Norderstedt
Kaltenkirchen

„Mein Mann braucht dringend einen Hausarzt“

Heinz Golla leidet an einer nicht heilbaren Lungenkrankheit. Gemeinsam mit seiner Frau Petra ist der Rentner auf der Suche nach einem Hausarzt.

Heinz Golla leidet an einer nicht heilbaren Lungenkrankheit. Gemeinsam mit seiner Frau Petra ist der Rentner auf der Suche nach einem Hausarzt.

Foto: Annabell Behrmann

In Kaltenkirchen und Umgebung herrscht ein akuter Ärztemangel. Mit Petra und Heinz Goll erzählen zwei Betroffen, was das mit den Menschen macht.

Kaltenkirchen..  Ein durchsichtiger Schlauch führt in die Nase von Heinz Golla. Während er spricht, atmet er immer wieder tief ein. Der 70-Jährige sitzt auf seiner Terrasse in Kaltenkirchen. Neben ihm parkt ein Gehwagen, auf diesem wiederum steht eine große Sauerstoffflasche. 24 Stunden am Tag ist Golla auf zusätzlichen Sauerstoff angewiesen – er leidet seit zehn Jahren an der nicht heilbaren Lungenkrankheit COPD.

Dabei kommt es zu einer Verengung der Atemwege – Husten, Auswurf und Atemnot sind die Folgen. Golla besitzt nicht einmal mehr 30 Prozent seiner Lungenfähigkeit. „Es geht mir nicht gut, aber ich kann noch fast alles selber machen, mich anziehen und duschen“, sagt er. Nur halt etwas langsamer. Und ohne Hektik – sonst würde er sofort nach Luft schnappen, sagt Golla. Wenn sich der gebürtige Hamburger allerdings einen grippalen Infekt einfängt, so wie in der vergangenen Woche erst, kann das schnell lebensbedrohlich für ihn werden. „Dann kann alles in kurzer Zeit vorbei sein“, sagt seine Ehefrau Petra Golla.

Deswegen ist ihr Mann auf ärztliche Hilfe angewiesen. Zwar fährt er zur regelmäßigen Kontrolle zu einem Lungenspezialisten nach Neumünster. Ein ganz normaler Hausarzt betreut Heinz Golla seit Kurzem aber nicht mehr. Der Kaltenkirchener leidet neben seiner Lungenkrankheit noch an Herzrhythmusstörungen und Gicht. Ihm muss regelmäßig Blut abgenommen werden, um zu überprüfen, ob seine Werte in Ordnung sind. Fast 30 Jahre lang hat das Carsten Wahn übernommen. Doch der 70 Jahre alte Allgemeinmediziner verabschiedet sich in den Ruhestand. Das stellt nicht nur ein Problem für das Ehepaar Golla dar – sondern für ganz Kaltenkirchen.

1500 Patienten sind auf der Suche nach einem Hausarzt

Die Not in der Stadt ist riesengroß, auch weil mit Thorsten Wieczorrek ein Allgemeinmediziner und Internist Anfang des Jahres unerwartet verstorben ist. Carsten Wahn hat drei Jahre lang einen Nachfolger für seine Praxis gesucht. Doch ohne Erfolg. Nun sind mehr als 1500 Patienten auf der Suche nach einem neuen Hausarzt. „Ich habe alle Ärzte aus dem Telefonbuch in Kaltenkirchen abtelefoniert. Das waren um die zehn Stück – und keiner will meinen Mann aufnehmen“, sagt Petra Golla.

In ihrer Not hat sie ihren stark erkälteten Ehemann in der vergangenen Woche zu ihrer Hausärztin nach Kisdorf gebracht. „Aber auch hier wird er nur behandelt, wenn es akut ist“, sagt die 64-Jährige. In der Umgebung hat Petra Golla nach weiteren Hausärzten gesucht, doch auch Henstedt-Ulzburg, Kisdorf und Ellerau haben keine Kapazitäten und einen Aufnahmestopp wegen Überlastung verhängt. „Nur in Bad Bramstedt habe ich es noch nicht versucht.“

Doch auch in dem benachbarten Kurort ist die Versorgungslage angespannt. Der Sozialausschuss hat sich während seiner jüngsten Sitzung mit dem Problem befasst, dass demnächst vier Hausärzte in den Ruhestand gehen. Die Sorge ist groß, dass die Stadt diese Arztsitze verlieren könnte.

Bad Bramstedt hat inzwischen ein Konzept in Auftrag gegeben, um die künftige Versorgung sicherzustellen. Außerdem finden Gespräche mit den Hausärzten über einen sogenannten Zukunftsplan statt. „Unser Ziel ist ein Gesundheitszentrum mit Ärzten und Angeboten für Pflege und Ausbildung“, sagt Bürgermeisterin Verena Jeske.

Bei der Ausbildung strebt sie auch die Zusammenarbeit mit dem Klinikum Bad Bramstedt und der Schön-Klinik an. Die Stadt führe bereits Gespräche mit drei potenziellen Investoren, die Interesse an einem Gesundheitszentrum haben. „Erste junge Ärzte haben bereits Interesse signalisiert“, sagt Jeske. Sie bezeichnet die ärztliche Versorgung als wichtigen Standortfaktor für die Stadt.

Wenn es nach der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) geht, ist die Region überversorgt mit Ärzten. „Wie kann die KV so etwas behaupten, wenn etliche Leute auf der Suche sind? Das verstehe ich nicht“, sagt Petra Golla und zuckt mit den Schultern. Jahrelang habe sich Kaltenkirchen bemüht, attraktiv für neue Bewohner zu sein. „Und jetzt soll ich wieder nach außerhalb fahren?“, fragt Heinz Golla ironisch.

Der Rentner hat sein Leben lang in einer Druckerei mit Chemikalien gearbeitet. Seine Lungenkrankheit habe aber eine andere Ursache, sagen die Ärzte. Golla hat 45 Jahre geraucht. Um aufzuhören, hat er zwei Anläufe gebraucht. Seit einem Jahr ist er dauerhaft an eine Sauerstoffflasche gebunden – nur für das Foto mit dem Abendblatt hat er seine Nasenbrille abgenommen. „Das sieht besser aus“, sagt er.

Petra und Heinz Golla haben schon für viele Probleme in ihrem Leben eine Lösung gefunden. Vor 40 Jahren haben sie gemeinsam um ihre Liebe gekämpft. „Ich wohnte im Ruhrgebiet und Heinz in Hamburg“, sagt Petra Golla. Als sie 14 und 19 waren, haben sie sich auf einem Campingplatz bei Lauenburg kennengelernt. „Danach haben wir uns noch zwei Jahre lang Briefe geschrieben. Doch die Entfernung war einfach zu groß.“

Bis September nimmt Dr. Wahn noch Blut ab

Petra Golla heiratete zunächst einen anderen Mann und bekam eine Tochter mit ihm. Wenig später ließ sie sich wieder scheiden. Ihre Jugendliebe Heinz hatte sie nie vergessen. „Früher gab es in den Postämtern Telefonbücher von ganz Deutschland. Ich kannte immer seine aktuelle Nummer“, sagt sie. Eines Nachts, zehn Jahre nach ihrem ersten Treffen, hat sie all ihren Mut zusammengenommen und Heinz angerufen. Dieser sagte am nächsten Tag zu einem Arbeitskollegen: „Gestern Abend hat meine zukünftige Frau bei mir angerufen.“ Und so war es dann auch.

Wie es einen Hausarzt finden will, weiß das Ehepaar trotzdem nicht. Noch bis Ende September können sich Patienten in der Praxis von Carsten Wahn einmal im Monat Blut abnehmen lassen. Danach ist endgültig Schluss. Petra Golla: „Bis wir keine Lösung haben, muss ich mir noch mehr Sorgen um meinen Mann als ohnehin schon machen.“