Norderstedt
Straßenverkehr

Blitzer – Norderstedt will noch viel mehr

Norderstedt ist die Blitzer-Hochburg im Norden.

Norderstedt ist die Blitzer-Hochburg im Norden.

Das Rathaus feiert die Erfolge Lärmschutz durch die Jagd auf Raser – und will künftig auch in den Tempo-30-Zonen aktiv werden.

Norderstedt.  Mit dem Verkehrslärm ist das immer so eine Sache. Es gibt den gefühlten Lärm. Den gemessenen Lärm. Und den errechneten Lärm. Wer zum Beispiel an der Poppenbütteler Straße lebt, so auf Höhe des Immenhof-Einkaufszentrums, der wird sagen: „Fenster aufmachen im Schlafzimmer? Nachts? Vergiss es! Der Lärm macht mich wahnsinnig. Seit Jahren!“ Wer sich dort dann an die Straße stellt und den Dezibel-Meter einschaltet, während ein Lastwagen vorbeidonnert (so um die 85 dB/A), wird dem Anwohner zustimmen. Nun steht aber vor dem Haus seit 2016 eine Blitzersäule der Stadt Norderstedt, die jeden knipst, der zwischen 22 und 6 Uhr morgens schneller als 30 km/h fährt – in den vergangenen knapp dreieinhalb Jahren bekamen exakt 27.659 Raser ein Foto von sich am Steuer. Jedoch – und das ist die gute Nachricht – wurden 2016 noch mehr als 10.000 unfreiwillige Schwarz-Weiß-Porträts von Straßenverkehrsordnungs-Ingnoranten gemacht und 2019 nur noch etwa halb so viele.

Macht das Blitzen Norderstedt leiser? Ja, sagt die Stadt

Wer nun, wie gesetzlich gefordert, das „Schallereignis“ an der Poppenbütteler Straße berechnet und dabei Lautstärke, Frequenz und zeitlichem Verlauf berücksichtigt, der kommt am Ende – grob gesagt – zu dem Ergebnis: Heureka! An der Poppenbütteler Straße wird weniger gerast, also ist es hier jetzt auch leiser!

Und das ist für die Stadt Norderstedt jetzt ein ganz wichtiger Punkt. Denn der Lärmschutz ist die Legitimation, mit der die Stadt die vier stationären Blitzersäulen und die vier festen Rotlicht-Blitzer installiert und eine mobile Radarwagen-Einheit aufbauen durfte – mit dem Segen des Innenministeriums und vor allem des Kreises Segeberg und seiner Verkehrsaufsicht, die eigentlich die Mütze auf hat, wenn es um die Überwachung des fließenden Verkehrs zwischen Bad Segeberg und Norderstedt geht. Das städtische Blitzgewitter ist derzeit nur ein auf knapp fünf Jahre bis Ende 2020 angelegter Pilotversuch und somit in seinem Weiterbestand an die Frage gekoppelt: Hat das Blitzen die Stadt wirklich leiser gemacht?

„Die Verkehrsaufsicht des Kreises bestreitet das. Aber wir können es indizienhaft begründen, dass es leiser geworden ist in der Stadt“, sagt Andreas Finster vom Norderstedter Ordnungsamt vor den Mitgliedern des Hauptausschusses der Norderstedter Stadtvertretung. In der Sitzung wollen Finster und Oberbürgermeisterin Elke Christina Roeder sich das Plazet der Politik holen, um mit Land und Kreis einen weiteren Fünf-Jahres-Vertrag über die Verkehrsüberwachung in der Stadt aushandeln zu können. „Wir wollen wissen, ob Sie uns da den Rücken stärken“, sagt die Oberbürgermeisterin. Finster lässt in seinem Fazit über die Blitzererfahrungen der letzten Jahre kein Zweifel an der „Alternativlosigkeit“ einer Verlängerung.

Auch in Tempo-30-Zonen soll es künftig heftig blitzen

„Über 80.000 Verstöße in 2017. Das war wahnsinnig. Damit hatten wir nicht gerechnet.“ Nun, in 2019 seien es gerade noch etwa halb so viele. „Der Gewöhnungseffekt ist da. Es gibt weniger Raser. Es entkommt keiner! Und wo weniger gerast wird, da gibt es auch weniger Lärm.“ Wenn man jetzt aufhöre mit dem konsequenten Blitzen, dann würden die Leute wieder rasen, dann könne man die Arbeit und Erfolge der letzten Jahre vergessen, sagt Finster. „Wir wollen in den nächsten Jahren schauen, was wir erreichen können. Und nicht nur das: Wir wollen das Recht zur Verkehrsüberwachung auf Dauer haben“, sagt Finster.

Und ausweiten: Die Stadt möchte dem Kreis auch das Blitzen in den Tempo-30-Zonen Norderstedts abringen und den mobilen Radarwagen dort regelmäßig Position beziehen lassen. „Wir haben 268 Tempo-30-Schilder in der Stadt – aber kaum einer hält sich dran“, sagt Finster. Man habe stichprobenartig geprüft. 30er-Zone Exerzierplatz, 30 Minuten Radarkontrolle, 30 Verstöße – jede Minute einer. An der Lawaetzstraße vor der Kita: 40 Verstöße in 31 Minuten. Das Blitzen in den 30er-Zonen sei auch deshalb nötig, weil es dem Bürger nicht zu vermitteln sei, dass die Stadt nur für den Lärmschutz blitzt und nicht für die Sicherheit von Kleinkindern vor Kitas oder Schülern vor Schulen. „Der Kreis ist nicht in der Lage, die flächendeckende Überwachung der 30er-Zonen in unserer Stadt zu garantieren. Die haben zwei Radarwagen und müssen das gesamte Kreisgebiet abdecken.“, sagt Finster.

Die Politik stärkt der Stadtverwaltung den Rücken

Kopfnickend nimmt die Politik die Ausführungen Finsters zur Kenntnis. Die Einigkeit der Fraktionen beim Blitzen ist groß. Noch dazu, weil auf der Habenseite ja nicht nur Lärmschutz und Raser-Entlarvung stehen. Sondern auch 2,4 Millionen Euro (2017) und 1,8 Millionen Euro (2018) an eingenommenen Bußgeldern. Nach Abzug der Kosten für Technik (jährlich 344.473 Euro) und Personal (520.000 Euro) blieben zwischen 1,5 Millionen und einer Million Euro übrig im Jahr. das kann gerne so weitergehen. SPD-Stadtvertreter Danny Clausen-Holm schlägt vor, auch die Spielstraßen, in denen Schritttempo gilt, zu überwachen. „Da wird auch gerast wie bekloppt.“ Christian Waldheim hingegen von der AfD merkt an, dass der eine oder andere Bürger die Blitzerei als „Abzocke“ wahrnehme. „Es geht hier um die Straßenverkehrsordnung“, entgegnet Oberbürgermeisterin Roeder. „Wir kontrollieren nur die Einhaltung. Wer geblitzt wird, hat dagegen verstoßen. Und glauben Sie mir: Ich freue mich, wenn wir durch das Blitzen weniger einnehmen.“

Der Ausschuss stärkt schließlich der Stadt den Rücken und billigt die Vertragsverlängerung und Ausweitung auf Tempo-30-Zonen. Nun geht die Stadt in Verhandlungen mit Kreis und Land. Landrat Jan Peter Schröder hält sich bei der Bewertung des Pilotversuches Blitzen zurück. Er warte die vereinbarte Evaluation zur Jahresmitte 2020 ab. Er betont, dass derzeit nur der Kreis und die Polizei das Recht haben, in Tempo-30-Zonen zu blitzen. Das werden schwere Verhandlungen für Norderstedt.