Norderstedt
Kreis Segeberg

Kreis stellt 3,3 Millionen Euro für neue Ärzte bereit

3,3-Millionen-Euro-Programm für mehr Hausärzte (vorne v. l.): Ex-Klinikchef Otto Melchert, Laura Löffler (Ärztegenossenschaft) und Karin Löhmann (Gesundheitsamt Kreis Segeberg), dahinter Landrat Jan Peter Schröder, die Kreistagsabgeordnete Rosemarie Jahn und WKS-Chef Lars Wrage.

3,3-Millionen-Euro-Programm für mehr Hausärzte (vorne v. l.): Ex-Klinikchef Otto Melchert, Laura Löffler (Ärztegenossenschaft) und Karin Löhmann (Gesundheitsamt Kreis Segeberg), dahinter Landrat Jan Peter Schröder, die Kreistagsabgeordnete Rosemarie Jahn und WKS-Chef Lars Wrage.

Foto: Burkhard Fuchs

Förderprogramm soll dringend benötigte Mediziner Kreis Segeberg locken. Städte und Kommunen sollen Projekt unterstützen.

Kreis Segeberg.  Um als Standort weiter attraktiv zu bleiben und die ärztliche Versorgung für die Bevölkerung auch für die Zukunft zu sichern, geht der Kreis Segeberg neue Wege. Insgesamt 3,3 Millionen Euro stellt die Kreisverwaltung in den nächsten fünf Jahre bereit, um 15 Hausärzte und weitere 20 nichtärztliche Assistenten anzuwerben und hier im Kreis Segeberg zu halten. Das ist nach den Worten von Landrat Jan Peter Schröder ein bislang bundesweit einmaliges Förderprogramm. „Der Kreis investiert in die Daseinsvorsorge und nimmt seine Ausgleichsfunktion für die Städte und Gemeinden wahr“, sagt Schröder.

Das Geld – 660.000 Euro im Jahr – soll den angehenden Hausärzten und Arzthelfern als Miet- und Lohnzuschuss zukommen. Außerdem wird den Kliniken damit Ausfallhonorar bezahlt, wenn sie ihre Ärzte für die hausärztliche Weiterbildung zur Verfügung stellen.

Wegen der demografischen Entwicklung, der bis zu 15 Jahre langen Ausbildungsdauer und den veränderten Leistungsansprüchen der Ärzte selbst werde es künftig immer schwerer sein, die kreisweite ärztliche Versorgung sicherzustellen, sagt Otto Melchert. Ein Drittel der 150 niedergelassenen Hausärzte sei jetzt schon älter als 60 Jahre und werde bald in Ruhestand gehen. In einigen Kommunen wie Wahlstedt oder Kaltenkirchen sei das Problem bereits akut. In Bad Bramstedt gingen demnächst fünf von 13 Ärzten in Ruhestand.

Konzept entwickeln, um Hausärzte anzuwerben

Melchert ist einer der beiden Experten, den der Kreis nun für das Hausärzte-Förderprogramm gewinnen konnte. Er war viele Jahre Jugenddezernent in einer niedersächsischen Behörde und bis vor wenigen Jahren für den viertgrößten Klinik-Konzern Sana als Regionalleiter verantwortlich für Krankenhäuser in ganz Norddeutschland. Die zweite Fachfrau ist Laura Löffler, stellvertretende Geschäftsführerin der Ärztegenossenschaft Nord, der 1800 Ärzte angehören.

Das könnte Sie auch interessieren:

Kreis Segeberg bekommt weitere Stellen für Ärzte

Bald gibt es Cannabis auf Rezept aus Ellerau

Ärztemangel: Kommunen in der Region schlagen Alarm

Gemeinsam mit dem Geschäftsführer Lars Wrage von der Wirtschaftsförderungsgesellschaft WKS sollen sie jetzt ein Konzept entwickeln, mit dem potenzielle Hausärzte angeworben und gehalten werden können. Den Kommunen soll geholfen werden, ihren Beitrag dazu zu leisten.

Losgehen könnte es sofort, sagt Melchert. Das Problem sei vielschichtig und komplex. So müsste es für jede freiwerdende Hausarztstelle heute im Schnitt 1,3 Nachfolger geben. Auch die Medizinstudenten wollen heute Karriere und Familie vereinbaren. Aus diesem Grund würden auch viele Studienabgänger den Schritt in die Selbstständigkeit scheuen und lieber im Team mit anderen Ärzten in einer Praxis oder einem Medizinischen Versorgungszentrum arbeiten. Den klassischen Landarzt, der 70 Stunden und mehr pro Woche allein für seine Patienten da ist, gebe es bald nicht mehr.

In der Regel dauere die Weiterbildung der Mediziner zum hausärztlichen Facharzt nach dem Studium fünf Jahre. Drei Jahre davon in einer Klinik, zwei Jahre in einer Hausarztpraxis. Ein Klinikarzt, der im Schnitt 4800 Euro brutto verdiene, bekäme dann aber nur noch 1300 bis 2400 Euro im Monat. Das heißt, er müsste auf erhebliches Gehalt verzichten, wenn die Klinik ihn dabei nicht finanziell unterstützt, erläutert Melchert. Darum übernehme der Kreis Segeberg nun vollständig das finanzielle Ausfallhonorar für den potenziellen Hausärzte-Nachwuchs und gewähre diesem zusätzlich einen monatlichen Mietzuschuss von bis zu 300 Euro, wenn er in den Kreis Segeberg zieht.

Städte und Kommunen sollen das Projekt unterstützen

Fünf Ärztestellen sollen jeweils über die nächsten drei Jahre und dann insgesamt über fünf Jahre finanziert werden, erklärt Karin Löhmann, Fachbereichsleiterin für Gesundheit in der Kreisverwaltung. Es sei ein bundesweit einmaliges Modellprojekt, das andere Kreise in Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen bereits nachmachen wollten.

Neben den Ärzten werden zunächst einmalig 20 nichtärztliche Praxis-Assistenten mit jeweils 1000 Euro Lohnzuschuss im Monat für den sechs- bis zwölfmonatigen Blockunterricht unterstützt. Anschließend sind sie qualifiziert, Hausbesuche bei nicht mehr mobilen Patienten im Kreis Segeberg zu machen.

Ziel sei es, mindestens 80 Prozent der so geförderten Ärzte und Arzthelfer fest an den Kreis Segeberg zu binden. Dabei müssten die Städte und Gemeinden helfen, ihrerseits den Medizinern mit günstigen Mieten oder anderen attraktiven Vergünstigungen entgegenkommen, sagt Landrat Schröder. „Die Kommunen bleiben in der Pflicht.“ Das sei jetzt „eine sehr gute kreative Idee“, ist er überzeugt. Der Druck aus der Bevölkerung nach mehr Hausärzten nehme zu. „Wir hoffen, dass unsere Idee sich durchsetzen wird.“