Norderstedt

Die Cannabis-Plantage als Familiengeschäft

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Andreas Burgmayer und Thomas Geyer
Cannabis Pflanzen, aus denen auch Marihuana hergestellt wird, sind in einer Plantage zu sehen (Symbolbild).

Cannabis Pflanzen, aus denen auch Marihuana hergestellt wird, sind in einer Plantage zu sehen (Symbolbild).

Foto: Abir Sultan / dpa

Vater und Sohn aus Norderstedt bauten Cannabis im Keller ihres Wohnhauses an – der Sohn muss jetzt drei Jahre ins Gefängnis.

Norderstedt.  Der Fall eines Norderstedter Handwerkers (72) und seines Sohnes (33) erinnert an die amerikanische Erfolgs-TV-Serie „Breaking Bad“. Während allerdings im Film Chemielehrer Walter White und dessen Ex-Schüler Jesse Pinkmann Crystal Meth zuletzt im ganz großen Stil herstellten und vertickten, war das Geschäftsmodell der Norderstedter ein paar Nummern kleiner angelegt. Sie bauten gemeinsam Cannabis im Keller eines Einfamilienhauses in Norderstedt an, immerhin so viel, dass sie damit Zehntausende Euro auf dem illegalen Drogenmarkt erwirtschafteten. Bis 2016 alles aufflog.

Am Montag schließlich der Schlusspunkt hinter der filmreifen Affäre: Da saß der Sohn vor der Berufungskammer des Kieler Landgerichtes. Er hatte in den vergangenen zwei Jahren versucht, Bewährung für die Haftstrafe aus einem ersten Urteil vor dem Amtsgericht Norderstedt zu bekommen. Vergebens. Wegen Drogenhandels in 20 Fällen muss er nun endgültig für drei Jahre und sechs Monate hinter Gitter.

Sein Vater war vor Norderstedter Amtsrichter mit Bewährung davongekommen. Das Schicksal seines Sohnes bekam er nicht mehr mit: Der Vater ist mittlerweile verstorben. Mutmaßlich ein Unfall, wie am Rande des Prozesses zu hören war.

150 Cannabis-Pflanzen wuchsen im Hobbykeller

Als die Drogenfahnder im Juni 2016 nach einem anonymen Hinweis die Cannabis-Plantage von Vater und Sohn in Norderstedt aushoben, sollen sie im Keller des Einfamilienhauses regelrecht ins Staunen geraten sein. Die Anlage erstreckte sich laut Polizei über drei bis zu 30 Quadratmeter große Räume.

150 Cannabis-Pflanzen stellten die Beamten sicher, dazu mindestens zehn Pakete mit verkaufsfertigem Marihuana. 16.000 Euro in bar fanden die Fahnder, und sie stellten mehr als 100.000 Euro an mutmaßlichen Drogenerlösen auf den Konten von Vater, Sohn und Mutter fest.

Der Schock in der Nachbarschaft war groß. Der bürgerliche Handwerksmeister war als ehrenamtlicher Helfer für benachteiligte Jungen und Mädchen bekannt und beliebt. Vor dem Amtsgericht sagte der Vater damals aus, dass Geldsorgen das Motiv waren. Als er 2014 im Keller des verstorbenen Schwagers beim Entrümpeln schließlich alle Utensilien für eine Cannabis-Aufzucht fand, sei irgendwie eins zum anderen gekommen.

In der Anklage vor dem Norderstedter Amtsgericht 2018 hieß es, die beiden hätten schließlich bis zu drei Kilo Marihuana im Monat hergestellt und für 3200 Euro das Kilo verkauft. Nachweisen konnten die Ermittler 24 Kilogramm, verkauft für 77.000 Euro auf dem Drogenmarkt.

Der Sohn will die Schuld dem Vater zuschieben

Bei der juristischen Bewertung des Vater-Sohn-Deliktes stand die Frage im Mittelpunkt, wer die treibende Kraft des Unternehmens war. Kurz nach der Razzia 2016 machte der Vater reinen Tisch gegenüber den Ermittlern und sagte umfänglich aus. Dabei belastete er auch seinen Sohn als maßgeblichen Mittäter schwer.

Der Junior fühlte sich verraten und verkauft. Was den Vater schon bald seelisch belastete. Vor dem Amtsgericht in Norderstedt versuchte er die Rolle rückwärts. Er nahm öffentlichkeitswirksam alle Schuld auf sich, sprach von einem ominösen Bekannten, der den Drogenverkauf für ihn geregelt habe. Der Sohn schwieg im Prozess – trotz eindeutiger Spurenlage. Die Quittung der ersten Instanz: drei Jahre Haft pur für den Sohn, der Vater zwei Jahre Haft – auf Bewährung und 15.000 Euro Spende an die Drogenhilfe Kiel.

Vor dem Landgericht versuchten der Sohn und sein Verteidiger Peter Wulf zwei Jahre später mit allen Mitteln, eine Bewährungsstrafe zu erreichen. Zunächst versuchten sie es mit einem Teilgeständnis des Angeklagten: Der Sohn will erst später in die längst laufende Drogenproduktion des Vaters eingestiegen sein. Dann bemühte sich Rechtsanwalt Wulf, die seinen Mandanten belastenden Aussagen des verstorbenen Vaters zu entwerten. Die auf elf Seiten protokollierten Aussagen Vaters seien nur Ergebnis massiven polizeilichen Drucks gewesen.

Auch der Versuch, die Einrichtung der weiträumigen Keller-Plantage einem Halbbruder (45) des Angeklagten zuzuschieben, war nach den Worten des Vorsitzenden der Berufungskammer, Gunther Döhring, „die falsche Strategie“. Schon vorher hatte Staatsanwalt Benedikt Bernzen die Argumente der Verteidigung Punkt für Punkt als „absurd“ zurückgewiesen.

Der als Zeuge vernommene Halbbruder des Angeklagten habe seit Jahren im Streit mit dem Vater gelebt, dessen Unternehmen er vor 15 Jahren übernommen hatte. Laut Staatsanwalt Bernzen hätten sie kaum noch Kontakt gehabt. Der Staatsanwalt rügte auch den Versuch des Verteidigers, Cannabis-Delikte in den Bagatellbereich zu rücken – „nicht bei zehn Kilo, die zum gewinnbringenden Verkauf in einer hochprofessionellen Anlage produziert wurden“.

Der nicht vorbestrafte Angeklagte reagierte bestürzt auf das offensichtlich unerwartete Urteil. Hatte er sich zwei Jahre nach dem ersten Prozess auf den Optimismus seines Verteidigers verlassen? In seinem Plädoyer hatte Rechtsanwalt Wulf in der berührenden Vater-Sohn-Geschichte „dramatische Züge einer griechischen Tragödie“ entdeckt. Jetzt darf sich sein Mandant fragen, wer das Drehbuch für das bittere Ende schrieb.

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