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Ärztemangel: Dr. Wahn hängt noch ein Jahr dran

Anna Karolina Staffier unterstützt Carsten Wahn in seiner Praxis nin Kaltenkirchen. Noch vor Monaten hatte er seinen Ruhestand gefeiert. 

Anna Karolina Staffier unterstützt Carsten Wahn in seiner Praxis nin Kaltenkirchen. Noch vor Monaten hatte er seinen Ruhestand gefeiert. 

Foto: Wolfgang Klietz

Der Hausarzt hatte sich in den Ruhestand verabschiedet. Weil Allgemeinmediziner fehlen, arbeitet er weiter – vorerst.

Kaltenkirchen.  Die 1500 Patienten des Kaltenkirchener Hausarztes Carsten Wahn können aufatmen. Ihnen bleibt es vorerst erspart, sich in den ohnehin überfüllten Praxen anderer Allgemeinmediziner behandeln lassen zu müssen. Der 70-jährige Wahn hat sich entschieden, den Praxisbetrieb bis zum Ende des kommenden Jahres weiterzuführen. Dafür hat er sich Verstärkung geholt: Die Ärztin Anna Karolina Staffier unterstützt ihn halbtags in der Praxis.

Wahn hatte bereits am 30. Juni den Beginn seines Ruhestands gefeiert und sich auf ein Leben ohne Arbeit gefreut. Doch die Nachfolge für die Praxis hat er bis heute nicht geklärt. Ohne seine Arbeit oder die eines Nachfolgers, wäre die hausärztliche Versorgung in Kaltenkirchen und dem Umland in akuter Gefahr. Schon jetzt gilt in vielen Praxen eine Aufnahmestopp. Wer mobil ist, versucht in anderen Städten wie Bad Bramstedt und Norderstedt einen Hausarzt zu finden.

Viele Patienten haben sich schon bei Wahn bedankt

„Wenn ich aufhöre, bricht die hausärztliche Versorgung in Kaltenkirchen zusammen“, sagt der Mediziner. Mit Rücksicht auf seine Patienten habe er sich entschieden, vorerst weiterzuarbeiten. Viele Patienten hätten sich bei ihm bereits bedankt.

Dass für die Fortsetzung des Praxisbetriebs bislang keine Lösung gefunden wurde und damit Ende 2020 möglicherweise das endgültige Aus kommt, hat mehrere Gründe. Wahn hat bisher keinen Hausarzt gefunden, der bereit ist, die Kosten für die Praxis zu zahlen. „Das hier ist eine Großpraxis, die verkaufe ich nicht für einen Appel und ein Ei“, sagt Wahn.

Vorerst gescheitert sind auch Gespräche mit der Paracelsus-Klinik in Henstedt-Ulzburg, die Wahns Räume in ein Medizinisches Versorgungszentrum (MVZ) mit mehreren Ärzten umwandeln wollte.

Warum das Projekt gescheitert ist, schildert Wahn so: Die Paracelsus-Klinik sei abgesprungen, nachdem die Kassenärztliche Vereinigung Schleswig-Holstein (KVSH) einen zusätzlichen Arztsitz für einen Schmerztherapeuten im MVZ nicht genehmigt habe. Wahn ist nicht mehr gut auf die KVSH zu sprechen, deren Aufgabe es sei, die ärztliche Versorgung sicherzustellen. „Wenn die KVSH diese Probleme nicht lösen kann, sollten wir sie abschaffen“, sagt der Hausarzt.

Kassenärztliche Vereinigung widerspricht dem Mediziner

Die KVSH weist die Darstellung zurück. „Grundsätzlich ist es so, dass nicht die Kassenärztliche Vereinigung über die Zulassung von Ärzten oder Psychotherapeuten, Anträge auf Anstellung von Ärzten, Anträge auf Sonderbedarf oder Ermächtigungen von Krankenhausärzten zur Teilnahme an der ambulanten Versorgung entscheidet, sondern der sogenannte Zulassungsausschuss“, sagt KVSH-Sprecher Marco Dethlefsen. Der Zulassungsausschuss sei ein unabhängiges Gremium, das paritätisch mit Vertretern der Ärzteschaft und der Krankenkassen besetzt ist. „Die Aussage, die KVSH habe die Schaffung einer neuen Stelle für einen Schmerztherapeuten abgelehnt, ist daher grundlegend falsch“, sagt Dethlefsen. Außerdem habe der Zulassungsausschuss die Stelle für den Schmerztherapeuten nicht abgelehnt, sondern nur im Rahmen einer Voranfrage aufgrund einer groben Einschätzung mitgeteilt, er würde zum jetzigen Zeitpunkt dem Sonderbedarfsantrag nicht zustimmen, da Kaltenkirchen bezogen auf Schmerztherapie in einer relativ gut versorgten Region liege. Die Entfernungen zu schmerztherapeutisch tätigen Ärzten, zum Beispiel in Quickborn und Norderstedt, seien zumutbar. Dort seien freue Kapazitäten vorhanden.

Verschärft werden die Probleme der hausärztlichen Versorgung in Kaltenkirchen außerdem durch die Schließung der Praxis von Eva Lund, die mit 71 Jahren in den Ruhestand geht und keinen Nachfolger hat. „Ihre Patienten sind ab Anfang des Jahres nicht mehr versorgt“, sagt Jochen Gerlach, Vorsitzender des Ärztenetzwerks Henstedt-Ulzburg, Kaltenkirchen, Norderstedt, Bad Bramstedt und Umgebung. „Damit bleibt die hausärztliche Versorgung sehr angespannt und schwierig“, sagt Gerlach.

Er führt den Mangel an Hausärzten in erster Linie darauf zurück, dass Ärzte fehlen, die sich in Kaltenkirchen niederlassen wollen. „Wir haben hier sehr gute Bedingungen, aber die Bewerber fehlen.“

Die Paracelsus-Klinik wollte sich zu dem Vorgang nicht äußern, bestätigte aber ihr Interesse an einem MVZ in Kaltenkirchen.

In Kaltenkirchen soll eine neue Stelle geschaffen werden

Doch die KVSH kann auch eine gute Nachricht vermelden. Durch die Reform der Bedarfsplanung, die auf der Überarbeitung der bundesweiten Richtlinien basiere, werde es zusätzliche Niederlassungsmöglichkeiten für Hausärzte in Schleswig-Holstein geben, berichtet Dethlefsen. „Davon wird auch der Mittelbereich Kaltenkirchen mit Stadt und Umgebung profitieren“, sagte er. Wie viele neue Stellen es konkret werden, könne er noch nicht sagen, da die endgültige Beschlussfassung noch nicht vorliege.

Dethlefsen: „Die neuen Niederlassungsmöglichkeiten sind zunächst zusätzliche Stellen auf dem Papier. Es muss dann auch Ärztinnen und Ärzte geben, die sich auf die Stellen, die Ende des Jahres für den Mittelbereich Kaltenkirchen ausgeschrieben werden, bewerben. So hat die Gemeinde Kaltenkirchen aber die konkrete Chance, gezielt Allgemeinmediziner für eine Niederlassung anzuwerben.“