Quarantäne-Tagebuch

Für den deutschen Spargel geben wir alles

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Jan Schröter
Jan Schröter schreibt hier jeden Tag aus der Quarantäne.

Jan Schröter schreibt hier jeden Tag aus der Quarantäne.

Foto: Jan Schröter / Schröter

Hamburger, die in Schleswig-Holstein Spazieren gehen wollen, werden zurückgeschickt, aber Erntehelfer werden aus dem Ausland eingeflogen.

Kreis Segeberg.  Ostern wäre geschafft, puh. So ganz ohne Stress ist irgendwie auch Stress. An „normalen“ Ostertagen ist ja jede Menge Zirkus: Aufgeregte Kinder bei der Eiersuche, Verwandtenbesuche, Ausflüge… da ist man heilfroh, dass Karfreitag und Ostermontag das Festwochenende verlängern, weil man sonst gar nicht alle Termine und Aktivitäten unterbringen könnte. Aber so gar nichts los – nein, das ist es irgendwie auch nicht.

Nun ist es geschafft. Das sagen sich vermutlich auch die Spargelbauern, deren osteuropäische Erntehelfer endlich doch eingetroffen sind. Da sieht man mal wieder, zu welchen Höchstleistungen die Menschen imstande sind, wenn wirklich etwas auf dem Spiel steht. Der Spargelgenuss ist in Gefahr? Kurzerhand legen die Bauern das Geld für Chartermaschinen auf den Tisch, die Politik beschließt in Rekordzeit Sonderregelungen für die Einreise von Erntehelfern.

Einerseits werden im Duvenstedter Brook Hamburger Spaziergänger beim Übertreten der Demarkationslinie nach Schleswig-Holstein polizeilich gestoppt und abgemahnt, andererseits stehen im Handumdrehen Tausende Rumänen und Polen mit präsentierten Spargelstechern vor den Folientunneln.

Und für uns, die wir zu lahm, zu ungeschickt oder schlicht zu bequem zum Spargel ernten sind, ist der Frühling gerettet. Dafür werden wir anstandslos happigste Preise für Spargel mit Kerosinzulage löhnen, ohne mit der Wimper zu zucken.

Während zurzeit alle Business-Typen in Nadelstreifen ihre früher so unvermeidlichen Geschäftstermine (Flieger Hamburg – München, eine Stunde Konferenzgelaber, zwei Stunden Mittagessen, Flieger zurück, Arbeitstag gelaufen) klimafreundlich per Videochat im Homeoffice erledigen, sind Erntehelfer der neue Jetset.

Ja, wenn’s wirklich darauf ankommt, dann schreckt uns kein Virus und auch keine miese Ökobilanz, und Geld dafür ist auch immer genug vorhanden. Es ist wirklich ermutigend, diese zielgerichtete, unwiderstehliche, unaufhaltsame menschliche Energie walten zu sehen. Geht doch, möchte man ausrufen. Um sich sodann ratlos am Kopf zu kratzen: Warum geht das, wenn auf dem Acker ein paar Stangen blasses Gemüse zu verrotten drohen – aber wenn es darum geht, 50 unbegleitete Kriegskinder aus einem elenden, griechischen Flüchtlingslager aufzunehmen, muss man erst wochenlang darüber diskutieren?

Eigentlich müsste man die Kinder einfliegen. Und gerne noch einige Personen als Betreuer, meinetwegen auch aus Osteuropa. Ich glaube sogar, dann würde uns vielleicht der Spargel noch besser schmecken. Und, mal ehrlich: Teurer als für den Rest der Saison sämtliche Erntehelfer für Spargel, später für die Erdbeeren, Äpfel, Birnen, Weinlese und so weiter einzufliegen, wird es bestimmt nicht. Falls Geld in Zusammenhang mit der Rettung von Kindern in Not überhaupt ein moralisch zulässiges Kriterium ist.

Ostern war für uns diesmal anders. Im Fokus stand kein Festmahl, sondern die Abwesenheit der Familie. Sowas ist nicht schön. Also: Lasst die Kinder nicht alleine. Nirgendwo.

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