Kreis Segeberg

Polizei will Entstehung von Clan-Kriminalität verhindern

| Lesedauer: 4 Minuten
Bei der Durchsuchung am 12. März wurde in Kaltenkirchen der jüngste der drei Brüder festgenommen.

Bei der Durchsuchung am 12. März wurde in Kaltenkirchen der jüngste der drei Brüder festgenommen.

Foto: HA

Polizei stellt Schlagwaffen sicher. Die Ermittlungen gegen Brüder einer armenischen Familie und Komplizen dauern an.

Kaltenkirchen/Henstedt-Ulzburg. Nach der Razzia bei einer armenischen Großfamilie in Kaltenkirchen hat die Staatsanwaltschaft eine erste Bilanz gezogen. Bei der Durchsuchung von drei Wohnungen, einer Shisha-Bar und einem Imbiss haben Polizisten am 12. März Totschläger, Teleskopschlagstöcke, einen Baseballschläger und andere Schlagwaffen sichergestellt, sagt Oberstaatsanwalt Michael Bimler. Die Ermittlungen gegen drei Brüder der Familie und Komplizen wegen gefährlicher Körperverletzung gehen weiter. Bei der Durchsuchung waren 75 Polizisten, darunter eine Spezialeinheit, im Einsatz, die am Krückauring den jüngsten der drei Brüder festnahm.

Die Männer verbreiten Angst in der Gastro-Szene

Die Männer sorgen seit geraumer Zeit mit Prügelattacken für Angst in der Gastro-Szene in Kaltenkirchen und Henstedt-Ulzburg. „Es schien, als wollten die ein Schreckensregime in Kaltenkirchen und dem Umland durchsetzen“, sagte ein Ermittler. „Mit den Durchsuchungen haben wir ein deutliches Zeichen gesetzt.“ Hinter vorgehaltener Hand wird berichtet, dass der Familie gezeigt werden soll, dass sie unter scharfer Beobachtung stehe. Die Entstehung einer Clan-Kriminalität müsse frühzeitig verhindert werden, sagte ein Beamter.

Bereits vor der Razzia hatte die Polizei die Männer als Gefährder angesprochen und sie unmissverständlich auf die Konsequenzen ihrer Überfälle hingewiesen. Nicht immer ist jedoch das Ziel der Brüder klar. In jedem Fall setzen sie auf Machtdemonstrationen und die Verteidigung ihrer „Ehre“. Dass es auch um Schutzgelderpressung gehen könnte, halten Ermittler für möglich.

Brutale Schlägerei im Hen­stedt-Ulzburger JC Irish Pub

Aktueller Anlass für die Ermittlungen war eine brutale Schlägerei im Hen­stedt-Ulzburger JC Irish Pub an der Beckersbergstraße am 21. Dezember 2019, an der die drei Brüder mit Komplizen mitgemischt haben sollen. Die Täter griffen mit Fäusten, Gläsern und einem Schlagstock Gäste an und verletzten mehrere schwer. Zwei wurden stationär in einem Krankenhaus behandelt. Anlass für den Überfall war ein Streit um eine betrunkene Frau.

Der älteste der Brüder führt in Kaltenkirchen einen Imbiss und fährt gern mit einer hochmotorisierten G-Klasse von Mercedes auf, in der er auch auf Facebook posiert. Gegen den 30-Jährigen läuft ein weiteres Strafverfahren. Dem kleinen, aber durchtrainierten Boxer gelang es, zwei Türsteher der Diskothek Joy in Henstedt-Ulzburg k. o. zu schlagen. Es genügte jeweils ein Hieb mit der Faust. Die Verletzten wurden mit Rettungswagen in Krankenhäuser gefahren.

Ein Türsteher sollte zur Entschuldigung auf die Knie gehen

Vordergründig war es zu dem Streit mit den Türstehern gekommen, weil der Armenier in Begleitung von drei Frauen im Joy feiern, sich aber nicht in die Schlange von 300 wartenden Gästen einreihen wollte. Das belegen die Videoaufnahmen. Die Brüder und ihr Umfeld haben im Joy striktes Hausverbot.

Bereits vor dem Knockout des Türstehers waren die Männer einschüchternd in der Diskothek aufgetreten. Einmal forderte die Familie einen Türsteher auf, als Entschuldigung für einen Rauswurf auf die Knie zu gehen. Der Sicherheitsmann war nur zu einem Handschlag bereit. Außerdem war der in Kaltenkirchen festgenommene Mann vor einem halben Jahr mit einer Schreckschusswaffe am Joy erschienen. Um Geld sei es bislang jedoch nie gegangen, sagt Disco-Chef Joey Claussen. Seit er einen neuen Sicherheitsdienst engagiert hat, herrscht in seinem Betrieb Ruhe.

Alle Männer des Clans sind gut trainierte Boxer

Alle Männer des Clans sind gut trainierte Boxer. Einer von ihnen nahm bereits als Elfjähriger erfolgreich an Wettkämpfen teil und wog damals schon 74 Kilo. Er trug den Spitznamen „Maschine“. „Sie akzeptieren unsere Rechtsordnung nicht“, sagt ein Polizist. Auch vor Einschüchterungsversuchen gegenüber der Polizei schreckt die Familie offenbar nicht zurück. Vor einigen Monaten fuhren sie demonstrativ mit teuren Autos im Konvoi am Kaltenkirchener Reviergebäude, das sich an der Hamburger Straße befindet, vorbei.

Ein weiteres Mitglied der Familie steht demnächst vor Gericht. Der 31-Jährige, der laut Ermittlern zur „zweiten Garnitur“ zählt, muss sich im Juni im Amtsgericht Norderstedt wegen gefährlicher Körperverletzung verantworten. Er wird beschuldigt, gemeinsam mit einem Komplizen am 26. Mai des vergangenen Jahres im Joy Geschäftsführer Claussen massiv eingeschüchtert zu haben. Zuvor hatte Claussen versucht, sich vor den Männern zu verstecken. Offenbar forderten die Täter die Rücknahme von Hausverboten und Anzeigen. Als ein Türsteher von Claussen dazwischen ging, soll der 31-Jährige ihn brutal niedergeschlagen und erheblich verletzt haben. Claussen ist als Zeuge zum Prozess geladen.

( HA )

Mehr Artikel aus dieser Rubrik gibt's hier: Norderstedt