Norderstedt
Wirtschaft

Gewerbesteuer-Einnahmen in Norderstedt auf Rekordniveau

Gewerbegebiete wie hier das Stonsdorf-Areal sind die Garanten für die wirtschaftliche Erfolgsgeschichte der Stadt Norderstedt.

Gewerbegebiete wie hier das Stonsdorf-Areal sind die Garanten für die wirtschaftliche Erfolgsgeschichte der Stadt Norderstedt.

Foto: EGNO - Entwicklungsgesellschaft Norderstedt mbH / EGNO - Entwicklungsgesellschaft

Der Wirtschaftsstandort Norderstedt ist begehrt, hat aber mittelfristig ein Platzproblem für Neuansiedlungen.

Norderstedt.  Die Unternehmen in Norderstedt zahlten in den vergangenen Jahren so viel Gewerbesteuer an die Stadt wie nie zuvor. 2009 kassierte die Stadt nur etwa 36 Millionen Euro von den Unternehmen, 2017 übersprangen die Einnahmen die Rekordmarke von 100 Millionen Euro. Auch wenn die Einnahmen 2018 auf knapp 91,5 Millionen Euro zurückgingen, schnellten sie im September 2019 auf mehr als 110 Millionen Euro hoch.

Die Attraktivität des Standortes Norderstedt hat für die Firmen ihren Preis. Der Hebesatz, mit dem die Gewerbesteuer für Firmen berechnet wird, liegt für Norderstedt bei 440 Prozentpunkten – der zweithöchste Satz in Schleswig-Holstein, wie die Analyse der Industrie- und Handelskammer (IHK) ergibt.

„Die hohen Einnahmen sind der guten Konjunktur geschuldet, von der ja nicht nur wir in Norderstedt profitieren“, sagt Marc-Mario Bertermann, Geschäftsführer der städtischen Entwicklungsgesellschaft Norderstedt (EgNo). Der Gewerbesteuer-Hebesatz spiele vor diesem Hintergrund eine eher untergeordnete Rolle und schrecke Unternehmen keineswegs ab, wenn sie sich ansiedeln oder erweitern wollen.

Die Flächen in den Gewerbegebieten mit insgesamt gut 470 Hektar werden knapp

Norderstedt punkte mit dem schnellen Glasfasernetz von wilhelm.tel und seiner Lagegunst. Der Flughafen ist schnell zu erreichen, der Hafen nicht weit weg. „Ganz wichtig ist zudem die Verfügbarkeit von Flächen und das Tempo bei Entscheidungen in der Stadt. Je schneller zum Beispiel eine Baugenehmigung vorliegt desto besser“, sagt Bertermann. Die Wirtschaftsförderer von der EgNo, die im Auftrag der Stadt Liegenschaften vermarkten und Unternehmensansiedlungen realisieren, profitieren von der engen Kooperation mit der Stadtverwaltung, setzen aber auch auf intensive Kundenbetreuung. Die war ein zugkräftiges Argument, um Tesa aus Hamburg nach Norderstedt zu locken. „Das eine ist, die Chance zu haben, das andere, sie auch zu nutzen“, sagt der Geschäftsführer. Doch die Flächen in den Gewerbegebieten mit insgesamt gut 470 Hektar werden knapp: 15 bis 20 Hektar seien kurz- bis mittelfristig verfügbar, sagt Bertermann, vor allem in den beiden jüngsten Gewerbegebieten Nordport und Frederikspark.

Wie es mit dem Wirtschaftsstandort Norderstedt weitergeht, erläuterte Bertermann im Interview mit dem Abendblatt:


Was bedeutet der Flächenmangel für den Wirtschaftsstandort Norderstedt?

Marc-Mario Bertermann: Langfristig müssen weitere Flächen ausgewiesen werden. Und wir müssen behutsam mit den Potenzialen umgehen, die wir jetzt noch haben.

Was heißt das?

Wir haben rund 300 Anfragen pro Jahr. Aber wir können nicht jedem eine Fläche anbieten, der bei uns anklopft. Es gibt einen ausgeklügelten Kriterienkatalog. Wie ist die Wertschöpfung und die Steuerleistung? Wie viele Arbeitsplätze werden geschaffen? Wie passt die Architektur? Wie steht es um Nachhaltigkeit und Image? Da hat ein Logistiker mit hohem Flächenverbrauch und wenig Mitarbeitern ehr nicht so gute Chancen. Zudem können wir einem Interessent Alternativen im Nordgate-Verbund anbieten.

Wie gut arbeiten Norderstedt, Quickborn, Henstedt-Ulzburg, Kaltenkirchen, Bad Bramstedt und Neumünster tatsächlich zusammen, um ihre Gewerbeflächen gemeinsam zu vermarkten? Dominiert am Ende nicht doch der Egoismus und das Schielen auf die Gewerbesteuer?

Wir arbeiten absolut vertrauensvoll zusammen und können auch gönnen. Die Nordgate-Mitglieder teilen sich untereinander mit, wenn ein Unternehmen ein Grundstück sucht. Diese Kooperation ist einmalig in Deutschland. Wichtig ist doch, dass die Arbeitsplätze und die Kaufkraft in der Region bleiben. Ein gutes Beispiel ist Jungheinrich: Als wir dem Unternehmen keine ausreichend große Fläche für den Neubau des Ersatzteillagers bieten konnten, wich Jungheinrich nach Kaltenkirchen aus – für die Mitarbeiter, die in Norderstedt wohnen, gut erreichbar und für den Norderstedter Haushalt gut, weil die Einkommensteuer weiter hier gezahlt wurde. Darüber hinaus konnte Jungheinrich in Norderstedt in anderen Bereichen expandieren.

Beim Wohnungsbau wird als eine Lösung eine engere Zusammenarbeit mit den Nachbarkommunen genannt. Ist das auch für die Wirtschaft denkbar?

Das ist nicht nur denkbar, sondern nötig, um nicht unnütz Flächen zu verbrauchen. Es gibt schon erste Gespräche zwischen Tangstedt und Norderstedt, eventuell gemeinsame Gewerbeflächen östlich der Schleswig-Holstein-Straße auszuweisen. Auch mit Quickborn gibt es Berührungspunkte. Man kann die Flächen gemeinsam entwickeln und an den Verkehr anbinden.

Der Großteil der Gewerbegebiete ist in die Jahre gekommen. Wie steht es um die Revitalisierung, die vor einigen Jahren ein großes Thema war?

Dafür haben die Unternehmer überwiegend selbst gesorgt, wir haben sie dabei unterstützt. Jetzt lässt sich feststellen, dass wir mit unter vier Prozent so gut wie keinen Leerstand haben. Trotzdem achten wir natürlich darauf, ob wie Interessenten nicht ein Büro oder eine Servicefläche aus dem Bestand anbieten können. Eine Ausnahme bildet das Gewerbegebiet Kohfurth, das jetzt als Mischgebiet ausgewiesen ist, nachdem mit Stielow der größte Betrieb schon vor Jahren aufgegeben hat. Bei dieser kleinen Fläche mitten in der Stadt zeigt sich, wie Gewerbe- und Wohnbauflächen in Konkurrenz zueinander stehen. Hier sind jetzt größere Wohnbauprojekte geplant, die gut in das Gebiet mit Nahversorgung und U-Bahnstation in unmittelbarer Nähe passen.

Gibt es Initiativen, Start-ups nach Norderstedt zu holen?

Das macht aus unserer Sicht durch die Nähe zu Hamburg keinen Sinn. Die jungen, hippen Leute gehen dahin, wo die Szene ohnehin schon ist, und das ist in den großen Städten.

Die Experten gehen von einer nur minimal wachsenden oder stagnierenden Konjunktur aus. Wie krisenfest ist Norderstedts Wirtschaft?

Wir haben mehr als 5000 Unternehmen in der Stadt, einige internationale wie die Europazentrale von Casio, wie Tesa, Condair, Jungheinrich, Johnson & Johnson oder Schülke, aber auch viele Mittelständler und Einzelkämpfer. Glücklicherweise sind wir nicht, wie Wolfsburg von VW, abhängig von einem Global Player, sondern durch unseren ausgewogenen Branchenmix breit und solide aufgestellt. Immerhin haben wir in Norderstedt gut 30 Prozent produzierendes Gewerbe, im eher ländlich geprägten Schleswig-Holstein ein überdurchschnittlicher Wert. Aber auch bei Handel, Gastronomie und Dienstleistungen sind wir gut aufgestellt.