, wo möglichst alle zu Wort kommen sollen, nur begrenzt entfalten, sagt Marlen Reimers, Geschäftsführerin der NoBig, die mit dem Kompetenztest für Gymnasiasten Neuland betritt. „Wir bereiten schon seit rund zehn Jahren Schüler der siebten Klassen auf die Berufswelt vor und arbeiten mit sieben Gemeinschaftsschulen in Norderstedt und Umgebung zusammen“, sagt sie. Zwei Tage dauert die Potenzialanalyse, Stärken und Schwächen erkennen, die Persönlichkeit scannen, Interessen entdecken.

Es folgen zwei Wochen in einer der NoBig-Werkstätten. Folgende Berufsfelder stehen zur Auswahl: Hotel/Gastronomie/Hauswirtschaft/Ernährung; Farbe- und Raumgestaltung; Metall; Garten- und Landschaftsbau; IT und Medien; Wirtschaft und Verwaltung; Friseur und Kosmetik; Gesundheit, Erziehung und Soziales.

„Mit 13 sind diese Schüler natürlich noch relativ jung, und bis zum Start ins Berufsleben kann sich noch viel verändern“, sagt Reimers. Mit dem Forschungsprojekt haben sie und die Projektpartner die älteren Gymnasiasten im Blick. 45 Minuten soll es dauern, um herauszufinden, ob jemand ein analytischer oder intuitiver Typ ist, kommunikative Stärken hat und sich zum Netzwerken eignet, oder lieber ungestört auf Algorithmen herumdenkt.

„Natürlich werden wir auch Interessen und Intelligenz ermitteln. Aber auch da gibt es ja ganz unterschiedliche Ausprägungen, von der Alltagskompetenz bis zur emotionalen Intelligenz“, sagt die NoBig-Chefin. Anschließen sollen die Jugendlichen drei bis vier Tage in einer der Werkstätten arbeiten. „Das Verhalten dort ergänzt das Bild“, sagt Professor Scheffer.

Es gehe nicht darum, den jungen Leuten am Ende konkrete Berufsvorschläge zu machen. „Wir wollen den Suchraum eingrenzen“, sagt der Wissenschaftler, der jetzt, wie seine Mitstreiter, gespannt den Projektergebnissen entgegensieht. 25 Jugendliche vom Lessing-Gymnasium sollen die Versuchskaninchen sein.

„Das eine ist, dass sie sich besser orientieren können. Für uns heißt es dann, den Test auf seine Tauglichkeit hin zu überprüfen“, sagt Marlen Reimers. Die Ergebnisse wird sie dann zusammen mit den Vertretern der 14 anderen Forschungsprojekte Ministerin Anja Karli­czek präsentieren und hofft, dass weiterhin Fördergeld vom Bund nach Norderstedt fließen wird.

„Ziel ist, dass wir diesen Test dauerhaft den Norderstedter Gymnasien anbieten können“, sagt Initiator Patrick Pender. Da stehen die Chancen gut: „Die Ministerin hat dem Thema Berufsvorbereitung hohe Priorität eingeräumt.“

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