Norderstedt
Kreis Segeberg

Coronatest auf dem Parkplatz – aber nur mit Termin

Dr. Christian Herzmann und seine Kollegin Lina Johannsen nehmen mit einem Wattestäbchen einen Rachenabstrich von einer Person, bei der es konkrete Hinweise auf eine Coronavirus-Infektion gibt.

Dr. Christian Herzmann und seine Kollegin Lina Johannsen nehmen mit einem Wattestäbchen einen Rachenabstrich von einer Person, bei der es konkrete Hinweise auf eine Coronavirus-Infektion gibt.

Foto: Burkhard Fuchs

Am Forschungszentrum Borstel in Sülfeld hat das ambulante Drive-in-Testzentrum die Arbeit aufgenommen.

Sülfeld/Kreis Segeberg.  Das ambulante Testzentrum für den Kreis Segeberg hat seine Arbeit aufgenommen. Ende der Woche sind die ersten 82 Menschen im Forschungszentrum Borstel in Sülfeld untersucht und befragt worden, bei denen der Verdacht besteht, sich mit dem Coronavirus angesteckt zu haben.

Am Wochenende sind noch einmal einige Dutzend Bürger, die über Husten, Fieber und ähnliche Krankheitssymptome klagten, auf das Coronavirus getestet worden. „Wir testen jetzt jeden Tag etwa 40 konkrete Verdachtsfälle“, erklärt Professor Christoph Lange, Medizinischer Leiter des Forschungszentrums, das seit Jahrzehnten auf die Untersuchung und Forschung der Lungenkrankheit Tuberkulose (TB) spezialisiert ist.

Die Ergebnisse der in Borstel genommenen Abstriche liegen noch nicht vor. Am Sonntag meldete die Landesregierung 30 mit dem Virus infizierte Personen für den Kreis Segeberg bei landesweit 436 Infizierten. Vor einer Woche waren es lediglich sechs Erkrankte im Kreis und 123 Infizierte landesweit.

„Wir wollen die Hausarztpraxen entlasten“, begründet Professor Lange, warum sich sein Institut sofort bereiterklärt hat, bei diesen so wichtigen Untersuchungen zu helfen. Die Kassenärztliche Vereinigung hat jetzt zehn solcher ambulanten Testzentren in ganz Schleswig-Holstein eingerichtet, nach dem Vorbild von Südkorea, das genauso vorgegangen sei.

Borstel ist auch für den Kreis Stormarn zuständig

Das Forschungszentrum Borstel, an der Grenze zum Kreis Stormarn gelegen, ist für beide Kreise zuständig. Die Arztpraxen allein seien während ihres laufenden Praxisbetriebes schnell überfordert mit dem Handling der Testverfahren, so Lange. Das Forschungszentrum verfüge über das nötige Knowhow, die nötigen Schutzvorrichtungen und geschulte Mitarbeiter, betont der Professor. Wichtig: Kein einziger möglicherweise am Coronavirus Erkrankter müsse beziehungsweise dürfe die Klinik betreten.

Und in der Tat: Das ganze Procedere wird auf dem Parkplatz vor dem Institutsgebäude an der Parkallee 35 abgewickelt. Von der Befragung der zu Untersuchenden bis zum Nehmen des Abstrichs. Der Weg dorthin ist von der Haupteinfahrt des Forschungszentrums an der Lindenallee gut ausgeschildert. Nach wenigen Minuten kann jeder Proband schon wieder nach Hause fahren.

Das Ganze funktioniert so schnell und reibungslos, weil in Borstel ausschließlich Personen getestet werden, die angemeldet sind, also einen Termin haben, erklärt Prof. Lange das Verfahren. Wer aus einem Risikogebiet aus Norditalien oder Tirol zurück nach Deutschland gekommen sei oder über eindeutige Symptome wie Husten und Fieber klage, müsse sich an die Hotline der Kassenärztlichen Vereinigung (116 117) wenden. Aber nur in diesen konkreten Verdachtsfällen, um die Hotline für die wirklich akuten Notfälle freizuhalten, appelliert der Forschungszentrumsdirektor an die Vernunft der Menschen.

Am Telefon würden dann weitere Risikofaktoren und Vorerkrankungen wie Diabetes oder Bluthochdruck abgeklärt. Wenn dann der Berater der Kassenärztlichen Vereinigung am Telefon der Meinung sei, dass es sich mit ziemlicher Wahrscheinlichkeit um eine Corona-Erkrankung handele, werde das Forschungszentrum informiert. „Wir rufen diesen Patienten dann an und vereinbaren einen festen Termin“, erklärt Professor Lange.

Zurzeit klappt das innerhalb von 24 Stunden. Der Patient solle möglichst alleine und mit dem Auto kommen und auf dem Parkplatz vor dem Gebäude 35 warten, von wo aus er die Ärzte im Institut mit dem Handy darüber informiere, dass er da sei.

Jetzt beginnt die Arbeit von Dr. Christian Herzmann und seiner Kollegin Lina Johannsen. Komplett mit Schutzanzügen und Mundschutz ausgestattet, nehmen sie mit einem Wattestäbchen einen tiefen Rachenabstrich und befragen den Erkrankten nach weiteren Hinweisen, die auf eine Coronavirus-Infektion hindeuten. Wie am Freitagnachmittag bei einer Frau aus Itzstedt, die befürchtet, sich bei einer erkrankten pflegebedürftigen Person angesteckt zu haben. Der Test werde mit 20 Euro, die Laboruntersuchung mit 60 Euro abgerechnet. „Das ist kostendeckend“, sagt Prof. Lange. Die Patienten müssen natürlich nichts bezahlen.

Jeder positiv ausfallende Test müsse dann dem Gesundheitsamt gemeldet werden, erklärt Lange. Das gelte auch für diejenigen, die aus den Risikogebieten zurückgekehrt seien.

Das Krankenhaus verdoppelt die Zahl der Intensivbetten

Bislang schaffe das beauftragte externe Hamburger Labor, das die Abstriche für das Forschungszentrum Borstel untersucht, 50 Labortests am Tag, erklärt der Mediziner. Weil das nicht reicht, werde auch das Forschungszentrum in dieser Woche mit eigenen Testverfahren beginnen, kündigt er an. „Wir haben ja die nötige Diagnostik dafür.“ Bei Tuberkulose und Coronaviren handele es sich jeweils um Tröpfcheninfektionen. Um das nachzuweisen, werde die gleiche Technologie benötigt. Zunächst sollten 50, dann 100 Tests am Tag möglich sein, so der Institutsleiter.

UKE-Virologin zur Corona-Krise:

UKE-Virologin: "Können Corona-Ausbreitung nicht verhindern"
UKE-Virologin: "Können Corona-Ausbreitung nicht verhindern"

Aber auch das Krankenhaus im Forschungszentrum werde für die zu erwartenden schweren Krankheitsfälle jetzt ausgebaut. „Wir verdoppeln zurzeit die Kapazität unserer Intensivbetten“, sagt Lange. Die Intensivstation sei um vier auf 16 Betten erhöht worden. Im Schlaflabor stünden weitere zehn Beatmungsplätze zur Verfügung, um besonders schwer Erkrankte dieser Lungenkrankheit behandeln zu können.

Noch werde nur ein Corona-Patient stationär behandelt. Landesweit waren bis Sonntagvormittag 33 Menschen in klinischer Behandlung. Dafür habe das Forschungszentrum zehn TB-Erkrankte vom Universitätskrankenhaus Eppendorf aufgenommen, damit sich die Hamburger Klinik ganz auf die Behandlung der Corona-Patienten konzentrieren könne.

Im Forschungszentrum sei höchste Sicherheitsstufe ausgerufen. Alle müssten Mundschutz tragen, erklärt Prof. Lange. „Die Sicherheit unserer Mitarbeiter steht an erster Stelle.“