Kreis Segeberg

Ausgrabungen – Bornhöved in der Bronzezeit

Grabungsleiterin Dr. Jutta Kneisel an der Ausgrabungsstelle in Bornhöved.

Grabungsleiterin Dr. Jutta Kneisel an der Ausgrabungsstelle in Bornhöved.

Foto: Annabell Behrmann

Archäologen der Universität Kiel entdecken bei Ausgrabungen eine außergewöhnliche Grabanlage. Aufschlüsse auf Leben vor mehr als 3000 Jahren.

Bornhöved.  Mitten in der Nacht lodert ein Feuer. Die Flammen bilden einen Kreis, in seiner Mitte liegt ein altes Grab. Wer wurde hier bestattet? Und warum entfacht jemand nun das Feuer? Archäologen der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel wollen diese Fragen beantworten, denn das Feuer brannte bereits vor rund 3500 Jahren.

Grabhügel LA 117 – hinter diesem schlichten Namen steckt ein außergewöhnlicher Fund aus der Bronzezeit, den die Wissenschaftler 2018 in Bornhöved gemacht haben. „Wir haben rund 16.000 bronzezeitliche Grabhügel in Schleswig-Holstein, ungefähr 200.000 sind es, wenn man noch Dänemark berücksichtigt. Doch von Grabhügeln wie diesem in Bornhöved kenne ich nur drei Beispiele“, sagt Grabungsleiterin Dr. Jutta Kneisel. Das Besondere an der Entdeckung sind der kreisrunde Graben um das Grab – eine aus dieser Zeit nahezu unbekannte Struktur – und die lange, gut nachvollziehbare Entwicklungsgeschichte. Von 1750 bis 1100 vor Christus, also 650 Jahre lang, wurde der Grabhügel immer wieder genutzt und verändert.

Das zentrale Grab, um das später die Flammen tobten, wurde um 1700 vor Christus angelegt. Die Archäologen fanden allerdings nur noch einen Leichenschatten – so werden die letzten organischen Überreste eines Menschen genannt, die als eine dunkle Verfärbung im Boden wie der Schatten eines Körpers sichtbar bleiben. Wer der Verstorbene war, weiß man nicht. Vermutlich besaß die Person einen besonderen gesellschaftlichen Status, sonst wäre wohl kaum ein so großer Aufwand um seine Bestattung betrieben worden.

Um das Grab wurde ein 1,20 Meter tiefer Graben ausgehoben. Er wurde über die folgenden 600 Jahre hinweg immer wieder freigelegt – vielleicht immer dann, wenn weitere Menschen hier begraben wurden. Gesichert ist diese Annahme jedoch nicht, denn die Archäologen konnten von den vermuteten anderen Gräbern keine Spuren finden. Vielleicht liegt das daran, dass der originale Grabhügel nur in zehn Zentimetern Höhe erhalten war. Insgesamt könnte der Grabhügel ein bis zwei Meter hoch gewesen sein. Sein Durchmesser beträgt 17 Meter.

Zwei besondere Momente in der Geschichte des Grabhügels sind gut nachvollziehbar. Um 1500 vor Christus war der Bereich um das Grab von einem Zaun aus Holzbalken und Flechtwerk umgrenzt. „Vielleicht war es ein besonderer Bezirk, der nicht von jedem betreten oder eingesehen werden durfte“, sagt Jutta Kneisel.

Bei einem besonderen Ereignis wurde die Konstruktion schließlich angezündet, sie stürzte zusammen und wurde liegen gelassen. Die Archäologen können nur vermuteten, dass es sich dabei möglicherweise um ein nächtliches Ritual gehandelt hat.

Rund 200 Jahre nach dem mysteriösen „Brandevent“ – so nennen es die Archäologen – wurde der Grabhügel erneut architektonisch gefasst, diesmal mit einem Pfostenkranz. Vielleicht wollten die Erbauer die Sichtbarkeit des Monuments erhöhen. In den Pfostenlöchern wurden Pollenreste gefunden, die auf einen Wandel in der Landschaftsnutzung hin zu mehr Weidewirtschaft hindeuten. Ging diese Veränderung auch mit einem kulturellen Umbruch einher, der die neue Architektur des Grabhügels erklären könnte? Auch dieses Rätsel ist bislang noch ungelöst.

Und danach? „Anschließend wurde der Grabhügel offenbar in Ruhe gelassen, aber die Umgebung wurde weiter genutzt“, so Jutta Kneisel. Irgendwann zwischen 1100 und 500 vor Christus wurden dann Urnengräber angelegt. Die darin enthaltenen menschlichen Knochenreste deuten darauf hin, dass hier eine Familie begraben wurde – in ganz normalem Kochgeschirr, in dem zuvor Essen zubereitet wurde. Auch in anderen Gegenden sind vermehrt Gräber aus dieser Zeit erhalten – liegt es daran, dass nun mehr Menschen das Recht auf eine Bestattung hatten? „Das kann sein. Wir sehen aber nur, was in den Boden eingelassen wurde“, sagt Kneisel. „Falls jemand in vorherigen Zeiten zum Beispiel auf einer Wiese verbrannt wurde, bleibt davon einfach keine Spur.“

Um die Urnen zu erforschen, huben die Wissenschaftler sie als Ganzes aus dem Boden und brachten sie in die Universität nach Kiel. In einer „Mini-Grabung“ wurden hier die Keramikscherben entfernt und der Inhalt Schicht um Schicht freigelegt.

Auch sonst war die Grabung aufwendig. Ein Bagger entfernte die oberste, 30 bis 40 Zentimeter dicke Bodenschicht, darunter kamen die Kellen der Archäologen zum Einsatz. Viele von ihnen waren Studenten, die bei der viermonatigen Lehrgrabung ausgebildet wurden. Besonders zu schaffen machte ihnen die Hitze, denn teilweise war es auf der Fläche 44 Grad heiß. Auch der Boden war aufgrund des trockenen Sommers steinhart. „Das ist körperlich sehr anstrengend und geht auf die Gelenke“, sagt Kneisel, die deshalb besonders scharfe Grabungskellen aus Japan anschaffte.

Bei der Untersuchung der Funde kommen auch naturwissenschaftliche Methoden zum Einsatz – die interdisziplinäre Zusammenarbeit erfolgt vor allem mit Geologen, Geophysikern und Botanikern. Holzkohle- und Pollenreste werden analysiert, um ihre einzelnen Bestandteile zu identifizieren. C-14-Datierung werden unternommen, um das Alter der Funde zu bestimmen. Außerdem wird durch Lumineszenzdatierungen ermittelt, vor wie vielen Jahren das letzte Mal Energie in Form von Tageslicht auf eine Erdschicht fiel.

Ein gutes Jahr ist seit der Ausgrabung vergangen, und die ersten Ergebnisse liegen vor. Diese müssen jetzt in Fachpublikationen veröffentlicht werden. Die Grabungsleiterin ist schon jetzt überaus zufrieden: „So einen Grabhügel findet man nur einmal im Leben.“