Kreis Segeberg

Sievershütten: Ein lauter Streit um die Ruhe im Wald

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Jörg Riefenstahl

Bürger wollen einen Ruheforst bei Sievershütten verhindern. Sie fürchten Schäden für die Bäume, das Grundwasser und die Dorfgemeinschaft.

Sievershütten. In der kleinen Gemeinde Sievershütten, 20 Kilometer nördlich von Norderstedt in ländlicher Umgebung gelegen, geht es für gewöhnlich recht ruhig zu. Doch seit einiger Zeit sorgt der Plan der RuheForst GmbH, auf einem Teilstück des Sievershüttener Waldes einen Bestattungswald einzurichten, für Zündstoff unter den Bewohnern.

In den kommenden Jahren sollen 8000 bis 10.000 Urnen im Sievershüttener Wald ihre letzte Ruhestätte finden. Die dafür vorgesehene Fläche von acht Hektar entspricht in etwa der Größe von elf Fußballfeldern.

Um die Pläne der RuheForst zu verhindern, haben die Gegner des Bestattungswaldes in der 1100-Seelen-Gemeinde eine Interessengemeinschaft (IG) gegründet. Sie wollen einen Bürgerentscheid über die Urnengräber in ihrem Dorf erwirken. Voraussetzung für den Entscheid ist ein Bürgerbegehren. Die Kommunalaufsicht des Kreises Segeberg hat dem Verfahren jetzt zugestimmt.

Der Bürgermeister sieht den Ruheforst als Gewinn

Waldeigentümer Hans-Burkhard Fallmeier, der bereits einen Bestattungswald in Hartenholm betreibt, und Stefan Weber, der Bürgermeister der Gemeinde, halten den Ruheforst in Sievershütten für eine gute Idee. Weber verspricht sich von den Ruhestätten im Schatten der Bäume einen Gewinn für das gesamte Dorf. Die beiden Gaststätten im Dorf etwa könnten von Trauerfeiern profitieren. Weber erhofft sich zusätzliche Steuereinnahmen für dringend nötige Investitionen für die in die Jahre gekommene Infrastruktur des Dorfes.

Doch schon bei der Vorstellung des Ortsentwicklungskonzeptes im Frühjahr 2019 hatte sich Widerstand gegen den Ruheforst formiert. Seitdem wird auf Informationsveranstaltungen, in Einwohnerfragestunden und im Gemeinderat immer wieder lebhaft und heftig über das Für und Wider eines Bestattungswaldes im Dorf diskutiert. In einer Umfrage der Interessengemeinschaft sollen sich etwa zwei Drittel der Dorfbewohner gegen den Ruheforst ausgesprochen haben. Da die Umfrage nicht rechtsbindend war, verhallte das Ergebnis weitgehend beim Bürgermeister und den Gemeindevertretern.

Doch die Interessengemeinschaft gibt nicht auf, im Gegenteil: Überzeugt davon, dass sich die Verkehrssituation im Dorf durch die zu erwartenden Bestattungsaktivitäten und zahlreiche Besucher in den kommenden Jahren deutlich verschlechtern werde und angesichts von zwei bereits vorhandenen Bestattungswäldern im wenige Kilometer entfernten Kisdorf und in Hartenholm bezweifeln sie zudem, ob es überhaupt Bedarf an einem dritten Bestattungswald in der Gegend gibt. Vor allem aber befürchten die Gegner des Bestattungswaldes, dass die Totenasche den Waldboden und das Grundwasser belasten könnte.

Beschädigte Bäume und Schadstoffe im Grundwasser?

Den Angaben des Waldeigentümers zufolge ist mit 16.000 bis 30.000 Kilo Asche zu rechnen.,,Mir kann niemand erzählen, dass das Wurzelgeflecht nicht verletzt wird, wenn man wie geplant bis zu zwölf Urnen um einen Baum herum eingräbt“, sagt Imme Demos, eine der Initiatorinnen und Sprecherin der IG Sievershütten. ,,Was ist, wenn sich die biologisch abbaubaren Urnen bei Starkregen oder Staunässe rasch auflösen und die Asche unkontrolliert ins Erdreich und ins Grundwasser gelangt?“

Genau weiß das heute noch niemand. Erfahrungen fehlen. Fachleute verweisen in dem Zusammenhang in der Regel auf Handlungsempfehlungen und Studien des Umweltbundesamtes (UBA) zum Thema Bestattungswälder. Demzufolge sind in der Totenasche Schwermetalle wie Chrom, Nickel und Cadmium enthalten, wobei hochgiftiges Chrom nach Erkenntnissen des UBA vor allem beim Verbrennungsprozess in die Humanasche gelangt.

Die Beisetzung biologisch abbaubarer Urnen sei dagegen unbedenklich. Um eine Vermengung giftiger Schwermetalle mit dem Grundwasser und eine Belastung des Bodens zu vermeiden, sei der pH-Wert des Bodens, der Abstand der Urnen zum Grundwasser (mindestens ein Meter) und die Schwermetallvorbelastung zu beachten.

,,Laut Bodenschutzverordnung soll eigentlich gar nichts in den Wald“, betont Andreas Morgenroth, Landschaftsplaner aus Hamburg, der in Sievershütten schon mehrfach auf Informationsveranstaltungen aufgetreten ist. Bei einer erhöhten Vorbelastung des Waldes durch Luftschadstoffe etwa verbiete sich ein Bestattungswald. ,,Die Boden- und Stauwasserverhältnisse sowie die Hintergrundbelastung mit Schwermetallen sind zu berücksichtigen. Wir kennen in Sievershütten nicht einmal den Grundwasserstand“, sagt Morgenroth.

Dass Schwermetalle in der Asche sind, lasse sich nicht leugnen, sagt Matthias Budde, Assistent der Geschäftsleitung der RuheForst GmbH, die deutschlandweit bereits 67 Bestattungswälder eröffnet hat – darunter den in Hartenholm. Es sei vielmehr die Frage zu klären, inwieweit von der Asche eine schädigende Wirkung ausgehe.

Buddes Ansicht nach müsse man ,,ein Vielfaches der menschlichen Asche dort eintragen“, um eine toxische Wirkung zu erzielen. Das UBA konstatiert, dass durch Schwermetalleinträge aus Urnen in aller Regel keine schädlichen Bodenveränderungen zu erwarten seien.

Auf Standorten mit bereits erhöhten Schwermetallgehalten im Boden allerdings könne es durch zusätzliche Einträge zu Überschreitungen der Vorsorgewerte der Bundesbodenschutzverordnung kommen. Ein Meter Abstand von Urnen zum Grundwasser zu halten sei in Sievershütten kein Problem, sagt Budde. Im Auftrag der Landwirtschaftskammer seien Bodenproben entnommen worden. Außerdem würden die Umwelt- und Naturschutzbehörden und die Träger öffentlicher Belange wie Umweltverbände in ein Genehmigungsverfahren einbezogen.

Der massive Widerstand der Dorfbewohner hat aus Buddes Sicht andere Ursachen. ,,Es stört die Leute, dass im Wald etwas passiert. Sie trauen sich nicht mehr, im Wald spazieren zu gehen, wenn eine Beisetzung stattfindet. Anlieger befürchten außerdem einen Wertverlust ihrer Häuser – und sie sorgen sich um ihre Kinder.“

Eltern befürchten, so Imme Demos, dass der Parkplatz für die Kita und die Grundschule nicht mehr ausreicht, wenn Trauergesellschaften Sievershütten gezielt ansteuern. Außerdem sei im Dorf zu hören, dass es vor allem auf Kinder befremdlich wirken könne, wenn Besuchergruppen den Forst auf der Suche nach dem schönsten Baum für ihre Urne durchstreifen. ,,Ich kann verstehen, dass es Bedenken gibt“, sagt Torsten Kruse, Oberforstrat der schleswig-holsteinischen Landwirtschaftskammer, die die Trägerschaft für zehn Bestattungswälder in Schleswig-Holstein, Mecklenburg Vorpommern und Brandenburg übernommen hat. Kruse geht davon aus, dass ,,viel mehr Menschen durch den Wald laufen werden als bisher“. Das Einzugsgebiet des Bestattungswaldes erstrecke sich seiner Einschätzung nach von Hamburg, Norderstedt, Kaltenkirchen bis Bad Segeberg. Der Besucherstrom lasse sich jedoch zeitlich regeln – indem beispielsweise vormittags mit Rücksicht auf das Schulzentrum und sonntags gänzlich auf Beisetzungen verzichtet werde.

Der Sievershüttener Wald sei mit seiner eigenen Ästhetik hochattraktiv. ,,Sievershütten hat viele schöne krumm und schief gewachsene Bäume. Eine Au fließt mitten durch den Wald“, schwärmt Kruse. Man könne den Wald naturnah gestalten, etwa indem man Flachwasserbiotope anlegt und die Wünsche der Bevölkerung berücksichtige.

Da jeder Urnenplatz nur einmal für 99 Jahre vergeben werde, sei das Waldstück bis in die 2130er-Jahre und noch weit darüber hinaus von einer kommerziellen Forstbewirtschaftung ausgenommen und könne sich naturnah entwickeln, ergänzt Waldbesitzer Fallmeier. Der Bestattungswald in Hartenholm erreiche in den nächsten Jahren seine Kapazitätsgrenze. Er könne sich vorstellen, in Sievershütten eine Waldkindergruppe ins Leben zu rufen.

Damit das Quorum der Dorfbewohner zustande kommen kann, müssen mindestens zehn Prozent der rund 900 Wahlberechtigten beim Bürgerbegehren mit ,,Ja’’ stimmen.

Die Interessengemeinschaft um Imme Demos hat sechs Monate Zeit, die nötigen Unterschriften zu sammeln. Weder diese noch der Bürgermeister zweifeln daran, dass das Quorum zustande kommen wird.

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