Quarantäne-Tagebuch

Das Osterfest und der digitale Opa-Roboter

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Jan Schröter
Jan Schröter, Autor aus Bad Bramstedt, schreibt hier jeden Tag aus der Quarantäne.

Jan Schröter, Autor aus Bad Bramstedt, schreibt hier jeden Tag aus der Quarantäne.

Foto: Wolfgang Klietz

Am Wochenende ist Ostern und Jan Schröter hat nichts davon mitbekommen. Wie feiert man in Zeiten der Corona-Krise mit der Familie?

Kreis Segeberg.  „Ostereier sind jetzt preisreduziert. Schon im Ausverkauf, sozusagen“ berichtet meine Frau nach ihrer Beschaffungsexkursion zum Supermarkt. „Soso. War denn schon Ostern?“, erkundige ich mich. Sie mustert mich erst prüfend, dann kopfschüttelnd. „Du weißt es tatsächlich nicht, oder?“

Nö. Weiß ich tatsächlich nicht. Woran sollte ich es auch bemerken, dass Ostern ist. Früher gab es bereits im Vorfeld mannigfaltige, bilaterale Verhandlungen innerhalb meiner international verzweigten Familie, um einen Konsens in der elementaren Frage zu erzielen, an welchem der Feiertage sich die Sippe bei wem anlässlich einer Orgie mit Lammbraten und Knickebeineiern zu versammeln hatte. Dieses Ereignis wurde ähnlich langwierig und detailversessen vorbereitet wie ein G-20-Treffen. Und nach dem Familienosterfest sah es beim Gastgeber dann auch so aus wie nach einem G-20-Treffen. Ostern war schlichtweg nicht zu übersehen. In der Nachbarschaft hingen überall quietschbunte Plastikeier in der Vorgartenvegetation. Ostern war wochenlang ein Medienthema. In der Produktwerbung ging es nur noch um Festessen, Ostergeschenke, lila Schokohasen, Friedefreudeeierlikör.

„Hast du irgendwo quietschbunte Plastikeier in den Gärten herumhängen gesehen?“, frage ich meine Frau, die mich immer noch fassungslos mustert. Hat sie nicht, muss sie zugeben. Und die vorzeitig preisreduzierten Schokohasen sind wohl auch ein Indiz dafür, dass nichts ist, wie es sonst war. „Wir werden später unseren Enkelkindern berichten, wie wir einst Ostern gefeiert haben“, prophezeie ich düster, „und sie werden es uns kaum glauben.“ „Wie willst du ihnen das berichten? Wir sehen die Enkelkinder doch gar nicht mehr“, lässt sich meine Frau von der akuten Endzeitstimmung anstecken. „Die halten dich wahrscheinlich längst für einen computeranimierten Märchenonkel auf Skype. So eine Art Opa-Roboter mit künstlicher Intelligenz.“ Immerhin Intelligenz, versuche ich dieser Vision noch etwas Gutes abzugewinnen.

„Vielleicht“, spinnt sie weiter, „ist gar nicht Ostern, sondern schon Weihnachten. Dank Klimawandel und Extremwetterkapriolen merkt man doch auch nicht mehr, welche Jahreszeit gerade angesagt ist. Unsere Enkelkinder sind noch nie auf einem Schlitten gerodelt.“ „Unsere Enkelkinder sind noch viel zu lütt, um überhaupt allein auf einem Schlitten sitzen zu können“, werfe ich ein. Wir schweigen betreten und verspüren plötzlich die nagende Sehnsucht nach etwas, was es nicht gibt. Jedenfalls nicht diesmal. Nicht in diesem Jahr.

„Komm, wir gehen eine Runde spazieren“, schlage ich vor. Raus aus der Tristesse, auf andere Gedanken kommen. Wir wählen unseren favorisierten Quarantänepfad durch Wald und Flur, garantiert versammlungs- und begegnungsfrei. Unterwegs sehen wir mehr Feldhasen als sonst. Vielleicht werden die jetzt mehr, weil die Schokohasen weniger werden. Danach holt meine Frau etwas aus dem Schuppen und setzt es in den Vorgarten. Einen Deko-Strohhasen.

Ich spiele mit dem Gedanken, ihn lila anzusprühen.

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